Moritz Ernst belebt die Badenweiler Musiktage neu – fragil, lebendig, allen Widerständen zum Trotz. Mit klarer Absage an jede programmatische „Niedrigschwelligkeit“ verteidigt er den Anspruch eines Ortes, der einst zu den wichtigsten Adressen neuer Musik in Deutschland zählte. Der Besuch beim seit drei Jahren wiedererstandenen Festival macht klar: Hier wird nicht museal erinnert, sondern mit Gegenwartsbewusstsein musiziert.
Die Geschichte der Badenweiler Musiktage als Verpflichtung
Mitten im Ort steht das alte Römerbad-Hotel, heute ungenutzt und geisterhaft wie ein Lost Place. Hier entstanden in den 1970ern die damaligen Römerbad-Musiktage, mit denen Klaus Lauer ein internationales Zentrum neuer Musik schuf – Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und Wolfgang Rihm waren regelmäßige Gäste. Diese Vergangenheit ist Verpflichtung und Herausforderung zugleich, der sich Ernst mit ungebremstem Ehrgeiz stellt. Das Konzept bleibt konzentriert: pro Tag ein großer Konzertabend, dazu Zeit, das Gehörte nachwirken zu lassen und in Landschaft und Atmosphäre einzutauchen – eine kluge Ökonomie schon aus der Gründerzeit.
Moritz Ernst als Pianist und Kurator
Das Eröffnungskonzert am Donnerstag im René-Schickele-Saal des Kurhauses (einer der „neuen“ Festivalspielstätten) legt die DNA des Festivals offen – und die seines Kurators, der hier zugleich als hochsensibler, für die Musik brennender Pianist auftrat. Ernst spielte einen Steinway D von 1891 aus der Sammlung Wolfgang Rufs, und wie er diesen Flügel zum Sprechen bringt, klingt gar nicht nach Steinway im üblichen Sinn: Er meißelt jede Stimme heraus, kontrolliert die Anschlagskultur bis in feinste Schattierungen und gewinnt dem Instrument einen transparenten, bei Samuel Scheidts Variationen über „Wehe, Windgen, wehe“ fast cembaloartigen Klang ab. Analytische Schärfe und sinnliche Transparenz halten die Spannung den ganzen Abend. Das Programm zeichnete entlang der Variationsform vier Jahrhunderte nach: von Scheidt über Georg Friedrich Händels Suite F-Dur HWV 427 und Ludwig van Beethovens 32 Variationen c-Moll WoO 80 zu Edison Denissows selten gespielten Händel-Variationen, beschlossen von Händels Chaconne G-Dur HWV 435. Ernst gestaltete Händels Verzierungen mit sprechender Präzision, sodass sie wie kleine Rezitative wirkten, ließ Beethovens Variationen in leichtfüßigem, rhetorisch pointiertem Staccato aufflammen und führte Denissows kalkulierte Regelbrüche mit kühler Souveränität in eine andere Klangwelt.

Das Athena Ensemble und die Nähe zu György Kurtág
Viel ist derzeit von György Kurtág die Rede, der dieses Jahr 100 wird. Viel ist derzeit von György Kurtágdie Rede, der in diesem Jahr 100 wird. Die Musikerinnen des Athena Ensembles – Saskia Viersen (Violine), Miriam Götting (Viola) und Kathrin Inbal-Bogensberger (Cello) – arbeiteten noch persönlich mit ihm und spielten entsprechend mit jener konzentrierten Genauigkeit, die seine Musik verlangt – und ja: man hört diese Nähe in jedem Ton. „Der Mensch ist eine Blume“, hat Kurtág einmal geschrieben, und dass seinem zugespitzten Œuvre etwas zutiefst Humanistisches innewohnt, demonstrierten die drei im Kurhaus-Saal „Le Jardin“ – und zogen viele hinein, denen der Ungar fremd war. Vier dreistimmige Sinfonien Johann Sebastian Bachs in Molltonarten verbanden sie mit Kurtágs Signs, Games and Messages zu einem hochkonzentrierten Dialog. Mit „Hoteldämpfern“ entstand jener gläsern atmende Streicherklang, der seine Musik prägt. Die Stücke erschienen nicht als bloße Miniaturen, sondern als Destillate existenzieller Gedanken: stationäre Töne, fragile Reibungen, eine körperlich gespannte Konzentration, die auch beim Hören Versenkung fordert. In der zweiten Hälfte steigerte sich die Intensität bis zu beschwörenden Monologen, ehe Beethovens Streichtrio c-Moll op. 9 Nr. 3 wie eine Öffnung wirkte: Nach Kurtág hörte man es mit völlig neuen Ohren. Bezeichnend: Direkt nach dem Festival begann hier die Aufnahme einer Bach-Kurtág-CD beim Label NEOS.

