Die luxemburgische Komponistin Albena Petrovic lässt zwei Pianisten an zwei Flügeln eine Klangwelt erkunden, die mit wenig auskommt und doch ungeheuer viel erzählt.
Es beginnt mit fast nichts. Zwei Terzschläge, der zweite verwischt zum Cluster. Dann wieder. Und wieder. Pochend, motorisch, dabei merkwürdig offen. Eine Viertelstunde lang entfaltet sich das eröffnende „Concerto for Two Pianos“ aus dieser winzigen Keimzelle – und man begreift: Hier geht es nicht um Materialschlacht, sondern um die Kunst, aus dem Wenigen das Maximale herauszuholen. Jemand hat dafür den Begriff „expansiver Reduktivismus“ geprägt. Besser kann man es kaum sagen.
Reduktion als Prinzip: Das „Concerto for Two Pianos“
Albena Petrovic, gebürtige Bulgarin, seit den Neunzigerjahren in Luxemburg zu Hause, hat über 600 Werke geschrieben, darunter neun Opern. Beeindruckende Zahlen, die aber wenig darüber verraten, wie diese Musik tatsächlich klingt. Wer 2016 das Soloalbum „Crystal Dream“ mit dem Pianisten Romain Nosbaum gehört hat, weiß es: zeitgenössische Komposition, die sich anfühlt, als würde jemand frei improvisieren. Streng in der Form, sinnlich im Klang. Jetzt, zehn Jahre später, weitet sich diese Welt: Neben Nosbaum sitzt der niederländisch-rumänische Pianist Florin Mantale am zweiten Flügel, aufgenommen im Kammermusiksaal der Philharmonie Luxembourg. Und sofort entsteht ein Klangraum, den ein einzelnes Instrument so nie hätte öffnen können.

Zwei Pianisten, ein Klangraum
Die beiden ergänzen sich prächtig. Wo Nosbaum mit introvertierter Intensität in die Tiefe bohrt, setzt Mantale helle, fast lyrische Akzente dagegen. Keiner begleitet den anderen, keiner spiegelt ihn. Das ist Dialog auf Augenhöhe, getragen von einem gemeinsamen Verständnis dafür, was Klang alles sein kann. Fünf Werke umfasst das Album, und jedes öffnet eine andere Tür. In „Sand of Oblivion“ ballen sich zwei Töne zu pulsierenden Clustern zusammen, ergänzt durch Klangschalen, Tamburine und perkussive Gesten auf dem Klavierkorpus – das Instrument klingt dunkler und wilder als man es ihm zutrauen würde. „The Invisible Window“, ursprünglich für Klavier und Harfe geschrieben, führt buchstäblich ins Innere der Flügel: Glissandi auf den Saiten, Schläge mit der flachen Hand, Obertonlandschaften, durch die man regelrecht hindurchwandert.
Klangexperimente zwischen Präparation und Geste
Aber warum „Escapes“? Flucht durchzieht Petrovics Schaffen wie ein roter Faden – nicht als panisches Davonlaufen, sondern als bewusster Aufbruch in eine Welt aus Fantasie und Poesie. Die vier „Escapes“-Miniaturen machen das wunderbar hörbar: expressiv aufgeladene Skizzen, die sich von einer spielenden Hand schrittweise auf vier steigern, bis beide Pianisten gleichzeitig Tasten und Perkussion bedienen. Im letzten Stück wird es melodischer, wärmer, fast zärtlich – als käme die Flucht endlich zur Ruhe.
Flucht als ästhetisches Konzept: Die „Escapes“-Miniaturen
Und genau das tut sie am Ende: Die „Exotic Dances“ beschließen das Album mit einer Heiterkeit, die nach all der hochkonzentrierten Intensität wie ein Aufatmen wirkt. Als wollte Albena Petrovic sagen: Auch wer tief eintaucht, darf irgendwann wieder auftauchen – und lächeln.


