Einfach Klassik.

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Bach & now in Agathenburg: Ein ungewöhnlicher Konzertabend

Zum ersten Mal jährte sich das Festival „Bach & now! Agathenburger Bachtage“. Die Veranstaltung im kleinen Ort Agathenburg in Norddeutschland wird von der Pianistin Alexandra Sostmann als künstlerische Leiterin konzipiert und auf einer Dauer von vier Tagen (23.–26. April) sehr spannend gestaltet. Neben verschiedenen Konzertformaten gibt es auch ein Rahmenprogramm mit Lesungen, Vorträgen, Podiumsdiskussionen, Orgelführungen und vielem mehr. Ich hatte die Möglichkeit, am 25. April das Konzert im Pferdestall beim Schloss Agathenburg zu besuchen. Sostmann hatte dafür die Kammersymphonie Berlin unter der Leitung von Jürgen Bruns eingeladen, und gemeinsam wurde ein Programm für den Abend zusammengestellt, das aufhorchen ließ. Orchesterwerke von Szymon Laks (Sinfonietta) und Tadeusz Kassern (Konzert für Streichorchester) standen zwei Solokonzerten gegenüber, der Uraufführung „Transitus“ für Klavier, Pauken/Schlagzeug und Streichorchester des Composer in Residence Xiaoyong Chen und schließlich das Konzert für Klavier, Pauken und Streichorchester von Galina Ustwolskaja. Für mich als schreibenden Konzertgänger war diese sowohl geschichtlich als auch in den Besetzungen sehr klug austarierte Zusammenstellung eine hoch willkommene Abwechslung und eine kreative Leistung.

Ein klug kuratiertes Festivalprogramm

Mit seiner eher trockenen Akustik wirkte der Pferdestall sehr klangsauber mit, bot aber durch seine Abmessungen auch ein räumlich etwas gedrücktes Konzerterlebnis, auf diese Bühne ein Kammerorchester zu platzieren ist eine organisatorische Leistung!

Der Raum als akustischer Mitspieler

Wie sehr die Beteiligten hinter dem Programm standen, zeigte sich gleich von Beginn an, als Jürgen Bruns und seine Kammersymphonie Berlin Laks’ Sinfonietta äußerst kompakt angingen. Die helltönigen Akkordkaskaden gelangen sehr einmütig und mit viel Festigkeit. Mit hellen Strichen gestalteten die Geigen breit und etwas cineastisch mit starkem Kontrast zur tragischen Lebensgeschichte des Komponisten. Im Verlauf erzählte das Ensemble jovial und fast beiläufig, agierte streckenweise auch kleinräumig, um dann einen fröhlichen und sehr energiegeladenen Schluss für das Werk zu finden.

Alexandra Sostmann, Xiaoyong Chen und Jürgen Bruns, Foto © EICHFELD KETZ
Alexandra Sostmann, Xiaoyong Chen und Jürgen Bruns, Foto © EICHFELD KETZ

Laks und Kassern: Präzision und Ausdruck

Das Orchester transportierte diese Kompaktheit im Zusammenspiel durch den gesamten Abend, auch in Kasserns Konzert wurden die deutlicheren Härten in der Komposition in dieser Haltung gearbeitet, was auch da die Eindringlichkeit dieser Musik meisterhaft darstellte. Die dissonanteren Anteile waren dennoch sehr sanglich ausgeführt, und einzelne Zwiesprachen wie die zwischen der 1. Geige und dem Cello gelangen weich und feinfühlig. Bruns ließ dabei die Musiker*innen allein agieren, gab Freiräume, wo er ansonsten mit eher kleinen, aber höchst prägnanten Bewegungen leitete. Der dritte Satz des Konzertes war für mich besonders eindrücklich und überraschend in der Schönheit der Darbietung, aber auch einfach der Komposition. Das Orchester baute die charaktervollen Akkordgebilde sehr emotional, aber trotzdem auch perfekt dosiert auf, um dann den Vortrag wieder in härtere und dissonantere Bereiche zu führen. Hier zeigte das Ensemble viel Spielfreude und Lust am Musizieren, und erfreulicherweise hielt das auch für den Rest des Abends an.


Klangarbeit im Orchester

Im zweiten Teil kam dann Alexandra Sostmann am Klavier in den Mittelpunkt, um eine ganz besondere Atmosphäre an diesem besonderen Instrument, einem alten Steinway-D-Flügel (gebaut 1907), geliehen von der Klaviermanufaktur Hamburg, zu erzeugen. Das erstmalig aufgeführte „Transitus“ gestaltete die Pianistin mit höchster Hinwendung zum Orchester, besonders zum Schlagwerk. Die vielen hübschen Kooperationen der tiefen Töne am Klavier mit der Pauke erforderten das, gaben aber auch viel Gestaltungsraum, den die Musiker*innen mit der oben erwähnten Spielfreude nutzten. Spieltechnik war fast nebensächlich, Zusammenspiel war gefragt und wurde auf der Bühne gelebt. Das sowohl in Harmonik als auch in rhythmischen Abläufen sehr interessante und unterhaltsame Werk gelang damit äußerst kurzweilig, mit einer wirklich ensembledienlich agierenden Solistin und oft sehr chorisch gestaltenden Streichern.

Frank Lässig, Foto © EICHFELD KETZ
Frank Lässig, Foto © EICHFELD KETZ

Sostmann und die Uraufführung „Transitus“

Die anschließende Begeisterung des Publikums überraschte also nicht und war dem gesamten Abend sehr angemessen, nicht zuletzt nach dem Abschluss mit Ustwolskajas Konzert, das dann noch einmal energiegeladener und angefüllt mit Spannungsbögen den Abend zu einem weiteren Höhepunkt brachte. Alexandra Sostmann spielte jetzt sehr solistisch, prägnant gerade in den hohen Lagen und insgesamt höchst gestaltungsstark. Alle Beteiligten stellten dann im Schlussteil Geist und auch Witz der Musik wunderbar plastisch und energievoll dar.

Ein Abend mit nachhaltiger Wirkung

Und so kam ein hervorragend besetzter und noch hervorragender programmierter Konzertabend zu einem furiosen Ende und ließ viel Eindruck zurück!

Titelfoto © EICHFELD KETZ

Icon Autor lg
Stefan Pillhofer ist gelernter Toningenieur und hat viel Zeit seines Lebens in Tonstudios verbracht. Er hat viel Hörerfahrung mit klassischer und Neuer Musik gesammelt und liebt es genau hinzuhören. In den letzten Jahren hat sich die Neue und zeitgenössische Musik zu einem seiner Schwerpunkte entwickelt und er ist stets auf der Suche nach neuen Komponist*innen und Werken. Stefan betreibt das Online-Magazin Orchestergraben, in dem er in gemischten Themen über klassische Musik schreibt. Darüberhinaus ist er auch als Konzertrezensent für Bachtrack tätig.
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