Ein Beitrag von Ekkehard Ochs
„…sagen muß ich Dir noch, daß ich ganz und gar erfüllt bin von Deinem Requiem, es ist ein ganz gewaltiges Stück, ergreift den ganzen Menschen in einer Weise wie wenig Anderes. Der tiefe Ernst, vereint mit allem Zauber der Poesie, wirkt wunderbar, erschütternd und besänftigend. Ich kann`s, wie Du ja weißt, nie so recht in Worte fassen, aber ich empfinde den ganzen reichen Schatz dieses Werkes bis ins Innerste und die Begeisterung, die aus jedem Stücke spricht, rührt mich tief, daher ich mich auch nicht enthalten kann es auszusprechen.“
Soweit die individuelle, zunächst nur auf Kenntnis des Klavierauszugs basierende Empfindungswelt Clara Schumanns (1866), der einige wenige ähnliche Meinungen hinzugefügt werden könnten. Das täuscht nicht darüber hinweg, dass eine Wiener Uraufführung der ersten drei Sätze (1867) nicht recht ankam. Immerhin sprach der berühmte Eduard Hanslick aber schon von beeindruckendem „Ernst“ und von „Größe“. Eine sechssätzige Fassung vor 2000 Hörern in Bremen (1868) löste dann schon Bewunderung und Begeisterung aus. Mit einer um einen 7. Satz (Nr. 5) ergänzten Fassung – erstaufgeführt 1869 in Leipzig – lag dann das Werk in jener Gestalt vor, die bis heute als verbindlich gilt und kürzlich am Totensonntag in Greifswalds Dom St. Nikolai erklang. Die Ausführenden: Melissa Domingues, Sopran, Stephan Klemm, Bariton, der Greifswalder Domchor, das Greifswalder Bachwochenorchester (Komische Oper, Berlin) und das Ganze unter der Leitung von Prof. Frank Dittmer vom Institut für Kirchenmusik und Musikwissenschaft der Universität Greifswald und Künstlerischer Leiter der Greifswalder Bachwoche.
Ein Deutsches Requiem: Clara Schumanns frühe Eindrücke
Zum Werk selbst erübrigen sich hier detailliertere und vielerorts nachlesbare Kommentare. Ins Gedächtnis gerufen sei lediglich, dass Brahms ohne jede liturgische Bindung an die traditionelle (lateinischsprachige) katholische Totenmesse auskommt, sich selbst Texte aus dem Neuen Testament und den Psalmen zusammenstellt und sozusagen „konfessionslos“ komponiert. „Was den Text betrifft, will ich bekennen, daß ich recht gern auch das »Deutsch« fortließe und einfach den »Menschen« setzte.“ Der Erlösungstod Jesu fehlt, was seinerzeit kritisiert wurde. Im Brahmsschen Fokus steht eben nicht der Tod, sondern es geht um Halt und Trost für die Lebenden!
Damit wären schon wichtige Hinweise für eine Interpretation gegeben. Es gibt ansprechbare, reale Partner, Verweise auf Haltungen und Möglichkeiten, mit dem Tod umzugehen; und das -man beachte den Text – auf biblischer, also religiöser Grundlage. Alles das dürfte dann auch auf entsprechend spezifische Kompositionsweisen zielen und damit auf Gestaltungsmittel, die den konzeptionellen Besonderheiten des Werkes entsprechen. Der erwähnte Eduard Hanslick hat 1875 dieses Spezifische (nun neu!) gefühlt und festgestellt: „In Brahms`Requiem sehen wir mit den reinsten Kunstmitteln das höchste Ziel erreicht, Wärme und Tiefe des Gemüths bei vollendeter technischer Meisterschaft, nichts sinnlich blendend und doch alles so tief ergreifend, keine neuen Orchester-Effecte, aber neue, große Gedanken, und bei allem Reichthum aller Originalität die edelste Natürlichkeit und Einfachheit.“
An solche Mitteilungen konnte man sich in Greifswalds Dom recht lohnend erinnern. Das war in erster Linie einem Chor zu verdanken, der sich in sehr ansprechender Form präsentierte. Frank Dittmer hatte die in diesem Werk besonders wichtigen, das Stück wesentlich bestimmenden Chorpartien erkennbar gut vorbereitet. Er verließ sich nicht auf eine stets wirkungssicher scheinende, großzügige al-fresko-Wiedergabe, im Gegenteil. Mit schöner Selbstverständlichkeit war eine sensible, subtile Feinarbeit im Dynamischen erkennbar, eine glaubhafte pulsierende Verlebendigung der Abläufe, die sich dann in den Wechseln von Spannung und Entspannung, vor allem aber in fesselnder klanglicher Intensivierung präsentierte. Expressivität überall, sinnvoll dosiert je nach Gefühls- und Ausdruckslage! Kein sentimentaler Überschwang, dafür ein konzentriert hohes Maß an Verheißungen und Gewißheiten, die der textliche Umgang mit den Problemen von Leben und Tod nahelegen; der dezidierte Blick auf Zuspruch, Trost, ja Sicherheit immer im Fokus!
Die Rolle der Solisten und des Bachwochenorchesters
Dafür gab es dann auch die notwendigen gesangstechnischen Voraussetzungen eines lockeren, beweglichen und elastischen Singens, zudem die Fähigkeit variabler, teils sehr kontrastreicher Gestaltung zwischen Gesten der Klage und des melancholischen Trauerns beziehungsweise denen fröhlicher bis hochemotionaler, pathetischer Gewissheit. Da man auch sprachlich gut artikulierte, kam die enge Verbindung von Text und musikalischer Gestaltung überzeugend zum Tragen.
Das bezog sich auch auf die Solisten. Beide mit großer, sehr klarer, tragfähiger,charaktervoll expressiver Stimme und jenem Maß an gefühlvoller Kontrolliertheit, die diese Solo-Partien so eindrucksvoll auszeichnet. Aber alles das wäre nichts ohne ein professionelles Orchester von allerbester Qualität. Als Opern- und Konzertensemble in allen Stilen zu Hause, in Greifswald seit Jahrzehnten auch im Hinblick auf Kantate und Oratorium bis hin zu den Spezifika des 18. Jahrhunderts bestens bewährt, erwiesen sich die Berliner Gäste erneut als stilsicherer, jeden noch so differenzierten Orchesterklang mühelos handhabenden Partner. Das will in einem Raum, der bekanntermaßen einige akustische Herausforderungen bereithält und manche Feinheit schon mal verschluckt, einiges heißen. Was nichts an der Tatsache änderte, dass allen Mitwirkenden unter der Leitung Frank Dittmers eine rundum eindrucksvolle Aufführung gelang!
Sollte einem in diesem Zusammenhang nochmals der Herr Kritiker Hanslick einfallen, dann vielleicht mit den passenden Worten, „daß hier die eigenste Natur der Musik und damit zugleich das Gemüth des Hörers in intimere Mitwirkung gezogen wird.“


