Einfach Klassik.

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Auf ins Berufsleben! Vom Studium zum Beruf als Musiker*in

Nach der Schule beginnt man, an einer Musikhochschule zu studieren, was heißt das und was erwartet mich danach? Wie geht dieser Übergang von Musikhochschule zum Alltag als Musiker*in?

Die Musikhochschule gibt mir Strukturen und Ansprechpartner*innen vor. Dies kann man auch in einer Festanstellung in einem Orchester oder Opernhaus wiederfinden. Daher ist es sinnvoll, sich auch mal in einer Institution, in einem geschlossenen System mit Hierarchien erfahren zu haben. Institution, Hierarchien, klare Angaben, was von einem erwartet wird, das gibt manchen Menschen Sicherheit. Die Fächer sind vorgegeben, hier wird man ausgebildet und hoffentlich gefordert. Und mein*e Instrumentallehrer*in ist mein*e wichtigste*r Ansprechpartner*in in so vielen Fragen.

Das Vorbild und Leitbild im besten Falle. Hier lerne ich Technik und erweitere meine Musikalität und fange an, mich zu finden. Im Ideal kann mich mein*e Lehrer*in auch in anderen Fragen, wie ich mit Konkurrenz, Neid oder Zeitmanagement usw. umgehe, beraten. Zu meiner Zeit – in den Neunzigerjahren – gab es das nicht, und heutzutage gibt es Lehrkräfte, die dies selbstverständlich tun, die ganzheitlich arbeiten und unterstützen. Im Studium folgt man meist sehr der Lehrperson. Ich war bereits im Studium eigenständig und aktiv, habe viel Kammermusik bei den unterschiedlichsten Professor*innen an der Hochschule gemacht, sang im Neue-Musik-Ensemble mit und sang professionelle Konzerte außerhalb der Hochschule. Interessanterweise hat dies meine Professor*innen getriggert und sie hätten es mir am liebsten verboten. Das ist spannend, im Studium mag es noch angehen, zu folgen – und es ist oft sogar gewünscht, in einer gewissen Weise abhängig von der Lehrerperson zu sein. Dies mag auch große Entwicklungen bringen. Im Berufsleben ist genau das Gegenteil gefordert, man muss unabhängig sein und kann nicht wegen jedem Miniproblem irgendwo hinrennen. Nun trifft man selbst die Entscheidungen. Für manche ist dieser Übergang hart. Das kann sich erst mal wie ein freier Fall anfühlen.

Unabhängigkeit und freier Fall

Jetzt treffe ich die Entscheidungen, welche Stücke ich spiele und mit welchen Musiker*innen ich arbeite. Ich probiere mich aus und es ist auch Trial and Error dabei, manche Kollaborationen passen gar nicht und ich ziehe weiter. Im Laufe der Zeit spüre ich immer besser, wer und was passt und das ist hilfreich. Ich fühle immer mehr, welche Stücke zu mir passen, die ich meistern und in denen ich glänzen kann Durch die ich mich entwickeln kann – in passendes Herausgehen aus der Komfortzone, in genau dem Maß, das mich wachsen und nicht verzweifeln oder aufgeben lässt.

Im Studium nimmt einem oft die Lehrperson diese Entscheidung ab, aber nun ist man selbst verantwortlich. Und wenn ich solistisch spiele in der Kammermusik, dann gestalte ich und es ist mein persönlicher Ausdruck. Nicht der Vorschlag von jemand anderem. Ich vertraue meinen musikalischen Entscheidungen rund um Ausdruck, Dynamik, Tempi, Agogik etc. Ich gehe selbstbewusst mit meinen Vorbereitungen und Entscheidungen in die Probe. Dann sehe ich, ob sie Bestand haben oder ob ich mich mit den anderen Musiker*innen oder dem/der Dirigent*in auf etwas Neues verständige. Ich spreche für mich, darüber was ich will, und ich stehe für mich ein.

Das ist nicht allen in die Wiege gelegt und es muss erarbeitet werden. Je besser man das bereits im Studium gelernt hat, umso leichter geht es jetzt. Denn es gibt nicht zwangsläufig Personen, die bei Spannungen oder Differenzen vermitteln.

Sängerin auf Bühne

Im besten Falle stelle ich fest, dass meine Auswahl und meine Vorbereitung gut ist und ich lerne, mir immer mehr zu vertrauen. Ich werde immer eigenständiger und treffe immer bessere Wahlen. Dann werde ich wirklich die Künstlerin, die schon immer in mir steckte, die aber erst frei werden musste – und dann wird es wirklich interessant.

Das Studium und die Lehrkräfte dort mögen mir auch während des Studiums und danach Kontakte vermittelt haben, was sehr unterstützend ist. Dennoch muss ich mich beweisen, und erreichen dass ich wieder gebucht oder angestellt werde. Ich lerne, mir selbst mein Netzwerk aufzubauen. Ich spüre, wann es Zeit ist, eine Stelle zu wechseln. Manche ehemalige Lehrer*innen geben mir noch eine Weile Impulse und doch wird es immer weniger (und das sollte es auch). Ich stehe dann alleine da und ich habe neue Vertraute in meinem (Arbeits-)Umfeld.

