CD-Reivew: Tarrodi & Skog: Piano Pieces

Manchmal geht es hin und her. Da höre ich eine neue Veröffentlichung und ich weiß nicht so recht, bin fasziniert, aber auch etwas verstört. Ich lege es beiseite, komme aber trotz der Flut an zu sichtenden Alben wieder darauf zurück, weil irgendeine Art Zauber mich fasziniert. So geschehen mit der von der schwedischen Pianistin Ann-Sofi Klingberg eingespielten Zusammenstellung an Klavierstücken von Ylva Skog und Andrea Tarrodi, genannt “Piano Pieces”. Gerade Tarrodis albumbestimmende “12 Pieces for Piano” scheinen aus einer reinen, anspruchsvollen Klavierromantik zu entspringen. Das hat mich richtiggehend irritiert, wird doch die schwedische Komponistin sehr für ihren eigenen Stil respektiert. In ihren neueren Orchesterwerken spannt sie gerne große Bögen, schafft eigenartige, kompositorische Strukturen. 

Mit Tarrodi durchs Jahr

Nicht so in den “12 Pieces for Piano”. Hier lebt sie die Versonnenheit der Klaviermusik der Jugendstilzeit, stellt endlos Fragen in tröpfelnden Arpeggios, schichtet mit Bedacht großgriffige Akkorde über- und hintereinander. Die 12 Stücke sind auch in ihrer Benennung jeweils einem Monat im Jahreslauf zugeordnet, und Tarrodi scheint in den kurzen Musiken ihre ganz eigenen Erfahrungen und Gefühlswelten mit den unterschiedlichen Zeitabschnitten zu zeichnen. Wobei es für mich auch Überraschungen gibt. Während der April noch in bekannt romantischer Manier in schnellen Abwärts-Arpeggi den Frühling startet, so ist zum Beispiel der Juni – mein Geburtsmonat – so drückend nachdenklich, wie ich es vielleicht eher dem Spätsommer zuschreiben würde. Dieser präsentiert sich im August jedoch eher majestätisch groß, in Lento gesetzten, oktavierten Melodien, mit einer Erhabenheit, die an diesen tiefblauen, hitzebeschwerten Sommertagen jeder schon erlebt hat. Die schnellen Bewegungen im Oktober mögen auf vom Wind verspieltes Laub hinweisen, ansonsten ist dieser Monat eher nicht bekannt für Agilität. November und Dezember tauchen dann über Andante und Lento ab in eine besinnliche, aber bisweilen auch düstere und manchmal klaustrophobische Winterstarre. So ist dieser Zyklus eine interessante Reise durchs Jahr, bei dem die Pianistin den Hörer mit ihrer zurückhaltend dosierten Interpretation zum Nachdenken mitnimmt. 

Die in Stockholm ansässige Komponistin wird derzeit viel besprochen, gewinnt Preise wie den Swedish Grammy Award und wurde 2017 mit “Liguria” bei den BBC Proms gespielt. Für das Alter von 38 Jahren hat sie eine überraschend lange Werkliste vorzuweisen, die natürlich am meisten Kammermusik in sich trägt, vielleicht etwas wenig Vokalmusik, dafür aber erstaunlich viele Orchesterwerke. Ausserdem ist sie Composer in Residence des Nordic Chamber Orchestra 2019 – 2021, wofür unter anderem eine Sinfonie und ein Harfenkonzert beauftragt sind.

Auf und Nieder

Mit der “Piano Suite” hat Tarrodi einen weiteren Stückzyklus auf diesem Album, bestehend aus fünf kurzen Klavierstücken. Am Beginn fast etwas unscheinbar, mit “Alba”, in dem sie statische Abfolgen aus Einzelakkorden aufbaut, was in “Marea” fortgeführt, aber gleichzeitig mit Zwischenmelodien zusätzlich angereichert wird. Im dritten Stück “Melodia” findet man dann den Angelpunkt der Suite, wo die Komponistin bei der bezaubernden Taktik der nun schneller gespielten Akkordabfolgen und den mittlerweile zu sinnstiftenden Melodien kombinierten Einzeltönen angekommen zu sein scheint, und plötzlich verstehe ich wohin das Werk gehen soll. Im weitern Verlauf von “Narciso” und “Carillon” werden die Akkorde mehr vereinzelt und die Melodien beliebiger und scheinbar zufälliger gesetzt, wodurch eine leichte Dekonstruktion der ursprünglichen Zielsetzung entsteht. Dieser Sinnzusammenhang erschliesst sich erst beim Hören des ganzen Werkes am Stück, Hörproben können da etwas in die Irre führen.

Nochmal zum Mond?

In Beziehung aber auch im Gegensatz zu Tarrodi steht ihre auch aus Schweden stammende Komponistenkollegin Ylva Skog. Mit den “5 Moon Pieces” spielt Klingberg einen erstaunlichen Zyklus, leben doch die ersten Stücke “Full Moon, “Moon Stones” und “Moon Shadow” eine Leidenschaft für fast schon plakativ eingängige, klassisch orientierte Melodien aus, die manchmal ein wenig an Schumanns Kinderszenen erinnern. “Crescent Moon” hat dann etwas von einem einfachen Übungsstück, das durch die repetitiven, technischen Bewegungen hindurch im Verlauf aber immer weitgreifender erzählend wird, und das verwendete Harmoniereservoir immer mehr ausdifferenziert. Und dann, ja dann kommt noch das letzte Mondstück in der Reihe, die Nummer fünf “Blood Moon” und ich kann sagen, dass ich schon lange keinen so starken Ohrwurm mehr in der klassischen Musik gefunden habe. Das Stück unterscheidet sich sehr von den Anderen. Es ist ernster, düsterer, und benutzt ein noch einprägsameres Thema. Hier wird dann auch Skogs Faible für verminderte Skalen deutlich. Das ist einer der Punkte der mich an  dieser Musik so fasziniert, diese Ambivalenz aus Einprägsamem, und andererseits harmonisch fordernderen Anteilen. “Blood Moon” ist in dieser Hinsicht ein eindrucksvoll ausgewogenes, und mitreissend erzählendes Klavierstück, bei dem ich als Hobbypianist fast in Versuchung komme zu überlegen, ob ich es vielleicht selbst spielen könnte (was ich natürlich nicht kann). Ann-Sofi Klingberg arbeitet auch hier all das Beschriebene mit so viel Einfühlungsvermögen heraus, stellt sich abermals voll in den Dienst der Musik, drückt keine Stempel auf. Ihr spielerischer und interpretatorischer Beitrag ist subtiler, sehr respektvoll der Musik gegenüber. 

Für die beiden vierhändig angelegten Stücke “Vinterpoem” und “Staying in Tune” von Ylva Skog am Ende des Albums kommt dann noch Mals Widlund dazu und musiziert mit viel Energie die unterschiedlichen Stimmungsverläufe und Erzählweisen in den sich unterscheidenden Stücken.

Vertriebstechnisch scheint dieses Album etwas versteckt zu sein, umso erstaunlicher ist es, dass es sich durch meinen Reviewstapel kämpfen konnte, und umso mehr Ansporn war dies einen Review zu schreiben.

Trackliste

 
 

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