Einfach Klassik.

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Debussy, Nielsen, Lutosławski & Copland_ Clarinet Works

CD-Review: Blaž Šparovec – Debussy, Nielsen, Lutoslawski, Copland


Für Klarinetteninhalte bin ich eigentlich immer zu haben, und das Konzert von Aaron Copland fängt gleich meine Aufmerksamkeit. Aber dann waren da noch mehr Gegebenheiten, die mich bei dieser Aufnahme verharren liessen. Das Odense Symphony Orchestra, eines von fünf regionalen Orchestern in Dänemark, begibt sich unter die Leitung der Dirigentin Anna Skryleva, einer russischen Dirigentin, die schon an einigen Opernhäusern in Deutschland (mit-) gearbeitet hat, und derzeit Generalmusikdirektorin am Theater in Magdeburg ist. Gemeinsam laden sie dann Blaž Šparovec ein, einen jungen Solisten an der Klarinette, der als Soloklarinettist des Gürzenich Orchesters seine Karriere noch startet, um gemeinsam Klarinettenliteratur von Debussy, Nielsen, Lutoslawski und besagtem Copland aufzunehmen. Die Besetzung ist also insgesamt nicht aus dem obersten Star-Regal, aber da will ich meistens ja auch gar nicht hin, dort findet man seltener bewegende Überraschungen.

Blaž Šparovec spielt variabel

Und gerade bei dieser Aufnahme gibt es einige interessante Aspekte, zum Beispiel, dass das Odense Symphony Orchestra so gar nicht mit einem auffälligen oder gar überbordenden Selbstverständnis agiert. Aus dem Ensemble kommt vielmehr Understatement, Nüchternheit und Konzentration auf die Sache. Die Musiker*innen gehen buchstäblich zu Werke, und widmen sich gleich im Nielsen Konzert einer auf die Darstellung von Einzelthemen bedachten Ausführung, anstatt mit großem Strich aufzuspielen. Dirigentin Skryleva greift den Charakter des Orchesters gerne auf, und kombiniert ihre Opernerfahrung dazu. So animiert sie das Ensemble zu erzählender Agilität, und dramatischem Ausdruck. Gleich in der Mitte des ersten Satzes kommen die kleinen Szenen äusserst agil und genau beschrieben, was sich gegen Ende, nach der Kadenz nur noch verstärkt und mit mehr Schwere und Dramatik gepaart wird. 


Der Solist erledigt währenddessen die vielen technischen Anforderungen dieses Konzerts sicher, und bewegt sich bewusst durch die verschiedenen Stimmungen und Charakteristiken des Konzerts. Schnelle Läufe perlt er butterweich, in manchmal fast schon zu starkem Legato, wodurch seine Spielpersönlichkeit ab und zu fast etwas verschwindet. Sehr expressiv wird der Klarinettist dann jedoch bei den lauteren, hohen Noten vor allem im vierten Satz – Allegro vivace. Hier wechselt er beweglich hin und her zwischen diesen Führungsrollen und dann doch sehr zurückgesetztem piano.

Verhaltener Grundansatz

Diesen verhaltenen Ansatz in leisen Passagen führt Šparovec dann auch in den Dance Preludes von Witold Lutoslawski fort, immer unterbaut von der erzählstarken Unterstützung des Orchesters. Auch hier begeistert mich wieder die Zusammenarbeit zwischen Orchester und Dirigentin, die es schafft, das Ensemble zu einer sehr bildhaften Sprache und Darstellung zu bringen. An manchen Stellen, aber vor allem im vierten Satz – Allegro molto – spielen sich die Musiker*innen so selbstbewusst nach vorne, dass zusammen mit dem eher verhaltenen Grundansatz des Solisten sich die Rollen fast schon umkehren. Hier würde ich von dieser Besetzung gerne eine weitere Version hören, die noch mehr solistische Balance erhält. Allerdings bildet diese vor allem in Lautstärken sehr verwobene Zusammenarbeit sehr schön die oft in Schichten und Ebenen verschiebenden Harmoniken Lutoslawskis ab.

Blaž Šparovec Portrait
Blaž Šparovec, Foto von Holger Talinski


Wie schon angedeutet ist das Copland-Konzert für mich der Höhepunkt der Aufnahme, trotz der Nielsen-Affinität des Odense Symphony Orchestra, das mit der seit 1980 bestehenden Carl Nielsen International Competition sogar einen beachteten Wettbewerb nach ihrem Heimatkomponisten benannt hat. Es gibt schon einige interessante Aufnahmen des Konzertes, die im Spiel teilweise sehr auf die amerikanische Herkunft des Werkes eingehen. Hier verfolgen Dirigentin und Orchester in gewisser Weise einen anderen Ansatz. Zwar bildet das Ensemble die mit Breite sympathisierenden und entfernt im Jazz anklingenden Akkorde im ersten Satz gut gesetzt ab, aufgrund der in der ganzen Aufnahme durchweg eher nüchternen und fast unprätentiösen Natur des Ensembles, kann hier naturgemäß nicht die Weite und Größe im Spiel erreicht werden, wie sie anderswo zu hören ist. Und auch wenn es schwierig ist, so hätte ich es dennoch sehr reizvoll gefunden, wenn Blaž Šparovec mehr Versuch unternommen hätte, Eigenheit in die Ausführung des Konzertes zu legen. Tatsächlich passen Orchester und Solist in ihrer zeitweisen Reduktion und Zurückhaltung sehr gut zusammen, bei der Klarinette aber hätte ich mir insgesamt auf der gesamten Aufnahme manchmal etwas mehr Risikofreude, etwas mehr Darstellung eigener Persönlichkeit gewünscht. Der Solist spielt zwar viele Passagen sehr geschmackvoll, passend, passt die tänzerisch erzählenden Melodien im letzten Satz des Copland-Konzertes freudig mit dem Orchester hin und her, insgesamt hat er aber im Leben wohl noch Zeit und Möglichkeit, seinen eigenen Weg in Charakter und Interpretation zu finden und zu modellieren.

Blaž Šparovec zeichnet für mich immerhin auch seine Werkauswahl sehr aus. Auf dieser Aufnahme wendet er sich schon deutlich der Moderne zu, und ich glaube, dass er diesen Weg gut weitergehen kann. Und zusammen mit dieser interessanten Besetzungskombination ist diese Veröffentlichung auf jeden Fall hörenswert.

Die Tracks

Icon Autor lg
Stefan Pillhofer ist gelernter Toningenieur und hat viel Zeit seines Lebens in Tonstudios verbracht. Er hat viel Hörerfahrung mit klassischer und Neuer Musik gesammelt und liebt es genau hinzuhören. In den letzten Jahren hat sich die Neue und zeitgenössische Musik zu einem seiner Schwerpunkte entwickelt und er ist stets auf der Suche nach neuen Komponist*innen und Werken. Stefan betreibt den Orchestergraben-Blog, wo er in gemischten Themen über klassische Musik schreibt. Darüberhinaus ist er auch als Konzertrezensent für Bachtrack tätig.
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