Im Blindtest höre ich Anne Haasch mittlerweile heraus. Setzt man mir fünf Gitarrist*innen vor, dann werde ich sie am Spiel erkennen. Sie hat einfach einen eigenen, eindrücklichen und manchmal vielleicht auch eigenartigen Stil – im besten Sinn. Wenn sie spielt, dann erschafft sie einen Mikrokosmos der Konzentration und der Introversion – durch ihre Art zu musizieren und durch das, was zwischen den Noten passiert. Sie hat das nun schon oft in zahlreichen Konzerten und CD-Aufnahmen gezeigt und bietet auch mit ihren Kurzvideos in sozialen Netzwerken immer wieder entspannendes Eintauchen in Musik.
Für die neueste Einspielung Songs of Wandering tut sich Anne Haasch zusammen mit der Mezzosopranistin Natalie Perez, die ihrerseits einen besonderen Stil hat.

Der Titel des Albums bezieht sich auf einen Teil des Liedzyklus The Divan of Moses Ibn-Ezra des italienisch-jüdischen Komponisten Mario Castelnuovo-Tedesco (1895–1968). So wie der mittelalterliche Dichter Moses Ibn-Ezra war auch Tedesco wegen seiner jüdischen Herkunft aus seiner Heimat vertrieben. Die Lieder im Zyklus thematisieren diese Tatsache; allerdings verwendete der Komponist englische Übersetzungen von Ibn-Ezras Gedichten aus dem Hebräischen, da er – anders als der Dichter – in seinem amerikanischen Exil Fuß gefasst hatte und heimisch geworden war.
Natalie Pérez mit komplexer Klangformung
Mein Erleben dieser Liedaufnahmen war dann sehr besonders. Freudig Anne Haaschs neues Projekt erwartend, lernte ich Natalie Pérez kennen – und war verblüfft. Dieses Vibrato überforderte mich zunächst. Im Opernbereich gibt es diesbezüglich ja mehr Spielräume, aber bei Liedern und dann noch mit diesem geschichtlichen Hintergrund war ich schon deutlich überrascht. Die Verschiebung des Formantbereichs der Stimme in den hohen und damit lauteren Abschnitten des Vibratos ist in gewissem Maß erwartbar, hört sich für mich bei Pérez aber besonders ausgeprägt an.
Als ich dann aber zum ersten Mal die Aufnahme in Gänze hörte, wuchs ich mit Pérez’ Stimmklang immer mehr zusammen; immer selbstverständlicher wurde ihre gesangstechnische Ausführung und Interpretation, und ich verstand, welche elementare Rolle diese Gestaltungsmittel beim Erzählen der Texte und Inhalte spielen. Und mittlerweile halte ich den Vortrag der Mezzosopranistin für wunderbar und genau passend – auch weil die Sängerin leisere Töne in tieferen Lagen so herrlich weich singt, mit viel Luft und mit diesem entspannten Vibrato und getragenem Ton. Sehr schön hörbar wird das zum Beispiel in O Brook aus Songs of Friendship. Wie sie da gerade gegen Ende der Töne graduell den Luftanteil erhöht und sie damit raumgreifender wirken lässt, macht den Vortrag richtig dreidimensional und bindet mich als Hörer gut mit ein. Wenn dann ganz kurz vor Abschluss der Note die hohen Formanten fast komplett wegfallen, dann wird das zu meisterinnenhafter Tongestaltung, die große Freude bereitet.
Währenddessen zeigt Anne Haasch eine Seite von sich, die ich noch nicht so oft gehört habe. Liedbegleitung ist schon etwas anderes als solistisches Spiel. Und dabei wandelt sich die Gitarristin in eine sehr anpassungsfähige und agil handelnde Duopartnerin. Mit Spannung und Akkuratesse spielt sie die Akkordcluster in Drink deep, my friend aus Of Wine, and of the Delights of the Sons of Men schon fast in chorischer Art.
Anne Haasch mit Aufmerksamkeit und Detailarbeit
An anderer Stelle setzt sie dann die Akkorde und Tonläufe mit viel Aufmerksamkeit für Pérez und bleibt perfekt abgestimmt auch bei genauesten agogischen Feinheiten. In The world is like a woman of folly aus The World and its Vicissitudes setzt Anne Haasch zusätzlich noch die auf den Gitarrenkorpus geklopften Elemente mit minimalem, aber wahrnehmbarem Platz drumherum, wodurch sie perfekt wirken können. Ein weiteres Beispiel, wie viel Detailarbeit in dieser Aufnahme steckt. Die Gitarristin arbeitet auf diesem Album mehr aus dem Hintergrund, wirkt aber auch dabei gekonnt – nicht nur durch technische Aspekte, sondern vor allem durch ihre künstlerische Persönlichkeit und ihre Erfahrung im Ensemblespiel.

Beide Musikerinnen lassen sich voll auf die Stücke und aufeinander ein. Natalie Pérez legt sich in Let man remember all his days aus The Transience of this World mit viel Ruhe und Bedacht auf die von Anne Haasch bereitete Stimmung, und beide geben der Musik viel Raum und lassen sie wirken.
Das ist meisterhaftes Zusammenspiel, das mich ergreift und tief beeindruckt. Und wieder habe ich viel gelernt – auch darüber, dass ein erster Eindruck sich oftmals stark verändern kann.
Songs of Wandering zeigt, wie ein spannendes und interessantes Projekt in musikalischer Begeisterung münden kann – sowohl auf Seiten der Musikerinnen als auch bei den Zuhörer*innen.


