Barenboims später Beethoven – Sonaten und Diabelli Variationen

Von Kai Germann

Beethoven SonatenCD- Cover


Ludwig van Beethovens insgesamt 32 Klaviersonaten kann man gar nicht oft genug besprechen, geschweige denn hören. Sie sind in diesem Bereich die „Krone der Schöpfung“. Der Zyklus lässt uns träumen, mitfiebern, jede Dramatik intensiv spüren, Freude empfinden oder zu Tode betrübt in Gedanken versunken zurück. Beethovens Musik ist immer präsent, dazu bedarf es weder eines Jubiläums noch anderweitiger Gedenktage. Er inspiriert und fasziniert weltweit, und das seit mehr als 250 Jahren.

Beethoven Sonaten – Das Projekt

Im Laufe seiner langjährigen Karriere sowohl als Pianist als auch als Dirigent hat sich Daniel Barenboim intensiv dem Studium des Werkes von Ludwig van Beethoven gewidmet. Die Corona-Pandemie und die dadurch erzwungene Dirigier-Pause hat Barenboim zum Anlass genommen, die Partituren der Beethoven-Klaviersonaten erneut zu studieren und im Anschluss daran wiederholt einzuspielen. Somit handelt es sich bei den vorliegenden Aufnahmen um die bereits fünfte Komplett-Ausgabe. War das in Anbetracht dieser Tatsache daher unbedingt nötig? Eine Frage, welche sich jeder Beethoven- Enthusiast selbst beantworten sollte.

Barenboim mag den Begriff „Interpretation“ nicht, weil er seiner Meinung nach suggeriert, dass sich der Pianist nicht an die Notenvorgabe hält, sondern seine eigene Werkbetrachtung in das Spiel mit einfließen lässt. Aber hat nicht Glenn Gould einmal gesagt, dass „unsere einzige Berechtigung als Musiker darin besteht, Musik stets auf neue und andere Weise zu interpretieren, und die Einzigartigkeit der Musik aus unserer eigenen Einzigartigkeit zu schöpfen“?

Beethoven richtig zu spielen ist allerdings schon eine Wissenschaft für sich. Das liegt unter anderem auch daran, dass zum Beispiel die Druckausgaben der Sonaten teils gravierende Unterschiede, oftmals sogar falsche Noten oder eigenmächtig vorgenommene Änderungen der Herausgeber enthalten. Wie also kann der Pianist sicher sein, dass er tatsächlich den Urtext vor Augen hat? Trotz genauem Studium der Quellen eine fast unlösbare Aufgabe, denn viele Original-Handschriften des Meisters, insbesondere der frühen Klaviersonaten, sind verschollen.

Barenboim spielt in der vorliegenden Ausgabe einen sehr intimen Beethoven. Er versucht, eine Beziehung zu dessen jeweiligem Gemütszustand herzustellen, ihn tief zu ergründen, ohne dabei zu sehr in vermessene interpretatorische Gefilde einzutauchen. Gerade bei den frühen Sonaten gelingen ihm wahrhaft wunderschöne Momente. Da wäre zum Beispiel die oftmals verklärte „Mondscheinsonate“ op.27 No. 2 (diese Bezeichnung wurde der Sonate durch den Journalisten und Dichter Ludwig Rellstab regelrecht „verpasst“, denn er stellte sich beim Anhören dieses Werkes eine auf dem Vierwaldstätter See bei Mondschein dahintreibende Barke samt Insasse vor). Barenboim vermeidet aber jegliches Klischee, denn das adagio sostenuto erinnert seiner Sichtweise zufolge eher an einen Trauermarsch.

Eine klare Ansage an all die „dreamy“-Versionen der Vergangenheit. Bei den späten Sonaten wirkt sein Spiel allerdings technisch nicht mehr ganz ausgereift, was mit einer altersbedingt nachlassenden Muskulatur zu erklären sein könnte. Trotzdem sind aber auch diese Aufnahmen hörenswert und entbehren nicht einer gewissen Faszination. Als Beethoven seine letzte Klaviersonate op. 111 um 1822 herum beendete, war er bereits von Krankheiten und gleichzeitig zunehmender Taubheit geplagt. Die vielzitierten op. 109 – op. 111 lassen daher die Deutung zu, dass es sich hier möglicherweise um eine Art musikalisches Testament handeln könnte, ein endgültiger Abschluss, aber gleichzeitig auch um einen Aufbruch in neue Sphären der Klaviermusik. Das Barenboim sich gerade mit diesen Sonaten intensiv auseinandergesetzt hat, ist seinem Spiel deutlich anzumerken.

Diabelli

Die sogenannten „Diabelli-Variationen“ basieren auf einem eher banalen Walzer des Wiener Musikherausgebers Anton Diabelli. Um 1824 herum bat er alle verfügbaren Komponisten, eine Variation zu komponieren. Dazu hatte Beethoven allerdings keine Lust und er nahm, anders als zum Beispiel Schubert, nicht teil. Trotzdem komponierte er eigenständige Variationen und verwandelte das eher triviale Stück in ein Meisterwerk. Daniel Barenboim hat die „Diabellis“ zusätzlich zu den Sonaten neu eingespielt und mit in die Box gepackt. Eine interessante Aufnahme, die aber an manchen Stellen den Funken nicht ganz überspringen lässt.

Klaviatur
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Als besondere Dreingabe enthält die Box neben den kompletten Sonaten auch Beispiele früherer Einspielungen, die sogenannten „Early Westminster Recordings“. Tontechnisch zwar nicht mehr auf der Höhe der Zeit, gewähren die historischen Aufnahmen aus dem Jahre 1958 dennoch einen originellen Eindruck in die damalige Spieltechnik des jungen Barenboim.

Insgesamt

Der klangliche Eindruck der Gesamtbox ist, wie nicht anders erwartet, sehr gut. Die Aufnahmen sind ausgewogen und halten stets die Balance. Das wunderbare Timbre des Steinway-Flügels wurde tontechnisch gut eingefangen. Insgesamt gesehen ist die aktuelle Veröffentlichung durchaus empfehlenswert, Barenboim erfindet das Rad aber nicht neu. Im Vergleich zu anderen Einspielungen wären zum Beispiel die von Jonathan Biss (siehe review auf diesen Seiten), oder dem fast vergessenen spanischen Pianisten Eduardo del Pueyo, weitere nennenswerte Alternativen.

Beethoven war ein Komponist, den jeder für sich selbst entdecken sollte. Das Internet bietet zahlreiche Möglichkeiten, unterschiedliche Ausgaben miteinander zu vergleichen und dann eine persönliche Wahl zu treffen. Bei gefühlt 1000 verschiedenen, auf dem Markt erhältlichen CD-Boxen wäre das auch ratsam. Selbst wenn Beethoven noch leben würde, fiele ihm die Entscheidung schwer. Er hätte ja nicht hören können, was andere mit seinem Werk angestellt haben.

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