CD-Box-Review: SWR Vokalensemble – Chormusik der Welt

Von Stefan Pillhofer

Chormusik der Welt

Das Wort “Kompendium” verwende ich ja auch gerne. Es klingt gut und macht etwas her. Interessanterweise passt es im Falle der vorliegenden Veröffentlichung aber tatsächlich sehr gut. Ein Kompendium ist ja ein Überblick über etwas, ein Abriss eines komplexeren Themas. Die Zusammenfassung aller neun, im Zeitraum 2014 bis 2020 erschienenen, und nach Länderthemen sortierten Einzelalben America, Russia, Italia, Great Britain, Polska, Finland, France, Japan und Baltikum in der CD-Box “Chormusik der Welt” kann nur ein Überblick über entsprechende Werke des 20. und 21. Jahrhunderts sein. Wenn auch ein wohl Ausgewählter, was bei näherer Betrachtung durch die Balance aus kompositorischen “Schwergewichten” und nicht ganz so präsenten Chorspezialist*innen deutlich wird. Intern feiert man damit sowohl das 20-jährige Bestehen des Labels SWR music, als auch die Verabschiedung von Marcus Creed als Chefdirigent des SWR Vokalensembles, dem nun der junge Dirigent Yuval Weinberg nachfolgt. Und auch wenn nicht alle Veröffentlichungen brandneu sind, so hat mich doch diese umfassende Sammlung von Werken und Aufnahmen sehr gereizt.

Namhaftes America

Die Abteilung “America” ist gleich gänzlich prominent besetzt, mit den Komponisten Aaron Copland, Steve Reich, John Cage, Leonard Bernstein und Samuel Barber. Da freut es mein eigenes Neue-Musik-Herz sehr, dass dann doch noch “Rothko Chapel” vom von mir verehrten Morton Feldman in die Auswahl gerutscht ist. Besonders attraktiv ist hier, dass zur Umsetzung Viola, Percussion und Celesta mitwirken, die den Vortrag beginnen, wobei die Sänger*innen erst langsam, mit der Zeit hinzukommen, und die berühmten Feldmanschen Akkorde mit Lust und Spannung ausführen.

In Steve Reichs “Proverb” wechseln sich Ensemble und Percussion mit Bedacht in der Stimmführung ab, und ziehen so Klangebenen über- und untereinander ein, wodurch der langwellige, mitunter etwas hypnotische Charakter dieser Musik schön hervortritt. Das ist ein Moment, in dem dieser besondere Klangkörper zeigen kann, dass es nicht nur darum geht, Chormusik korrekt und adäquat umzusetzen, sondern, dass das Fähigkeitsspektrum dieser Musiker*innen dort beginnt, wo unterschiedlichste Stile und Genres mit beeindruckender Treffsicherheit dargestellt werden.

Auf dem Weg nach “Russia” fällt auf, dass neben Alfred Schnittke, Sergey Ivanovich Taneyev, Pyotr Ilyich Tchaikovsky und Sergei Rachmaninoff auch Sofia Gubaidulina mit ihrer fünfsätzigen Suite “Hommage à Marina Tsvetayeva” vertreten ist. Mit hintergründigem Witz artikulieren die Sänger*innen markant und akzentuiert, und geben den Pausen zwischen den Noten viel Raum.

Italia, Italia!

Diese Flexibilität in der Ausführung zieht sich durch die über Jahre hinweg erschienenen Teile der Box, ist also festgelegter Bestandteil in der Arbeit des Ensembles. In “Italia” treffen dann aber so einige Gegensätze aufeinander, die auch Fragen aufwerfen. Im technisch höchst anspruchsvollen, aber nicht minder schönen “Sarà dolce tacere” von Luigi Nono zeigen die Sänger*innen ihr ganzes Können, denn sie müssen hier schwer anzusingende Töne teilweise mit speziellen Gesangstechniken zielsicher in den Raum stellen, und daraus dann noch die vom Komponisten angelegte Interpretationsintention rekonstruieren, was alles vortrefflich gelingt. Aber dann sind da noch die Stücke von Guiseppe Verdi, die mich an den Rand meiner Einschätzungskraft bringen. In “Pater Noster” arbeiten die Musiker*innen mit Sachverstand, Techniksicherheit und Detailverliebtheit die ganze Schönheit in Demut heraufbeschwörender Klarheit heraus. Vor allem die Sopranistinnen malen sich mit fast schon entrückter Selbstverständlichkeit ihren Weg durch die Komposition. Das “Ave Maria” hält mit etwas gedeckteren Farben konzentriert und besinnlich Andacht. Und plötzlich erkenne ich die schier unglaubliche Tatsache, dass in den traditionelleren Stücken der gesamten (!) Box die Timbres vor allem der Frauenstimmen fast immer gleich klingen. Beeindruckt von so viel Produkttreue frage ich mich da aber auch, ob etwas mehr Charakterwechsel und grundsätzliche Klangvariabilität hier nicht auch schön wäre. 

