Album Review: Viktor Orri Árnason – Eilífur

Von Stefan Pillhofer

Viktor Orri Árnason - Eilífur Cover

Was ist eigentlich klassische Musik heute? Komponist*innen Neuer Musik haben ganz andere musikalische Sprachen als in vergangenen Zeiten, und nutzen eine viel größere Bandbreite an Klangquellen. In vielen Fällen arbeiten sie aber dennoch ähnlich wie ihre Kolleg*innen früher, also allein an einer Komposition.

Der isländische Komponist, Dirigent und Produzent Viktor Orri Árnason geht hier neue Wege. Anstatt für sich und konsistent ein Werk zu erschaffen kollaborierte er mit vielen anderen Kreativen, und setzte sein neues Solo-Debütalbum “Eilífur” aus vielen unterschiedlichen Teilen mit unterschiedlicher Entstehungsgeschichte zusammen. Dabei wurden verschiedenste Aufnahmen und Fragmente zusammengeführt und von Árnason im Studio zu einem stimmigen Album kombiniert. Das ist in verschiedener Weise bemerkenswert. Der Isländer ist nämlich auch Instrumentalist und Songwriter, spielt seit 2007 Violine In der Band Hjaltalín, hat 2008 das Stark String Ensemble für zeitgenössische klassische Kompositionen mitbegründet, und war Teil vieler musikalischer Kooperationen.

Viktor Orri Árnason erneuert

All diese Verbindungen und Erfahrungen hat er nun genutzt, sich zwei Jahre Zeit genommen um “Eilífur” zu komponieren und zu produzieren. “Eilífur” steht dabei für “Ewigkeit” und symbolisiert das Thema des Albums, das Spannungsfeld zwischen ewigem Leben und allen Dingen, die Leben lebenswert machen. In seinem Studio in Berlin führte der Komponist Kreativarbeit für das Album durch, mit unter anderem Jóhann Jóhannsson, Hildur Guðnadóttir, Dustin O’Halloran, Rutger Hoedemaekers, Gunnar Örn Tynes und Yair Elazar Glotman. Und schon begegnet man einer weiteren Dimension in Árnasons Arbeit, denn zusätzlich zur reinen Komposition nutzt er neuere Mittel der Tonstudiotechnik um das Gesamtwerk zu erschaffen. Neben den beteiligten Ensembles und Einzelinstrumentalist*innen gibt es auch Orchesterparts des Budapest Art Orchestra, die der Produzent 2018/19 in der namensgebenden Stadt aufgenommen hat. 

Dem allem nicht genug, gibt es dann aber noch den Fóstbræður Male Choir, einen der einflussreichsten Männerchöre Islands, der anlässlich seiner Hundertjahrfeier das Stück “Var -Er -Var” bei Árnason beauftragt hatte. Daraus schnitt der Produzent für das Album die drei Titel “Var”, “Er” und “Var – Er”, und alle drei Stücke wurden zusammen mit dem Chor und weiteren Musikern in Reykjavik aufgenommen. Gerade “Var – Er” stellt die tiefgründige Dunkeltönigkeit in dieser Musik mit echten Timbres, vor allem der Männerstimmen dar. Bläser und Streicher gehen währenddessen sehr leisetretend in das Stück, und bilden mit häufig wiederholten Crescendi starke und große Klangbauten. Da wird meine Klischeevorstellung von isländischer Musik auf so schöne und rührende Weise erfüllt, dass ich gleich wieder Sigur Rós filmischen Meilenstein “Heima” ansehen möchte. 

Leicht tanzend

Neben diesem über das Album verteilten Mini-Chorzyklus finden sich dann aber noch viele weitere Schätze und Aspekte. Zum Beispiel das sehr reduziert, in kleinen Melodien gehaltene “Nectar”, das nach einem Beginn mit Solo-Piano übergeht in ein stilles, leicht tanzendes Orchesterstück, in dem der Solovioline in der Mitte genug Raum bleibt um erzählend zu gestalten.

Auch in “Maiden” ist es die Bewegung von klein nach groß. Nachdem die Violine die ersten Töne beginnt kommt ein Vokal-Sextett hinzu, erweitert Harmonieräume, und bringt auch Unerwartetes. Bevor dann das Orchester in das abermals dunkel anrührende Hauptthema leitet, wobei ich im Kopfkino gleich wieder atemberaubende Landschaftsaufnahmen sehe. Ob die kleinen Überraschungen in der Intonation der Streicher dabei Zufall waren, oder bewusstes Kompositionsmittel, ist mir nicht ganz klar. Der Eindruck von menschengemachten Klangwerken wird dadurch aber eher gestärkt.

Viktor Orri Árnason, Foto by Yvonne Hartmann


“The Vision” ist ein kleines, aber fein gesetztes Bläserstück, bei dem Stefan Baumann an Bassklarinette und Saxophon begeistert, indem er Árnasons kleine, intime Klangkammern mit Vorsicht zusammensetzt.

Eindrucksvoll erzählt

Ich weiß immer noch nicht, ob es auf diesem Album Höhepunkte gibt, es sind so viele und verschiedenartige Aspekte und auch Besetzungen vereint, dass ich mich beim Anhören oft nicht entscheiden kann. Selbst das geradlinig wirkende “Anima Mundi” ist in seiner Harmonieschönheit sehr bewegend und in der Ausführung liebevoll und begeisternd.

Und nicht zuletzt möchte ich auch noch das zweite Stück, “The Thread” erwähnen, das mit seiner Stille längere Konzentration beim hören erfordert. Dann aber wird man weggeschwemmt von Árnasons berührenden Harmoniegeschichten, die gerade vom Vokalsextett, und in der Dynamikgenauigkeit von Violine und Klavier eindrucksvoll erzählt werden.

Mich wird diese Platte noch länger durch das Jahr begleiten, denn ich kann mich nur selten davon losreissen. Viktor Orri Árnason ist mit “Eilífur” ein reichhaltiges, emotionstiefes und erzählerisch raumgreifendes Werk gelungen, das alle, die Neue Musik gerne geniessen, gehört haben müssen!

Die Tracks

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