Die Pianistin Alice-Sara Ott hat sich in Herzen, auf große Bühnen und zur Deutschen Grammophon gespielt. Beim berühmten Dozenten Karl-Heinz Kämmerling neben anderen Pianist*innen wie Lars Vogt, Ragna Schirmer oder Kiveli und Danae Dörken ausgebildet, hat sie mittlerweile längst gezeigt, dass sie auf höchstem Niveau Klavier spielt.
Alice Sara Ott und ihr Jóhannsson-Projekt
Nun hat sie sich ein neues Projekt gesucht. Der verstorbene isländische Komponist Jóhann Jóhannsson kam auch in meiner bisherigen Erwachsenenzeit vor. Seine Produktionen für Ensembles oder Filmmusiken waren und sind in meinem Bekanntenkreis beliebt, und auch ich habe sie gerne gehört. Diese Musik liegt besonders auch Alice-Sara Ott am Herzen, und so hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, einige von Jóhannssons größer besetzten und produzierten Werken selbst in Klavierfassungen umzuarbeiten. Man darf sich also vom Albumtitel „Jóhann Jóhannsson – Piano Works“ nicht täuschen lassen, es handelt sich zum Großteil hier nicht um originäre Kompositionen für Klavier solo.
Klangästhetik zwischen Intimität und Überzeichnung
Zur Produktion ist Ott extra nach Island gereist, hat mit dem Umfeld des Komponisten gesprochen und dann letztlich die erstellten Klavierfassungen auf einem alten Upright Piano aufgenommen. In der Aufnahmetechnik wurden dabei zusätzlich zum besonderen Klang des Instrumentes die Geräusche der Mechanik noch stärker betont, was zum einen eine intime Atmosphäre herstellen und zum anderen der Emotionalität und dem Klangideal des Komponisten nahekommen soll. Bei längerem Hören wirkt das auf mich aber so stark, dass es störend wird und eher ein anbiederndes konzeptuelles Gestaltungselement ist.
Zudem hört man während fast der gesamten Spieldauer deutliche Atemgeräusche der Pianistin, die für mich nicht in Relation zur vorliegenden Spielintensität stehen. Diese ist nämlich nicht besonders hoch. Langgezogene sphärische Akkorde, langsam ausgeführte, simple Ostinati, gemächlich gespielte Terzmelodien, lange Pausen zwischen Noten, Akkorden und Abschnitten. Da bleiben viele Räume frei, die meine Ohren sich besetzter wünschen. Sicherlich trifft Alice-Sara Ott die Harmonik und Dynamik Jóhannssons, transferiert die Klavierstimmen mancher Kompositionen sogar komplett. Ich lerne dabei aber, wie viel Kontext die größere Polyphonie der Originalproduktionen gibt, denn der geht beim Transfer zu Piano solo weitgehend verloren. Übrig bleibt luftig-träumerische Jóhannsson-Atmosphäre, die spätestens nach fünf Minuten Spieldauer aber mehr bräuchte als nur die plakative Unterstützung des Produktes durch die übertrieben unperfekte Produktionstechnik oder den rein inhaltlichen Kontext der Erinnerung an den Komponisten.
Verlust an Tiefe: Jóhannsson im Klavierformat
Ein gutes Beispiel dafür ist „Flight from the City“, ursprünglich vom Album „Orphée“. Hier bleibt Otts Klavierversion richtiggehend stecken, wo Jóhannssons Produktion musikalisch viel weiter geht. „Melodia (III)“ vom wegweisenden Jóhannsson-Album „Fordlandia“ bleibt atmosphärisch auf der Strecke. Wo der Isländer das Stück im Verlauf in düster-dystopische Hallräume überführt, bleibt Otts Version immer im Piano-Meditation-Genre. Und insgesamt sind für mich die Positivaspekte dieses Albums schlicht auf die zugrunde liegenden Kompositionen und deren Harmonik zurückzuführen, alles andere wirkt glatt und eintönig.
Dieses Album mag als Entspannungsmusik funktionieren, für mich als Liebhaber von Klaviermusik und emotionalem Hörer von Jóhann Jóhannssons Produktionen fehlt da aber deutlich zu viel Gehalt.