Magische Musik

Mit ihrer hohen Gestaltungsfreude prägen die Sänger*innen die komplette Sammlung durchgehend, besonders deutlich zum Beispiel bei der Station “Polska” in “Madrigal” von Roman Haubenstock-Ramati, wo sich Sprache, Zisch- und andere Laute, sowie Geflüster mit Gesang mischen, oder in “Vene Creator” von Krzysztof Penderecki, in dem sich die Musiker*innen richtiggehend auf die komplexe Harmonik stürzen.

Die Lust auf ungewohnte Akkordstrukturen setzt sich auch fort in “Finland” bei der starken Auswahl an Werken von Einojuhani Rautavaara, wenn das Ensemble in den jeweils dreisätzigen Werken “Canción de nuestro tiempo” und “Orpheus singt” in der mystischen Klangwelt des von mir so geschätzten Komponisten schwelgen kann.

Jede Zusammenstellung an Neuer Chormusik aus Japan muss ein gerüttelt Maß an Werken von Toru Takemitsu enthalten. So auch Diese. 

Am Anfang seines “Wind Horse”  fällt in den Einzeltönen wieder das oben beschriebene “Haustimbre” des Ensembles auf, sobald die Akkorde beginnen zeigt sich aber wieder die hohe Interpretationssicherheit der Gruppe bei neuen Werken. Neue, geräuschhafte Gesangstechniken setzen die Sänger*innen hier ausdrucksstark um, zeigen in komplexen Akkordstrukturen starke Intonation. Gerade bei Takemitsu werden die Eigenarten in den Kompositionen schön herausgearbeitet, kurze, ungewöhnliche Akkordeinwürfe singen die Musiker’*innen markant und betonend, wohl wissend um die besondere Atmosphäre, die aus der Musik des japanischen Komponisten entstehen kann.

Dass in der Sammlung “Baltikum” nur ein Stück von Arvo Pärt vorkommt ist überraschend, aber auch irgendwie erfrischend. Der ansonsten mit Chormusik sehr präsente Komponist muss hier Platz machen für andere Namen, die man vielleicht noch nicht so kennt. Dennoch ist die Auswahl von Pärts Stück “And I Heard a Voice” sehr gut gelungen. Eher traditionell in der Harmonik, verbreiten die Sänger*innen hier doch gekonnt die Ruhe und Besinnung, die in diesem Stück stecken. 

Konzentration und Präzision

Eine weitere Komponistin des Baltikums ist Maija Einfelde, deren “3 Poems by Fricis Bärda” einen ruhigen, harmonisch aber durchaus ausgebufften Einstieg in diesen Tonträger geben, wobei sich das Ensemble wie so oft mit Freude in die anspruchsvolleren Elemente dieses Werkes stürzt, und mit Konzentration und Präzision interpretiert.

Auch ein Pēteris Vasks darf hier nicht fehlen, ist aber erwähnenswert, da er in “Litene” dem Ensemble so viele Möglichkeiten gibt zu gestalten, neue Gesangstechniken zu verwenden, und überraschende Dynamikverläufe zu durchleben. Das geht von kräftigen Akkordabschlägen bis hin zu gepfiffenem Vogelgezwitscher.

Es ist wirklich schwer, bei dieser umfangreichen und gehaltvoll zusammengestellten Box ein Ende zu finden, beim anhören, und beim darüber schreiben. Und ich könnte noch. Wer sich ab und zu gerne Chormusik anhört, der hat mit dem Erwerb dieser Veröffentlichung erstmal ausgesorgt, und Enthusiasten bekommen hier einen Bestandteil für die Sammlung, der meiner Meinung nach nicht fehlen sollte.

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