Einfach Klassik.

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Bernstein Trio im Konzert: Mitreißende Energie in Stralsund

Ein Beitrag von Ekkehard Ochs

Wer kennt ihn nicht, jenen „Tränen des Meeres“ genannten Schmuckstein, der mit seiner nach Millionen Jahren zu zählenden, natürlichen Herkunft und seiner gelben, „brennenden“ Farbe schon seit Jahrtausenden gesuchte Rarität ist. Wenn man ihn des weiteren noch symbolisch betrachtet, in ihm das Konservierende, Bewahrende, kreativ Anregende, ja Heilende und gar Lebensfreude erkennt, dann wäre man bei jenem intuitiv schöpferischen Hintergrund, den das Bernstein Trio für seine musikalische Arbeit gewählt hat. Klingt natürlich gut, und wer schon wollte an der Motivationskraft  bildhafter Vorstellungen zweifeln. Etwa an dem Satz: „Wir brennen für unser Triospiel und möchten mit Entdeckergeist und Sorgfalt die Bernsteine der Musikkultur glänzen lassen und ihre Geschichte in die Welt tragen. Man könnte auch sagen: „goldene Glücksbringer“ präsentieren.   

Herkunft, Ausbildung und Profil des Bernstein Trios

„Wir“, das sind Roman Tulchynsky (Violine), Marei Schibilsky (Violoncello) und Julia Stephan (Klavier). Sie kennen sich seit gemeinsamen Jugendtagen am Philipp-Emanuel-Bach–Gymasium Berlin, studieren an der Hanns-Eisler Musikhochschule Berlin und der Universität der Künste Berlin und gründeten besagtes Bernstein Trio im Jahre 2022. Seither sind sie auf  bestem Wege „nach oben“, wofür unter anderem diverse hochkarätige Wettbewerbsteilnahmen und Preise sprechen. Für ihr kürzliches Gastspiel in der Stralsunder Klinikumskirche präsentierten sie sich standesgemäß in einem „Preisträgerkonzert des Deutschen Musikrats“. 

Weder sie noch der Veranstalter hatten dabei zu viel versprochen. Im Gegenteil. Nochmals O-Ton Trio: „So, wie der Bernstein durch Bewegung [Reibung] Funken schlägt [Bernstein griechisch: electron!!], möchten wir mit unserer Musik Energie freisetzen, die Resonanz schafft und berührt.“ 

Bernstein Trio Stralsund: Programm, Dramaturgie und Werküberblick

Fazit des Abends; beides glänzend gelungen! Dies mit einem Programm, dem es an hohen spieltechnischen und gestalterischen Ansprüchen nicht mangelte. Das begann mit Kelly-Marie Murphys zupackend dramatischem „Give me phoenix wings to fly“ (1997), retardierte scharf kontrastierend mit einer ensembleeigenen  Liedbearbeitung (Richard Strauss ; Morgen“  op. 27/4) und verdichtete Hochemotionales und Spielerisches mit Schostakowitschs Klaviertrio op. 8 und Mendelssohns großem d-Moll-Trio op. 49. Grandiose „Spielwiesen“ für ein junges, hochmotiviertes und zu differenziertester Gestaltung fähiges Ensemble! 

Die Feuerprobe gleich zu Anfang. Murphys dreisätziges, auf der antiken Sage vom Phönix sowie zwei englischen Gedichten (John Keats, Robert Graves) basierendes dreisätziges Stück bietet zwischen den Aktionsräumen „Feuer“, „Blinde Zerstörung“ und „Wiederaufbau“, also zwischen einer Katastrophe und dem Wiederauferstehen aus der Asche viele Möglichkeiten musikalischer, die Beziehungrn zu unserer heutigen Gegenwart bewusst einbeziehender Gestaltung. Erstaunlich genug, was die 1964 auf Sardinien geborene kanadische Komponistin in dem 1997 uraufgeführten Werk zu bieten weiß. Den seinerzeitigen, geradezu  überrascht scheinenden Rezensionen waren jedenfalls keine lobenden Worte zu viel. Und tatsächlich: Murphy weiß, wie man die Sinne kontrastreich attaktiert und den Ausführenden jede Menge Gestaltungsmöglichkeiten serviert. Dankend angenommen hat dies das Bernstein Trio. Man hat nicht nur die Hauptaffekte der drei Sätze  zielgenau getroffen, sondern auch in der jeweiligen Mikrostruktur dank höchst eindringlichen klanglichen Differenzierens eine ungemein kontrastreiche, überaus spannungsvolle Klang- und Ausdruckspalette präsentiert. Musiksprachlich waren da tradierte Musiziermodelle und durchaus in gewisser Weise als illustrativ zu bezeichnende Verfahren ebenso erkennbar wie das Vermögen, sie in eine ganz eigene Form zu bringen und diese stets als Ausdruck individueller wie denkbar intensiver Expressivität zu nutzen. Fazit: 13 äußerst anregende, ja aufregende Minuten einer mit viel kompositorischer Souveränität und Spontaneität überzeugenden Musik. Hinreißend musiziert sowieso, ganz, wie seinerzeit eine kanadische Zeitung schrieb, als „pulstreibender Angriff auf die Sinne.“

