Album-Review: Enno Poppe – Stoff

Von Stefan Pillhofer

Enno Poppe - Stoff


Ich mag es manchmal schon gern, eine meiner Meinungen zu ändern, oder ändern zu lassen. Manchmal habe ich über ein Thema eine bestimmte Idee im Kopf, ohne mich tiefer damit beschäftigt zu haben. Das können Bilder sein, die durch Medien transportiert, oder bewusst in eine bestimmte Richtung hin dargestellt wurden. 

Die Beteiligten

Auf den schnellen ersten Blick sah ich den Komponisten und Dirigenten Enno Poppe als vergeistigten Künstler, der ganz in seinem Kosmos aufgeht. In einem Konzert durfte ich dann glücklicherweise erleben, mit wieviel Humor Poppe seine Musik und die, die er dirigiert angeht. Man meint fast eine gewisse Portion Selbstironie zu spüren, wenn sich Poppe nach einem Dirigat mit verschmitztem Grinsen zum Publikum umdreht um sich zu verbeugen.

Die Stücke des vorliegenden Albums Enno Poppe – Stoff, welches morgen erscheint, hat der Komponist extra für das Ensemble Musikfabrik geschrieben, und spielte sie dann auch in dieser Konstellation ein. Und auch beim hören bestätigt sich diese glückliche Kombination. Das Ensemble lässt nirgendwo Zweifel aufkommen, wie groß seine Expertise in der Neuen Musik ist. Nicht umsonst ist die Liste an Komponist*innen, die direkt mit dem Klangkörper zusammenarbeiten und für ihn komponieren ellenlang und höchst prominent.

Poppe ist jedoch nicht einfach nur irgendein Eintrag auf dieser Liste, die erfrischende, abwechslungsreichen Eigenschaften seiner Werke passen perfekt zur Natur der Mausiker*innen, und fordert Diese in sehr kreativer Weise. Alle gehen auf in der Gestaltung der einzelnen Abschnitte der Werke, ziehen die Spannungsbögen mit organischer Selbstverständlichkeit. Fast meint man, diese Musik müsse nicht komponiert, geprobt und gespielt werden, sondern sie entstünde von ganz allein. 

Gerade im Titelstück “Stoff” ist dieser vielfältige und mühelose Ausführungsstil bestimmend. Auch technisch anspruchsvolle, in mehreren Ebenen gleichzeitig stattfindende musikalische Themen präsentieren die Ensemblemitglieder immer mit Leichtigkeit. Spielen Noten und Geräusche nicht einfach nur so, wie sie Poppe irgendwann mal aufgeschrieben hat, sondern verbinden sie zu einer Klangillusion, die allen Hörerinnen, die dabei bleiben, fein und mit Humor ausgestaltete Bilder holt. 

Gerade in “Stoff” fallen dabei die Bläser besonders auf, wenn sie Tonkaskaden wie Tautropfen locker abperlen lassen, oder wenn sie fast fanfarenartig brüsk nach vorne treten, und dabei mit gekonnt gesteuerter Feinintonation die kräftigen Farben malen. Selbst im eher hitzigen Drucheinander gegen Ende des Stückes bleiben die Musiker*innen immer in der Abstimmung miteinander, und verlieren nie den Gesamtkontext.

Blick auf das Stück

Anspruchsvoller wird das dann in “Brot”, wo das Ensemble noch mehr gefordert ist, bei allem technischen Anspruch, und bei aller Flut an Ereignissen immer erzählend zu bleiben. Der manchmal als “chaotisch” beschriebene Kompositionsstil Poppes ist hier sehr deutlich, während des gesamten Stückes herrschen stets mindestens drei starke Handlunsstränge gleichzeitig. Sich dabei gegenseitig trotzdem genug Raum zu geben, ist eine fast unmögliche Anforderung an die Musiker*innen, und manchmal haben sie auch etwas Mühe damit. Ohne jedoch den Blick auf das Stück zu verlieren, und die Hörer*innen an der leitenden Hand zu behalten.

Mit Lust und etwas mehr Platz intonieren die Bläser des Ensembles das Stück “Zug” für sieben Bläser. Spielen geschickt die besonderen Eigenschaften ihrer Instrumente im Zusammenklang aus. Lassen Akkorde zusammen synchron anschwellen, und setzen Stakkatoschläge im die einzelnen Klangquellen verwischenden Gleichschritt. Dabei verwenden sie verschiedene Spieltechniken so selbstverständlich, wie sie sie in aufwändiger Arbeit verinnerlicht haben. In den gespreizten Akkorden machen die Musiker*innen den weiten Tonraum dieser Instrumentengruppe anschaulich. Die groß wirkenden Tonfolgen am Ende des Stückes nimmt das Ensemble dann kräftig und raumgreifend.

Enno Poppe - Stoff
Enno Poppe


Neben den eindrucksvollen Ensemblewerken des Komponisten befinden sich auch zwei Solostücke auf dem Album. In “Haare” für Violine solo stellt Hannah Weirich in der Vielzahl an Glissandotechniken die unterschiedlichsten Emotionen dar. Spielt vom weinerlichen Flüstern bis zu spitzen Stakkatoschlägen, und geht in verblüffenden Zweiklängen die Illusionsideen des Komponisten voll mit.

Enno Poppe – Stoff, auch Soli sind dabei

Das zweite Solostück “Fell” für Drumset spielt Dirk Rothbrust. Die Auswahl als erster Titel auf dem Album finde ich sehr interessant, stellt man sich hier doch auf den engeren Kosmos eines einzelnen Instrumentes ein, der dann von den Ensemblestücken wieder erweitert wird. Mit Konzentration auf die perkussiven Details betont der Schlagzeuger auch den Witz in Enno Poppes Komposition, und fokussiert sich eher auf die Spannungsbögen, als auf die schlichte Darbietung technischer Finesse.

Durch Besetzungsvielfalt als auch die große, programmatische Themenauswahl der Kompositionen wird diese Veröffentlichung zu einer kurzweiligen Hörerfahrung, die man durchaus zu verschiedenen Gelegenheiten geniessen kann.

Die Tracks

Fell für Drumset
Stoff für neun Spieler
Brot für fünf Spieler
Haare für Violine solo
Zug für sieben Blechbläser

 

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