Ein Beitrag von Ekkehard Ochs
Wer die Wahl hat, hat die Qual – oder im Ergebnis die Freude, seine Entscheidung als denkbar beste zu empfinden. Was im Falle der Greifswalder Bachwoche gleich drei Konzerte mit Musik des 16./17. Jahrhunderts betraf. Mithin ein Glücksfall sowohl hinsichtlich der so unterschiedlichen wie attraktiven Programme als auch bezüglich jeweils herausragender künstlerischer Leistungen. Betreffend etwa das Programm des Europäischen Hanse-Ensembles, das sich als Projekt-Ensemble Lübecker Meisterkurse für Alte Musik versteht (Leitung Prof. Dr. Manfred Vcordes) und in jährlicher Neubesetzung die besten Talente auf Konzertreisen schickt. Zum Beispiel nach Greifswald (St. Marien). Das Programm: Musik aus den großen Hanse-Städten der Ostseeküste; weniger bis kaum bekannt und doch von Autoren stammend, die alle Aufmerksamkeit verdienen. Umso wichtiger also Komponisten wie Nikolaus Gottschovius, der Schütz-Schüler Johann Vierdanck, Andreas Hakenberger, Nicolaus Hasse, Paul Siefert, Johann Wannig, Crato Bütner, Bartholomäus Gesius oder der große Philipp Dulichius. Wirkungs- wie Druckorte ihrer vorgestellten vokalen wie instrumentalen Werke: Rostock, Danzig, Stettin und Frankfurt/Oder.
Musikalische Schätze der Hansezeit
Was für ein Vergnügen, sich von sichtlich inspirierten, musizierfreudigen Profis in eine Musikwelt entführen zu lassen, die – regional durchaus peripher zu verorten – dennoch alle Kennzeichen seinerzeit hoher kompositorischer Standards trägt. Alles auch hier: Erfindungsreichtum und meisterliches Handwerk, variable Besetzungen zwischen einfachem Strophenlied und vielstimmiger polyphoner (Palestrina-)Setzkunst, solistischer Struktur und bis zu dreichöriger Anlage, expressiver Solo- oder Duo-Empfindung und einem mitreißend fröhlichen Musiziergestus. Bei 19 gebotenen Werken verbieten sich Einzelheiten. Deshalb ein pauschales Fazit: gelungen war wieder einmal der überzeugende Beweis, dass die sogenannte „Alte“ Musik eigentlich alterslos ist und in ihrer musikalischen Sprache, ihres in allen menschlichen Empfindungen tief veranlagten, stets gültigen expressiven Ausdrucks noch immer ganz unmittelbar zu berühren vermag. Zumal dann, wenn sich ausgewiesen kompetente Ausführende wie das Ensemble mit 6 Vokalsolisten (3, 3), zwei Violinen, Gamben, Theorbe, 2 Posaunen, Zink, Fagott und Orgel auf so stilsichere, in den Besetzungen ungemein variabel gehandhabte wie musikantisch beeindruckende Weise darum bemühen.

Dorothee Mields und Bachs Erben begeistern in Wieck
Überzeugende Kompetenz dann auch an anderer Stelle: In der Bugenhagenkirche zu Greifswald-Wieck musizierte das Jugendbarockorchester BACHS ERBEN. Auch das ein Projektensemble mit Wurzeln im Kloster Michaelstein, einer Einrichtung, die schon zu DDR-Zeiten zu den Pionieren einer historisch informierten Aufführungspraxis gehörte (heute Sitz der Landesmusikakademie Sachsen-Anhalt und des „Vereins Mitteldeutsche Barockmusik e. V“). Jährliche Probenphasen sind auch hier Besetzungsgrundlagen für einen Klangkörper, der in dieser Form seit 2006 existiert und – wie zu hören – unter denkbar bester Anleitung (Akademie für Alte Musik Berlin) eindrucksvolle Arbeit leistet. Sein namhafter Künstlerischer Leiter: Raphael Alpermann, Gründungsmitglied der „Akademie für Alte Musik“, Mitglied der „Berliner Barocksolisten“ und, und, und!