Dann lernt man, sein Honorar zu verhandeln, außer man spielt fest in einem Orchester o. Ä. Das könnte man bereits im Studium gelernt haben, selbst wenn man manche ersten Angebote dort eher wegen der Erfahrung und der Vernetzung annimmt denn wegen der Gage. Auch direkt nach dem Studium kann es noch interessant sein, Konzerte anzunehmen, weil sie andere Vorteile haben. Eine befreundete Musikerin sprach immer von den drei Fs, wovon mindestens zwei erfüllt sein müssen, am besten aber natürlich alle 3: „Fun, Fame, Finance“

Je mehr Berufserfahrung ich habe, umso mehr sollte die Bezahlung stimmen, um meine Erfahrung zu unterstreichen und den Lebensunterhalt zu finanzieren. Dann zeigt sich auch, ob ich eher fokussiert auf eine einzige Sache bin oder ob ich mehrere Standbeine habe. Eine Institution gibt mir – wie im Studium – den Stundenplan vor mit Probezeiten und Aufführungen. Als Selbstständige teile ich mir meine Zeit ein – mit allen Vorteilen und Herausforderungen. Je eigenständiger ich bereits im Studium bin, umso fließender ist der Übergang ins Berufsleben.

Honorarverhandlungen und Üben

Und jetzt kommt die vielleicht größte Überraschung, der größte Schock. Jedenfalls war es das für mich. Und ich habe es in Renée Flemings wunderbarem Buch „Inner Voice“ in meinem Studium gelesen. Dort schrieb sie darüber, wie schwer es ist, sich wenigstens eine Stunde Übezeit am Tag rauszuschneiden zwischen allen Proben, Aufführungen und Presseterminen etc. Ich war sprachlos, sie singt an der MET und hat keine Zeit zum Üben, wie soll das gehen? Auch eine Liedprofessorin sagte mir das Gleiche in meinem Studium in Vancouver. Ich dachte: Das kann nicht sein, das würde bei mir anders. Und doch, das ist der Berufsalltag, oft wird die Zeit zum Üben immer knapper. Deswegen ist es so wichtig, im Studium eine große Basis und Möglichkeiten aufzubauen, viele Stücke gelernt zu haben.

Gastspielvertrag

Deswegen: studiere viel im Studium und wundere dich nicht, wenn es danach anders ist. Danach lernst du automatisch effizient und auch mental zu üben. Ich habe von Anfang an verschiedenes Repertoire gleichzeitig einstudiert und mein Üben wurde immer effizienter. Ich habe im Studium viel geübt, aber nicht effizient. Wenn deine Lehrkraft dir bereits im Studium das effiziente Üben beibringt, dann Gratulation!

Und dennoch ist für eine Sängerin das tägliche Üben sehr wichtig, weil wir wie Hochleistungssportlerinnen sind. Ich konnte im Studium beobachten, dass wunderbare Gesangsprofessor*innen und ehemals hervorragende Sänger*innen nicht mehr üben, weil sie so sehr in den Hochschulbetrieb eingebunden sind. Dann nehmen sie Konzerte an und denken, es reicht wenn sie 4 Wochen vorher anfangen zu üben. Nein, es reicht meist nicht, es kann dann sogar peinlich werden. Als Sänger*in muss man immer üben, sonst baut der Körper ab und es reicht dann nicht mehr um in der Öffentlichkeit aufzutreten. Auch hier lernt man sich mit der Zeit kennen und entwickelt neue und eigene Routinen, um die Bestleistung auf der Bühne zu bringen.

Auch wenn all das herausfordernd erscheint, so ist es dennoch befreiend, einfach immer mehr sein Eigenes zu machen und täglich zu wachsen. Im Studium folgt man seiner Lehrkraft und legt so eine solide Basis – die kann dann im Berufsleben das Sprungbrett sein, von dem aus ich effizient und kreativ sein kann und immer mehr zu einer oder einem eigenständige*n Musiker*in werde.

Icon Autor lg
Irene Kurka, Sopranistin, Autorin und Podcasterin, zählt zu jenen Persönlichkeiten, die dem heutigen Musikleben innovative Impulse geben. Sie ist als tiefgründige, wandlungsfähige und hingebungsvolle Interpretin insbesondere der zeitgenössischen Musik bekannt. Als aufmerksame Beobachterin nicht nur der Neuen Musik-Szene gibt sie ihren reichen Erfahrungsschatz in dem Podcast „neue musik leben“ und den dazugehörigen Büchern weiter. Irene Kurka ist eine international gefragte Sängerin und Darstellerin. Zahlreiche Komponisten (unter anderem Eggert, Corbett, Weeks, Muntendorf, Pisaro, Fox, Haussmann, Seither, Beuger, Brass und Frey) schreiben und widmen ihr Stücke, nicht zuletzt für CD- und Rundfunkaufnahmen. Mittlerweile hat sie über 290 Uraufführungen gesungen. Im Oktober 2021 startete sie das Festvial „Irene Kurka lädt ein: Singing Future“ mit dem Vokal Performer David Moss. Ihr Gesangsstudium absolvierte Irene Kurka an der Musikhochschule München, Southern Methodist University Dallas/USA und der University of British Columbia, Vancouver/Kanada. Ferner hat sie noch einen Master für Mittelaltermusik an der Folkwang Universität der Künste in Essen absolviert. Ihre Lehrtätigkeit hat sie bislang an die HSD Düsseldorf, Musikhochschule Wien, Academy of Music in Poznan/Posen, TU Dortmund, Guildhall School of Music and Drama London, Musikhochschule Mannheim, Musikhochschule Wuppertal, Konservatorium Maastricht, und zu „Jugend komponiert“ Schloss Rheinsberg geführt. www.irenekurka.de
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