Einfach Klassik.

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CD Review: Blaise Ubaldini – In Between

Es beginnt mit einem Flüstern. Vier Bögen streifen fast unhörbar über Saiten, spielen am Steg, dort, wo der Klang glasig wird und bricht. Dann setzt ein Beat ein – träge, aber mit dem Puls der Clubkultur, der sich unter die Streicher schiebt. Und plötzlich ist man drin in dieser manchmal irritierenden Musik. Irritierend deswegen, weil Blaise Ubaldinis neues Album „In Between“ dort weitermacht, wo sonst immer noch unsichtbare Barrieren existieren. Der 62-minütige Klangrausch dieses Albums fordert und belohnt zugleich.

Streichquartett verschmilzt mit Trap-Beats

Der französische Komponist, Jahrgang 1979, spielte einst in Rockbands. Am Pariser Ircam, einer der Kaderschmieden für Neue Musik in Frankreich, betrieb er elektronische Klangforschung. Nach der filigranen Neuen Kammermusik des Vorgängeralbums „Sunbathing“ überrascht „In Between“ durch seine interdisziplinäre Wucht. Auf dem jetzt erschienenen zweiten Album lässt er das Schweizer Sine Nomine Quartett auf modulare Synthesizer treffen, ebenso wie Kunstgesang auf robotisch verfremdete Spoken-Word-Passagen und Sufi-Mystik auf dunkle Atmosphären, die jedem David Lynch-Film gerecht werden würden. Überhaupt lässt sich Blaise Ubaldini, zurzeit meist in Los Angeles lebend, täglich aufs Neue von der Atmosphäre und kulturellen Wirklichkeit dieser Metropole inspirieren. 

In „L.A. Mystics“ breiten sich Streicherdrohnen aus wie Smog über einer nächtlichen Skyline – man meint, die Neonreklamen flackern zu hören. Das mehrteilige „Ineffable vide“ nach Texten von Henri Michaux wechselt zwischen choralartig geschichteten Streichern und freijazzigen Saxofon-Eruptionen, als würden sich Palestrina und Ornette Coleman im selben Raum begegnen und feststellen: Es funktioniert.

Geräusche und Sounds bekommen in dieser Dichte dieselbe Rolle wie Instrumente. Ein sul ponticello gespieltes Flageolett ist gleichberechtigter Partner eines Synthesizer-Patterns. Keine Hierarchien, keine Genres – nur Klang. Was Ubaldini hier vorführt, nennt er selbst „De-Arrangement“: die Rückführung bereits komponierter Stücke zu jener ursprünglichen Musik, die er im Kopf hatte, bevor institutionelle Kontexte sie in Form pressen mussten.

Technische Präzision trifft auf sakrale Akustik 

Entstanden ist „In Between“ zwischen November 2024 und Februar 2025 an zwei sehr unterschiedlichen Orten: im Studio Phonotope im schweizerischen Renens und im Temple de Chêne Pâquier – eine Kombination aus technischer Präzision und sakraler Akustik, die dem Album seine eigentümliche Atmosphäre verleiht. Entscheidend war die Zusammenarbeit mit Soundengineer Jean Lamoot, bekannt für seine Arbeit mit französischen Rock-Ikonen wie etwa Noir Désir. Auch steht für das Anliegen hinter diesem Album: Kein klassischer Sound, keine falsche Ehrfurcht vor dem Material – stattdessen ein Mix, der popmusikalische Direktheit mit experimenteller Tiefe verbindet.

Blaise Ubaldini, Foto (c) Christian Meuwly
Blaise Ubaldini, Foto (c) Christian Meuwly

Akademische Avantgarde und improvisierte Musik, persische Perkussion und britische Konzertsäle – Ubaldini bewegt sich durch diese Welten, als gäbe es keine Zäune dazwischen. In seinen Liner Notes beschwört er eine „heilige Dreifaltigkeit“ aus dem Sufi-Dichter Farid ud-Din Attar, Henri Michaux und David Lynch. Mystik, Surrealismus, Popkultur – bei ihm kein Widerspruch, sondern Methode. Der Aufenthalt in Los Angeles, wo er derzeit promoviert, hat diese Haltung radikalisiert wie er selbst bekundete: Dort, wo kulturelle Communities horizontal nebeneinander existieren statt sich vertikal an Traditionen abzuarbeiten, fand er den Freiraum für seine Vision eines „unscharfen Raums“ zwischen allen Stilen.

Die Türen sind weit offen bei Blaise Ubaldini

Wo digitale Produktionsmittel längst demokratisch verfügbar sind und die Grenzen zwischen E- und U-Musik porös geworden sind, erscheint Ubaldinis Ansatz weniger als avantgardistische Provokation denn als logische Konsequenz. Das Finale zitiert Michaux‘ Gedanken über den Stil als Gefängnis – ein Gefängnis, das den Künstler „heimlich verkrustet“. Wie passend: Ubaldini hat eines gefunden, das die Türen weit offen lässt.

Die Besetzung liest sich wie ein transkulturelles Wunschkonzert: Das renommierte Sine Nomine Streichquartett mit Patrick Genet, François Gottraux, Hans Egidi und Marc Jaermann trifft auf die Sängerin Zoéline Simone, Drummer Luc Müller und den Saxofonisten Valentin Conus. Ubaldini selbst bedient Vocals, Electronics und Piano – und hält die Fäden zusammen.

„In Between“ zeigt, wohin zeitgenössische Musik gehen kann, wenn sie aufhört, sich selbst zu kategorisieren. Das ist eine Neue Musik 2.0, die ihren Namen verdient.

Titelfoto (c) Christian Meuwly

Das Album

Icon Autor lg
Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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