In Wieck begeisterte die hier kammermusikalisch klein besetzte Gruppe mit zwei Triosonaten Bachs (d-Moll BWV 527 und G-Dur BWV 1038) sowie zwei Solokantaten: der Hochzeitskantate „Weichet nur, betrübte Schatten“ (BWV 202) und einer von der Solistin zusammengestellten Pasticcio-Hochzeits-Kantate „Dein Tempel schallt von Psaltern und von Harfen“. A propos Solistin: Zu erleben – und das darf sehr wörtlich genommen werden – war Dorothee Mields, von der rechtens zu lesen ist, sie gehöre in die erste Reihe europäischer Barock-Sopranistinnen. Und so geriet das Gesamtprogramm mühelos zu einer Demonstration perfektester historisch informierter Aufführungspraxis. Und das mit einer größter Natürlichkeit verpflichteten Spielfreude, einem musikantisch faszinierend fesselnden Gestus, der schnell den Wunsch aufkeimen ließ, das Ganze möchte gar nicht aufhören. Siehe oben: von wegen „alt“ ider gar „veraltet“! Vor allem beeindruckte die Solistin mit einer Gestaltungsfähigkeit und -vielfalt, die geradezu als „Lehrstunde“ Bach`scher Gesangskunst gelten durfte: inspiriert, spannend, ungemein gefühlshaft, aber ohne jede Anbiederung, kein Ton wie der andere, jede Phrase durchdacht artikuliert, prägnant charakterisiert, rhetorisch griffig und von einer tonlichen Intensität, die hinsichtlich mitreißender Lebendigkeit und Überzeugungskraft keinen Wunsch offen ließ.

Bibers Rosenkranzsonaten im Greifswalder Dom
Das galt in einer ganz anderen Besetzung und unter speziellen Kriterien auch für die Dritten „im Bunde“: das Ensemble „Urban Strings“ mit Luise Enzian, Tripelharfe, Flóra Fábri, Cembalo/Orgel, Tabea Höfer, Violine/Viola und Georg Kallweit, Violine/ Viola/ Violon. Vor allem Letztgenannter ist in Fachkreisen (und mit seiner Ehefrau Tabea) hochgeschätzt als langjähriger Konzertmeister und Solist der Akademie für Alte Musik. Spannend also ein Programm, das mit einer Auswahl aus Heinrich Ignaz Franz von Bibers Zyklus der sogenannten „Rosenkranzsonaten“ (auch „Mysteriensonaten“genannt) überraschte und begeisterte: zunächst nächtens im Dom, dann am folgenden frühen Morgen im ungemein atmosphärisch von strahlender Sonne erleuchteten Chorraum gleichen Ortes; beeindruckend die Korrespondenz mit den modernen Glasfenstern des Finnen Olafur Eliassons, die dem Ganzen mit der Musik eine ganz besondere Aura verliehen. Wie auch nicht, denn Bibers Sonaten, die hier in außergewöhnlich variabler Fassung (Besetzung) und mit vielen instrumentalen „Zwischentexten“ Bachs präsentiert wurden, gehören zum Originellsten der barocken Sonatenliteratur. Dies mit „Programmen“ um Maria und Jesus (Bildprogramme), barocker Klangsymbolik, geheimnisvoller Zahlen-Kabbalistik (54 + 1 Einzelsätze/Rosenkranzperlen) und einer musikalisch außerordentlich um Bildhaftigkeit bemühter musikalischen Sprache. Inbegriffen die Nutzung der „scordatura“, das „Verstimmen“ der Saiten, um besonders ausdrucksstarke und sonst nicht zu greifende Doppelgriffe zu ermöglichen. Eine Angelegenheit also für Ohr u n d Geist! Und ein doppeltes Vergnügen, den ausgefallenen gedanklichen Intentionen des Komponisten in ihrer künstlerischen Übertragung folgen zu können. Und da blieben auch hier gestalterisch keine Wünsche offen; ein früher Morgen – wir sprechen vom zweiten Auftritt – mit faszinierenden musikalischen „Reden“ und „Bildern“ und einer durchaus geheimnisvollen Atmosphäre. Nachhaltiger Gewinn pur!


