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Einfach Klassik.

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Belinfante Quartet Cover

CD-Review: Belinfante Quartet – Parallel 40

Auch wenn ideologische, politische und wirtschaftliche Gegensätze den Globus immer brutaler spalten – Musikkulturen scheren sich kaum um so etwas, wo kollektives Empfinden auch zwischen scheinbar Ungleichem oft einen gemeinsamen Nenner herstellt. Die Cellistin und Wiederstandkämpferin Frida Belinfante (1904-1995) übrigens auch Europas erste Dirigentin, hat es auf den Punkt gebracht: „Die Musik enthält alles in erhabener Form. Alle menschlichen Gefühle werden ausgedrückt. Liebe, Glückseligkeit, Resignation, Tod. Es ist alles in uns.“ 

Im Geiste seiner Namensgeberin begab sich das in den Niederlanden ansässige Belinfante Quartet auf eine imaginäre Weltumrundung. Denn man muss nur in die Tiefe gehen und schon tun sich wahre Schätze auf, zugänglich gemacht durch eine global vernetzte Musikwelt. Nur neugierig muss man noch selber sein – und viel Neugier trieb auch Olivia Scheepers und Fiona Robertson(Violine), Henrietta Hill (Viola) und Pau Marquès i Oleo (Cello) bei der aufwändigen Arbeit an ihrer CD Parallel 40 an. Der Titel ist hier Programm und offenbart die erkenntnisleitende Fragestellung: Was für Musiken werden hörbar, wenn man sich auf dem 40. Breitengrad immer weiter gen Osten bewegt? Die gefundenen Resultate sind erstaunlich. Die spielerische Einlösung seitens dieses Quartetts kann dabei nur als sensationell bezeichnet werden.

Höchste Streichquartettkunst, die atmosphärische Marken setzt 

Die Reise beginnt auf der Baleareninsel Menorca, der Heimat des Cellisten Pau Marquès i Oleo mit einer berührenden Folk-Melodie. Von da ab geht es immer weiter auf dem 40. Breitengrad nach Osten. Schnell ist die Insel Sardinien erreicht. Archaische Klänge aus einer wiederum ganz anderen Kultur betören mit eigenwilliger Agogik und Bordun-Tönen. Auf dem Festland des italienischen Stiefels angelangt, überwältigt mächtige Hochkultur. Die erhabene kontrapunktische Tonarchitektur in Scarlattis Sonata a Quatro wird der kostbaren Baukunst, die an den Entstehungsorten dieser Musik zu bewundern ist, allemal gerecht. Der Sprung über die Adria erfolgt schnell – in eine ganz andere Welt. Albaniens Musik, hier vertreten durch ein spirituelles Stück des Komponisten Ioannis Koukouzelis atmet eine tiefe, mystische Ruhe. Auch hier setzt das emotional beseelte Spiel des Belinfante Quartet eine mächtige atmosphärische Marke. Die griechische Kultur ist gar nicht so weit weg davon. Ekstatische Tanzfiguren fließen in ein modales Streichquartett von Nikos Skalkottas. Die extrem variable Musizierleidenschaft des Belinfante-Quartetts ist dabei lebender Beweis, dass konventionelle, klassisch-romantische Spielweise nur eine Möglichkeit von vielen ist. Denn hier lebt doch ein viel breiteres Spektrum von Virtuosität bis Minimalismus, von hoher Komplexität bis zu archaischen Elementen, von expressevier Wucht bis lyrisch betörender Einfachheit – und dies im fliegenden Wechsel wie bei einem raschen Mix aus Reiseeindrücken. 

Der türkische Komponist Ahmet Adnan Saygun hat ähnliche musikethnische Feldforschungen wie einst Béla Bartók betrieben. Hieraus erwächst eine faszinierend modale Musik, die zugleich tief spirituell wirkt. 14 Variationen über Themen aus Armenischen Folksongs von Komitas Verdapet wirken erfrischend verspielt. Aserbaidschan bringt ganz andere Klänge, die wiederum stark an türkische Traditionen erinnern und durch das Belinfante Quatett zu einer neuen temperamentvollen Mixtur aufgearbeitet wurden. Weiter führt die Reise nach Zentralasien. Aus Usbekistan kommt ein bemerkenswertes Streichquartett aus der Feder von Polina Medyulyanova, das dringend auch hierzulande aufgeführt gehört. Das Stück „Mah Boto“ des Kirgisen Atai Ogonbaev profitiert von der Kreativität des Belinfante Quartet in Gestalt einer aberwitzigen, perkussiv hämmernden Klangstudie. Sogar aus Nordkorea hat das Belinfante Quartet ein anmutiges Souvenir mitgebracht und improvisiert sphärisch über ein heiteres pentatonisches Lied mit dem Titel „Arirang“. Und auch in de zeitgenössischen Musikszenen von China und Japan Halt gemacht.

Aus Osten wird wieder Westen beim Belinfante Quartet

Auf einmal ist aus „immer weiter nach Osten“ wieder „ganz im Westen“ geworden. USA hat doch eigentlich viel mit Freiheit zu tun, zumindest war das für Komponisten wie Terry Riley der künstlerische Ausgangspunkt. Der Name seines selten gespielten Stücks „Sunrise of the Planetary Dream Collector“ könnte auch gut als programmatisches Motto für diese CD taugen. Ausdrücklich fordert die Partitur die freie Gestaltung. Das Belinfante Quartet ließ sich dies kein zweites Mal sagen und zaubert ein ausgedehntes repetitives Kontinuum, dessen Magie aus der Überlagerung mehrerer rhythmischer Strukturen resultiert. Am Ende erheben die weiblichen Quartett-Musikerinnen ihre Gesangsstimmen und setzen die groovende Linie durch eine Art Scatgesang fort, während Cellist Paul weiterhin unerschütterlich am zugrunde liegenden Riff dranbleibt. Mit so etwas richtig berauscht, kann man mühelos wieder über den Atlantik fliegen, um sich mit zwei lyrischen Stücken aus Portugal und Spanien zur Entspannung die Seele wärmen zu lassen – und sich schon mal den Termin für das Releasekonzert am 27. Juni im Pianosalon Christophori in Berlin vorzumerken. Wer es noch entrückter mag, kann auch eine Reise nach Menorca planen, wo das Belinfante Quartett am 15. Juli dieses aktuelle Programm direkt am 40. Breitengrad live aufführen wird.


Hingewiesen sei hier auch auf ein Fundraising-Projekt, in dem das Belinfante Quartet zu finanzieller Unterstützung aufruft.

Das Album

Icon Autor lg
Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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