Einfach Klassik.

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32. Usedomer Musikfestival in Peenemünde eröffnet 

Ein Beitrag von Ekkehard Ochs

Der Startschuss ist gefallen, die wieder glanzvolle Reihe musikalischer Veranstaltungen eröffnet. Will heißen: Der dreiwöchige, nunmehr 32. Jahrgang des Usedomer Musikfestivals (UMF, 20. 9. – 11.10.) präsentierte am vergangenen Samstag im Kraftwerk des Museums Peenemünde und damit gleich zu Beginn den denkbar besten Einstieg in das diesjährige und alle zwei Dutzend Veranstaltungen prägende Generalthema FINNLAND. Dies mit dem Baltic Sea Philharmonic, der finnischen Geigerin Iidamari Ahonen und dem sehr kurzfristig eingesprungenen amerikanischen Dirigenten Robert Trevino. Das Programm –  so attraktiv wie repräsentativ – bot mit Einojuhani Rautavaaras Cantus arcticus op. 61 von 1972 sowie dem Konzert für Violine und Orchester d-Moll op. 47 (1903/1905) und der Sinfonie Nr. 5 Es-Dur op 82 (1919) von Jean Sibelius (1865-1957) gleich drei Werke von besonderer finnisch-nationaler Bedeutung. Sie sind im Übrigen bestens geeignet, Neugier für eine Musikkultur zu wecken, die hierzulande – eigentlich betrifft das den gesamten skandinavischen Raum – in ihrer beeindruckenden Menge und Vielfalt viel zu wenig bekannt ist. Dass man auf Usedom seit nunmehr gut drei Jahrzehnten Musik ausschließlich des Ostseeraumes anbietet, ist schon deshalb aller Ehren wert und als Musikfest mit entsprechend singulären Programmen längst unverzichtbar.  

Usedomer Musikfestival als Publikumsmagnet

Doch zurück nach Peenemünde! Die riesige ehemalige Maschinenhalle mit 1200 Besuchern rappelvoll, die Erwartungen hoch. Schon die Beteiligung des Baltic Sea Philharmonic, seit 2008 aus dem Usedomer Musikfestival hervorgegangen und mittlerweile unter dem Gründungsdirigenten Kristjan Järvi längst Kult-Ensemble mit so einmaligen wie besonderen und vielfach schon als „visionär“ bezeichneten Eigenschaften, erweist sich jährlich als unwiderstehlicher Publikumsmagnet. In diesem Sinne „anziehend“ war aber eben auch das Programm und eine erst 22jährige finnische Solistin mit einem Solokonzert der durchaus besonderen Art. Dass sich der Dirigent als denkbar starke Persönlichkeit vor einem unglaublich leistungsfähigen und -willigen jugendlichen (!) Orchester erwies, war dann der berühmte, hier ganz dicke „Punkt auf dem I“. 

Moderne Klassik zu Beginn. Rautavaara war einer der großen Finnen, einer derjenigen, die kompositorisch bewusst auf den Traditionen der finnischen Volksmusik fußen, sich aber gleichzeitig mit den teils avantgardistischen Entwicklungen zeitgenössischer europäischer Musik auseinandersetzten. Dies auf sehr unterschiedliche Art, was  – übrigens ganz Skandinavien betreffend – zu hochinteressanten, originellen Erscheinungen etwa hinsichtlich einer skandinavischen Nationalromantik führte. 

Robert Trevino, Foto @ Geert Maciejewski
Robert Trevino, Foto @ Geert Maciejewski

Für Rautavaaras Cantus Arcticus – Konzert der Vögel ist etwas sehr Spezielles entscheidend: die Einbeziehung von Naturlauten, hier diverse Vogelstimmen, die der Komponist selbst in Nordfinnland aufgenommen hat und die – vom Tonband eingespielt – alle drei Sätze des Werkes durchgängig begleiten. Rautavaara hat das Stück als „sehr finnisch“, gar als „urfinnisch“ bezeichnet und es dennoch auch als „modern“ gesehen. 

Was den Hörenden begegnet, das sind meist ruhige, oft schwebend wirkende Klänge, viel Kurzmotivik, (oft wiederholt), teils irisierende Tremoli-Ketten, parallele, durchsichtig bis kraftvoll ausgeprägte, gelegentlich auch hymnisch aufsteigende  Akkordverschiebungen und wirkungsvoll in diese 

Inszenierungsmöglichkeiten genutzt

Klangflächen eingelagerte Melodien. Eigentlich sind es drei Stimmungsbilder – Der Sumpf, Melancholie, Ziehende Schwäne – die von atmosphärischer Dichte und durchaus „bildhafter“, allerdings unaufdringlicher und wohlklingender Musiksprache geprägt sind.

