3 Lieblingsstücke von … Geoffrey Winter

In der neuen Artikelreihe “3 Lieblingsstücke von…” beschreiben (Orchester-)Musiker*innen kurz die drei Stücke, die sie selbst im Konzert am liebsten spielen, auf die sie sich im anstrengenden Konzertalltag als persönliche Highlights freuen.

Viele Musiker*innen hängen mit Leib und Seele an ihrem Beruf, und Viele gehen dafür weite Wege. So auch der in Seattle/USA geborene Hornist Geoffrey Winter, der dort und in Kalifornien seine Ausbildung erhielt, und danach in verschiedenen Ländern in Orchestern tätig war. Ausserdem wurde er schon früh in das renommierte American Horn Quartet berufen. Seit 1988 lebt er in Deutschland, und ist Solohornist des Beethoven Orchesters in Bonn. Mit der Gründung des Orchesters im Jahr 1907 bekam die Stadt Bonn nach der Auflösung der Hofkapelle 1794 erstmals wieder ein eigenes Orchester, das sich im Lauf seiner Geschichte zu einem wichtigen Klangkörper in Deutschland entwickelte und nun den Geburtstag seines Namensgebers feiert. 

Geoffrey Winter hat uns seine drei Lieblingsstücke verraten.

Geoffrey Winter
Geoffrey Winter

 

Das Leben eines Orchestermusikers beinhaltet eine große Bandbreite verschiedener Epochen, Stilen und Besetzungen. Im Laufe der Jahre als Berufsmusiker sammelt man unglaublich viel Erfahrung. Eine solche Entscheidung zu treffen, ist also eine echte Qual der Wahl!

Richard Strauss – Eine Alpensinfonie

Aber wenn ich nur drei Stücke nennen darf, würde ich zunächst mit einem Stück anfangen, dass ich bereits mit 16 Jahren – vor mehr als 44 Jahren – erstmals spielen durfte: Die Alpensinfonie von Richard Strauss. Als Hornist ist dieses Werk, mit den vielen, großen, heroischen und herausfordernden Horn-Passagen, voller Anreize und mit viel Spaß verbunden! Im Laufe der Jahre hatte ich verschiedene Gelegenheiten dieses Stück zu spielen, nicht nur in Bonn, sondern auch mit vielen anderen Orchestern. 1999 war ich z. B. in Melbourne/Australien, wo ich einen dreiwöchigen Horn-Workshop geleitet habe. Ein Teil dieses Workshops war eine gemeinsame Aufführung der Bühnenmusik der Alpensinfonie mit allen anderen 45 Teilnehmern und dem Melbourne Symphony Orchestra im Victoria Arts Center!

 

Dmitrij Schostakowitsch – 10. Sinfonie

Als zweites Werk würde ich die 10. Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch wählen. Das Werk war in Leningrad erstmals 1953, nach dem Tod Stalins, zu hören. Die Sinfonie beginnt voller Schmerz und Einsamkeit, und wandelt sich in einen Triumph über die kommunistische Partei. Schostakowitsch komponierte sogar seinen Namen in die Musik (das D-Es-C-H Motiv im letzten Satz). Mehrmals durfte ich die Sinfonie hier in Bonn spielen und das Beethoven Orchester Bonn hat das unter der Leitung von Roman Kofman im Jahr 2003 sogar aufgenommen. An dieser Stelle möchte ich von einer kleinen Angewohnheit von mir erzählen: Wenn ich ein Stück, dass mich so bewegt, spiele, schreibe ich am Ende der Noten ein kleines Zeichen dazu. Genauer gesagt, trage ich meine Initialen „G.W.“ zusammen mit dem Datum des Konzerts ein. Interessanterweise habe ich bei diesem Werk bei jeder Aufführung immer die gleichen Noten aus der Notenbibliothek bekommen – und auf der letzten Seite sah ich immer meine Initialen. Mittlerweile sind dort schon fünf Daten eingetragen!

 

Gustav Mahler – 8. Sinfonie

Das dritte Werk, und das ist wohl das Wichtigste für mich, ist die 8. Sinfonie von Gustav Mahler. Wie bei der Alpensinfonie, ist das Werk voller wunderbarer bewegender Passagen. Nicht nur für das 1. Horn, sondern für alle acht Hörner, die in diesem Werk zum Klingen kommen. Ich hatte die Gelegenheit, das Werk mehrmals hier mit dem BOB zu spielen und es macht immer ein riesig Spaß! Das Werk wird auch “Sinfonie der Tausend” genannt, da nicht nur eine riesige Orchesterbesetzung mit vielen Bläsern gefragt ist, sondern dazu auch noch Klavier, Celesta, ein großer Chor, Kinderchor und Solo-Gesang kommen.

    Tatsächlich kommt dieses Opus nicht oft zum Klingen. Aber von der letzten Aufführung in der Beethovenhalle, vor elf Jahren (25.09.2009), unter der Leitung von Stefan Blunier, habe ich noch eine sehr klare Erinnerung. Stellen Sie sich vor: als Solo-Hornist sitze ich beinahe direkt mittendrin im Orchester. Links von mir sitzt ein Assistent, was bei solch großen herausfordernden Stücken üblich ist. Am Schluss des ersten Satzes erklingt ein Es-Dur Akkord, gespielt von dem gesamten riesigen Klangköper um mich herum. Es wird so laut, dass es die Knochen vibrieren lässt. Ich selbst spiele jedoch nicht, sondern für einen kurzen Moment übernimmt der Assistent des 1. Horns die Stimme. An dieser Stelle spüre ich, dass ich in dieser Welle eines schönen, überwältigenden Klanges schwimme, fast wie von einem klanglichen Tsunami überrollt werde. Und was sind meine Gedanken in diesem Moment? Ich denke: alle Musiker um mich spielen mit Herzenslust diese große schöne Welle des Klangs. Und das Publikum genießt es auch… aber während sie dafür ein Ticket gekauft haben, sitze ich da, noch näher als alle anderen, und werde dafür sogar bezahlt!

Ach, wie ich meinem Beruf liebe, und wie ich ihn, während dieser Krise, die uns alle trifft, auch vermisse!

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