Album-Review: Benedict Klöckner plays “Über die Linie” by Wolfgang Rihm

Von Stefan Pillhofer

Über die Linie

Als das vorliegende Album durch den ewigen Malstrom der sozialen Medienkanäle an mir vorbei mäanderte blieb es in meinen so sorgsam und aufwändig aufgestellten Interessenfiltern sofort hängen. Der Cellist Benedict Klöckner war mir natürlich schon ein Begriff, nicht zuletzt, weil er im Blog bereits Thema war. Hier aber spielt er Wolfgang Rihm! Gut, bei einem jungen Musiker seiner Kategorie ist das nachvollziehbar, aber er spielt allein! Also ein Werk für Solo-Cello, 35 Minuten lang – “Über die Linie”. Das musste ich mir sofort anhören, in der starken Hoffnung auf etwas Interessantes zu stossen, positiv oder negativ. Enttäuscht wurde ich nicht. Zunächst durch den sehr auffälligen, fast schon aufdringlichen Raumklang, der Klöckners Spiel auf der Aufnahme umgibt. Beim weiteren Anhören fiel mir dann auf, dass trotz der exponierten Stellung, die Rihms Werk innehat, es mir beim Anhören nicht wie ein theoretisches Kunstwerk vorkam, sondern ich hörte Musik, fast wie aus dem Küchenradio. 

Ein besonderes Konzept

“Über die Linie” ist das erste einer Reihe von Rihms Werken, und lotet die Möglichkeiten des Cellos aus, versucht darüberhinaus die Grenzen des Instrumentes zu überschreiten. Diese Linie zu überqueren. Auch dieses Werk fordert dem Ausführenden also alles ab, und das reizte Klöckner so sehr, dass er mit den Produzenten Christian Lillinger und Johannes Brecht dieses besondere Produktionskonzept umsetzte, und das Stück als Ersteinspielung aufnahm. Als Ort wählten die Produzenten einen ehemaligen Nazibunker unter den UFO Sound Studios in Berlin. Wir hören also den dort im Raum herrschenden, sehr langen und prägnanten Hall, wobei die Aufnahme kaum geschnitten oder nachbearbeitet wurde. 

Ob der kolportierte, technische Schwierigkeitsgrad wirklich dieses Ausmaß hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber eines wird beim Hören schnell klar. Klöckner lässt das Werk mühelos erscheinen, und nimmt ihm somit diese große, aufgebürdete Last, “unspielbar” zu sein. Nein, “Über die Linie” darf bei Benedict Klöckner einfach Musik sein, wunderschöne Musik. Er musiziert die Melodien voller Genuß, hört sich selbst beim Spielen zu, freut sich offenbar immer wieder auf die nächste Melodie, die nächste Sequenz. Der Cellist begreift diese Aufnahme als ganzheitlicheren Vorgang, bindet sowohl seine eigenen Körpergeräusche in den musikalischen Vortrag mit ein, als auch diesen aussergewöhnlichen Raumklang, in den er sich nicht nur integriert, in den er den Klang seines Instrumentes nicht nur möglichst passend einbaut. Er nimmt diesen alten Bunker in dem er sitzt als musikalischen Partner, als weiteres Instrument, das sich beteiligt, mit dem er interagieren kann, mit dem er sein eigenes Spiel austauschen kann. 

Hallarbeit

Klöckner setzt permanent Töne mal mehr, mal weniger tief in den Raum, schickt geräuschhafte Anteile der Komposition mit Verve in die Halle, so dass sie von den schroffen Betonwänden multipliziert zu den Mikrofonen zurückkommen, und so bestimmte Aspekte in Rihms Musik auf kunstvolle, aber auch beeindruckende und manchmal sogar etwas beklemmende Weise verstärken. Laute Nachhallfahnen nutzt der Cellist ab und an geschickt, um direkt danach leisere Töne daraus auftauchen zu lassen, und lässt ein anderes mal mit kräftig gestrichenen, tiefen Tönen den Raum regelrecht grollen. Auf der anderen Seite des Instrumentenklangs sitzt Klöckners Persönlichkeit als Verlängerung des Cellos. Für seine Atemgeräusche beim spielen bereits bekannt, nutzt er Diese hier wieder geschickt, und lässt sie richtig mitspielen. Man kennt das ja bereits aus vielen Aufnahmen, aber “Über die Linie” stellt einen Auftrag dar, an Grenzen zu gehen, und die Atemgeräusche fügen sich da sehr gut in die Komposition ein.

Über die Linie
Benedict Klöckner, Foto von Marco Borggreve

 

In den mittleren Lagen stellt der Cellist schön die besonderen Eigenschaften des Instrumentes heraus, indem er das typische Cello-Timbre betont, und hier abermals den Raumklang zur Multiplikation der Wirkung verwendet. 

Nach kurzer Zeit mit dieser Aufnahme war ich höchst erstaunt darüber, dass eine Solo-Aufführung so ein reichhaltiges Hörerlebnis sein kann. Klar, es ist Neue Musik. Ach. Aber ich empfehle Jedem dringend sich 35 Minuten Zeit und einen Kopfhörer zu nehmen, und “Über die Linie” mit Benedict Klöckner wenigstens einmal in voller Länge und in Ruhe anzuhören.  Es besteht die Chance, dass sich dabei neue Räume – nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes – öffnen.

Trackliste

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