Detlef Heusingers „Foundlinghouse“ zwischen Händel und Gegenwart
Das ambitionierteste Projekt folgte am Samstag in der Evangelischen Kirche: Detlef Heusingers Foundlinghouse-Oratorium nach Händels „The Triumph of Time and Truth“, unter Leitung von Jörg-Hannes Hahn. Heusinger stellte den Händel-Abschnitten eigene Kompositionen gegenüber – Antworten aus dem Heute auf alte Texte. Über hundert Minuten entstand eine faszinierende Call-and-Response-Struktur, in der Händels Sprache im Zentrum blieb, gespiegelt und gebrochen durch Heusingers innliche Tonsprache. Überraschend ist das Sujet: Händels Verbindung zum Londoner Findelhaus, dem er als Mäzen verbunden war. Heusingers rezitierter Text formuliert daraus eine zeitlose Parabel über Gestrandete und Zuflucht, über alles, worauf nur Menschlichkeit antworten kann. Seine Tonsprache bleibt trotz atonaler Freiheit weich und beseelt, arbeitet mit Chromatik und alten tonalen Bezügen, ohne je ins rein Abstrakte zu kippen. Vor allem ist es ein berührendes Erlebnis ästhetischer Befreiung: Die Musik öffnet das Ohr für das Unerhörte, ohne zu überfordern. Das gelingt nicht zuletzt, weil ein ungewöhnlich feinfühliges menschliches Miteinander aller Beteiligten den ganzen Abend trägt und das Werk den gesamten Kirchenraum bespielt: Sopranvokalisen, Barockoboe, Laute und Gitarre fluteten die prachtvolle Kirche. Inga Schäfer überzeugte mit strahlender, raumerfüllender Höhe, Noa Frenkel verlieh dem Werk emotionale Schwere, Jakob Kunath beeindruckte mit kraftvollem Bariton. Großartig der Knabensopran Stephan Rahn, der von der Empore herab seinen Bravourpart hatte, während zwei Mädchen auf der Kanzel das Geschehen rahmten; hinzu kamen die von Martina van Lengerich einstudierten Mädchen- und Männerstimmen des Freiburger Münsters. So wurde der ganze Raum zum Klangkörper – historische Aufführungspraxis und moderne Klanggestaltung verschmolzen zu einem heterogenen, aber zutiefst humanen Ganzen.

Ein offenes Finale in der römischen Badruine
Den Abschluss bildete am Sonntag ein heiterer Ausklang in der römischen Badruine, deren gläserne Überdachung Innen- und Außenraum mischt: lichtdurchflutet, doch geschützt, mit Blick auf antike Mauern. Diese Luftigkeit kam dem Budapester Bläserensemble In medias Brass zugute, das die Antwortstruktur fortsetzte: Wieder reagierte Heusinger mit mutig gesetzten Interventionen auf Werke von Benjamin Britten über Scheidt, Telemann und Händel bis Franz Liszt und Béla Bartók. Ein freudiges Finale dieser vier dichten Tage.
Künstlerischer Anspruch statt Niedrigschwelligkeit
Die Botschaft kam an: Viele ältere Besucher erinnern sich an die Römerbad-Zeit und begegnen dem Festival mit Sympathie und Wissen. Trotz lokalpolitischer Reibungen hat man verstanden, dass hier ein junger, hochbegabter Künstler aus historischem Boden etwas Eigenständiges entwickelt; auch Bürgermeister Vincenz Wissler hielt in seiner Begrüßungsansprache ein Plädoyer für die Kultur gerade in schwierigen Zeiten. Dass Ernst neben seiner Konzerttätigkeit von Singapur bis Toronto auch die gesamte kuratorische Arbeit trägt, ist bemerkenswert – zumal seine Diskografie systematisch das verfemte 20. Jahrhundert von Viktor Ullmann bis Karel Reiner erschließt. Die Badenweiler Musiktage leben von künstlerischer Verbindlichkeit, niemals von Anbiederung. Wer es noch nicht erlebt hat, dem sei wärmstens empfohlen: nächstes Jahr im Mai, die Reise in den Schwarzwald.
Titelfoto © Stefan Pieper