Es verwunderte nicht, dass das Orchester – sehr eigener, nahezu theatralisch ausgeprägter Aufführungs-Traditionen treu bleibend – auch hier Inszenierungsmöglichkeiten nutzte. Man kam einzeln und teils bereits spielend aus dem Dunkel, komplettierte sich sehr allmählich in zudem aufgelockerter, Instrumentengruppen mischender Besetzung, wechselte dann während der Aufführung vor allem in den Bläsern permanent die Positionen (und damit Klangfarben) und leitete – fast erwartbar – nahtlos über zum Violinkonzert von Sibelius.  

Iidamari Ahonen, Foto © Geert Maciejewski
Iidamari Ahonen, Foto © Geert Maciejewski

Denn inzwischen war unauffällig die 22jährige Geigerin Iidamari Ahonen neben dem Dirigenten erschienen. Mit ihrem Auftritt bewies sie, dass ihre bisherige, auch international bereits erfolgreiche Karriere kein Zufall ist. Sie hat das in mehrfacher Hinsicht schwierige Werk nicht nur sicher in den Fingern. Hörbar und erlebbar war auch die Präsenz einer geistigen Dimension, ohne die das Werk künstlerisch wirkungslos bliebe. Schlank oder auch voluminös ist ihr Ton, dynamisch variabel und von fesselnder Intensität, lyrisch versonnen oder expressiv leuchtend und von balladesker „Erzählweise“. Letztlich blieb es – kein Kritikpunkt! – die Entscheidung des Hörers, das Werk in ihrer Interpretation als eher lyrisch-pathetisch oder konflikthaft und gedanklich reflektiv zu empfinden. Sowohl für das Eine wie das Andere gäbe es Argumente, und eine Alternativlosigkeit wäre sicher kaum angebracht. Der Solistin zumindest war deutlich anzumerken, dass ihr die Einbettung von spieltechnisch virtuoser Dominanz in einen durchaus sinfonisch zu nennenden, zumindest paritätisch wichtigen, großen musikalischen Zusammenhang wichtig schien. Dazu gehörte als passende Geste die nach dem Konzert verliehene Auszeichnung als Usedomer Festival-Musikpreisträgerin 2025! 

Iidamari Ahonen, Robert Trevino, Baltic Sea Philharmonic, Foto © Geert Maciejewski
Iidamari Ahonen, Robert Trevino, Baltic Sea Philharmonic, Foto © Geert Maciejewski

War schon der Rautavaara klanglich exzellent musiziert und ließ auch das Solokonzert orchestral ebenso Erstaunliches vernehmen, so geriet die Fünfte von Sibelius zum grandiosen Plädoyer für ein  Werk, das dem Komponisten – wie alle seine Sinfonien – als Besonderes galt. „ Es sind ja meine Sinfonien Glaubensbekenntnisse mehr als meine übrigen Werke.“ Und an anderer Stelle: „Meine Sinfonien sind Musik – erdacht und ausgearbeitet als Ausdruck der Musik, ohne irgendwelche literarische Grundlag…für mich beginnt Musik, wo das Wort aufhört. Eine Sinfonie soll zuerst und zuletzt Musik sein.“

Expressive Stringenz

Hier verbietet sich also ein „Denken in Bildern“, mit „Absichten“ oder „Botschaften“. Das sollte man wissen und sich daran halten, auch wenn es in solch fordernder und liebe Gewohnheiten zurück lassender Formulierung schwerfallen sollte. 

Entscheidend also, dass mit Robert Trevino und dem Baltic Sea Philharmonic beim Usedomer Musikfestival Interpreten zur Verfügung standen, die einen solchen Vorgang ungemein erleichterten. Im Stehen und komplett auswendig musizierend (!), ungemein aufmerksam reagierend und von einer ungewohnt subtilen Art des Spielens schaffte man es, buchstäblich jeden Ton, jede Phrase, jedes Thema, jeden Klang, einfach alles, zum unmittelbar packenden Erlebnis werden zu lassen. Dies mit bohrender Intensität und einer expressiven Stringenz, die atemlos, ja, geraezu süchtig machte, und die das Erinnerungsvermögen mit der Frage beschäftigte, ob man dieses Stück jemals auf eine solch faszinierende, aufwühlende Weise gehört, nein, erlebt und durchlebt hat.! Der schwierige Sibelius, stilistisch kaum irgendwo und irgendwie „einzuordnen“, hier lebte er  – wie gewünscht – als  reine Musik, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der Glücksfall eines seltenen AHA-Erlebnisses!   

Titelfoto © Geert Maciejewski

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