Album Review: Die Kolophonistinnen – Heldinnenleben

Von Katja Zakotnik

An ihr kommt man nicht vorbei: der CD mit vier energischen jungen Frauen und ihren Celli mit dem Titel „Heldinnenleben“. Bereits beim Anblick beschleicht einen das Gefühl, dieses Album könnte sich weit fernab des Mainstream bewegen. Und dieses Gefühl sollte Recht behalten.

Etwas Anderes

Cellistinnen sind ja per se schon Heldinnen. Das Cello ist ein schweres Instrument, sowohl bezüglich des Gewichts als auch des Spiels, und wer dieses Instrument in Gänze beherrschen will, braucht viel Kraft. (Getoppt werden Frauen am Cello nur noch durch die eine oder andere Kontrabassistin, aber dazu ein andermal.)

Dass sich Cellist*innen als Quartett formieren, ist nicht ganz so selten und so ist die Auswahl der Originalliteratur für ein junges, modernes Ensemble durchaus irgendwann „fad“, wie der Österreicher es sagen würde. Für die vier Musikerinnen dieses Albums, die sich „Die Kolophonistinnen“ nennen, gehörte es daher zum Selbstverständnis, neue Arrangements zu spielen, die einerseits Bekanntes zum Ausgangspunkt haben und andererseits neue Grenzen erschließen. Damit treffen die vier Damen ins Schwarze und können sich sicher sein, zugleich Stammpublikum zu behalten und neue Zuhörer*innen anzulocken – eine Eigenschaft, die Vorbildcharakter hat.

Das Programm

Die CD umgedreht und auf die Titel geschaut, kommt es zum zweiten, leicht irritierten Blick: „Radetzky-Marsch“ und „Wiener Blut“, kann man das wirklich als modern bezeichnen?

Ja, man kann und man muss. Die Arrangements dieser beiden Titel kommen von Leonhard Roczek, selbst bekannter Cellist und Lehrender am Mozarteum, der sich auf klassischem und ganz und gar un-klassischem Terrain bewegt (u.a. Minetti Quartett, Metaphysis Cello-Rock- bzw. Metal-Trio). Wenn man das weiß, wundert einen nicht mehr viel und man ist nur noch ein bisschen überrascht davon, dass „Wiener Blut“ nicht so beginnt, wie man es gewohnt ist und dass es auch nicht so weitergeht, wie man es gewohnt ist. Da lassen „Die Kolophonistinnen“ ihr Kolophonium auch mal kratzen, setzen den Bogen eng am Steg an und produzieren das sogenannte „Sul ponticello“, dazu ein paar Flageoletts. So wähnt man sich einerseits mitten in den Alpen und dann doch irgendwo halb im Jazz, nur um dann aus dem Hintergrund wieder in den Walzer hinein zu kommen.

Dass immer „a bisserl Zeit ist für Wiener Schmäh“, versteht sich von selbst.

Beim Lauschen des Radetzky-Marschs ergeht es der/dem Hörer*in nicht wirklich anders als beim „Wiener Blut“. Dank der typischen rhythmischen Figur erkennt man das Stück problemlos, aber was Dur sein sollte, ist Moll und umgekehrt – und sei es, dass dieser Wechsel dazu da ist, sich musikalisch plötzlich im Filmmusikthema von „Star Wars“ wiederzufinden (dem Komponisten John Williams dürfte dieser Mix sicher gefallen). Wer denkt, es endet, wie es enden sollte, hat sich selbstverständlich geschnitten, denn kurz vor Schluss „streiten“ sich die Cellostimmen noch geschwind, wer eigentlich den Schluss einleiten soll.

Wechsel und Vielfalt

Nach so viel Dichte ist der Titel „Cellinnen und außen“ des Komponisten und Saxophonisten Florian Bramböck direkt entspannend. Obwohl das Werk nicht minder raffiniert ist, bewegt sich das Ensemble hier sicher und gekonnt durch den Jazz und kreiert damit die perfekte Überleitung zum nächsten Titel und zu einer ganz neue Welt.

„Preikestolen“ klingt wie das, was es ist: Die norwegische Felsplattform in Ryfylke mit weitem Blick über den Lysefjord und die angrenzenden Berge. Komponiert von dem österreichischen Cellisten Matthias Bartolomey, ist dieser Titel ein wunderbarer Schwerpunkt des Albums. Den vier Musikerinnen gelingt es exzellent, die Stimmung dieses Ausblicks musikalisch wiederzugeben – sie kreieren gemeinsame Farben und spinnen einen langen Spannungsbogen über das gesamte Werk.

Und dann finden sie doch noch zur sogenannten „Klassik“.

Mit dem polnisch-französischen Komponisten Alexandre Tansmann und seinen „Deux mouvements pour quatuor de violoncelles“ werfen sie einen wunderbaren Blick zurück in die Welt des Impressionismus bzw. Neoklassizismus. Zugleich lassen sie einen vollkommen zu Unrecht selten gespielten Tonschöpfer zu Wort. Das Werk verlangt ihnen Analyse und intonatorische Perfektion ab und beides meistern sie mit Bravour. Beide Sätze sind es wert, zurück gespult und mehrmals angehört zu werden. Der erste, das „Adagio cantabile“, ist sehr leidenschaftlich gespielt. Nur wer eine Wunschfee zur Hand hat, würde sich hier noch etwas solistischeren, größeren Klang (auch in den Mittelstimmen) wünschen sowie ein differenzierteres Vibrato.

Heldinnenleben
Die Kolophonistinnen, Foto von Nancy Horowitz

 

Der zweite Satz birgt Spannung und eine Fuge. Dass er mit „Allegro molto risoluto“ überschrieben ist, wird beim Zuhören deutlich, den romantischen Stellen jedoch, die so typisch für Tansmann sind, geben die Cellistinnen etwas zu wenig Tiefe.

Ein Eigenarrangement des Quartetts ist der bekannte Walzer aus der Suite Op. 50b von Dimitri Schostakowitsch. Hannah Amann hat ihn für ihr Ensemble angefertigt und er schließt den Block der Werke osteuropäischer Komponisten gelungen ab.

Gegen die Gewohnheit

Wer noch nicht wusste, dass es viele Cellist*innen gibt, die fantastisch und bisweilen verrückt arrangieren und komponieren, der stellt es spätestens mit dem Filmmusik-Titelthema aus „Mission Impossible“ und dem Tango „Por una cabeza“ fest. Beide Stücke sind bearbeitet von James Barralet, einem britischen Cellisten. Vor allem beim Tango wird wieder offensichtlich, dass „Die Kolophonistinnen“ augenscheinlich nur Musik mit Humor auf ihr Notenpult legen – wenn sich plötzlich eine kleine Fuge in das Stück stiehlt und die Gewohnheits-Ohren des Publikums, vielleicht auch die Füße der Tangotänzer, durcheinander bringt.

Den Abschluss der CD bildet die Komposition, die zugleich Namensgeber des Albums ist: „Heldinnenleben“, geschrieben von Leonhard Roczek. Sie ist angelehnt an die Tondichtung „Heldenleben“ Op. 40 von Richard Strauss. Wer diese Rezension von Beginn bis hierhin gelesen hat, darf drei Mal raten: das Werk geht keinesfalls so weiter, wie man es vermutet hätte. Was tatsächlich mit dem Heldenleben-Thema beginnt, wird zu einer kleinen Liebeserklärung an Wien. Dann einen Sprung in den Jazz, quer durch ein Stück Musikgeschichte, um abschließend…

…nein, ich verrate es nicht. Aber es war irgendwie klar. Hören Sie selbst.

Trackliste

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