Solcherart pulsierende Lebendigkeit wusste man auch dem Trio Schostakowitschs zu verleihen. Dieses op. 8, erst in den frühen Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts aus dem Archiv ans Licht gebracht, ist das Werk eines Siebzehnjährigen. Schostakowitsch schrieb es im Herbst 1923, nach einem Kuraufenthalt auf der Krim und – wichtig! – noch ganz im Banne einer (wohl schüchtern verborgenen) Jugendliebe zu einem Mädchen namens Tatjana Gliwenko. Der sehr persönliche Hintergrund (auch Widmung an Tatjana Gliwenko!) erklärt manches. Etwa die einsätzige, „erzählerisch“ kontrastreiche, diverse Gefühlslagen charakterisierende Anlage, die den Interpreten zwischen sensibler Melodik und spielerischem Übermut, zwischen klangintensiver, romanzenhafter  Nachdenklichkeit, pathetischer Gestik und musikantischer Unwiderstehlichkeit so manche Gelegenheit zu fast schon genussvollem Nachvollzug jugendlichen Gefühlsüberschwangs bot. Spannend natürlich auch zu sehen, wie sich in diesem frühen, sicher noch einigermaßen spontan geschriebenen Opus später so wichtige musiksprachliche Stilelemente des Komponisten im Ansatz zeigen. Unverkennbar und vor allem auch unüberhörbar schien der Reiz für die Interpreten, sich dieses rein äußerlich eher weniger gewichtig scheinenden, aber mit Herzblut und Innigkeit, in jedem Falle ohne jegliches kompositionstechnische Kalkül geschriebenen Werkes anzunehmen. Berührende Wirkung garantiert!

Finale mit Mendelssohn: Höhepunkt und Abschlusswirkung

Das galt auch für das finale Werk des Abends: Mendelssohns großes, repräsentatives Klaviertrio d-Moll op. 49. Vier Sätze, 30 Minuten denkbar große Kunstfertigkeit, ein „Meistertrio der Gegenwart“, so Robert Schumann. Und er fügte die vielzitierten Worte hinzu, Mendelssohn  sei „der Mozart des neunzehnten Jahrhunderts, der hellste Musiker, der die Widersprüche der Zeit am klarsten durchschaut und zuerst versöhnt.“ Das mit dem Mozart kann man durchaus wörtlich nehmen – und dann möglichst auch so spielen. Schon Schumann hatte darauf verwiesen, dass das Trio kein Klavierkonzert sei, „daß auch die anderen lebendig einzugreifen haben“. Für das Bernstein Trio kein Problem. Weder war das (pianistisch grandios bedachte) Klavier zu laut oder zu dick, noch die Violine zu dominant, das Cello zu zurückhaltend und das Ganze zu klangkompakt.. Vom ersten Ton an überzeugte man mit enormer spielerischer Leichtigkeit und Beweglichkeit, blieb stets transparent, schwungsvoll und mitreißend stringent; unabhängig davon, ob es sich um die formal strengeren Ecksätze, das geisterhaft huschende Scherzo oder den melosgesättigten Andante-Satz handelte. Über allem schien der Begriff des „agitato“ zu stehen. Und so geriet das gesamte Werk zu einer so großen wie großartigen musikalisch verdichteten und artikulativ überaus prägnanten „Erzählung“, deren „Botschaften“ dem Hörer viel individuellen Bedeutungsspielraum beließen. Es war die starke, gestalterisch sehr beeindruckende Vorstellung eines Ensembles, dem für die künftige musikalische Karriere alles Glück zu wünschen ist!   

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