Der Berliner Komponist Boris Bergmann vertont den vergessenen Kriegsdichter Otto Braun. Das Ergebnis verstört, weil es uns nichts erspart.
Rohdiamanten aus dem Schützengraben
Von Krieg ist wieder viel die Rede. Von Kriegsangst, aber manchmal auch von einer seltsamen Kriegsbesoffenheit, die frösteln lässt. PR-Kampagnen suggerieren, Uniformen seien sexy, Kameradschaft und Technikgläubigkeit würden das große Ganze schon richten. Man kennt diese Rhetorik – und man kennt ihr Ende. Wir haben es nur vergessen. Genauer: Wir haben jene vergessen, die es uns hätten sagen können. Einen von ihnen gräbt der Berliner Komponist Boris Bergmann jetzt aus den Trümmern der Geschichte.
Otto Brauns Stimme aus dem Abgrund
Otto Braun hieß er. Sein Schicksal liest sich wie ein Konzentrat jener Generation, die 1914 in den Krieg zog und nicht wiederkam. Als Zehnjähriger wünschte er sich Hölderlin zum Geburtstag. Mit vierzehn schrieb er Verse, die Hugo von Hofmannsthal aufhorchen ließen. Mit siebzehn meldete er sich freiwillig. Mit zwanzig war er tot, zerrissen von einer Granate an der Somme. Seine posthum erschienenen Gedichte wurden in der Weimarer Republik zum Bestseller – dann verschwand er im Vergessen, so gründlich, wie nur deutsche Kultur ihre unbequemen Söhne vergessen kann.
Bergmanns Album „Mystics & Cynics“, erschienen auf dem Dubliner Label Heresy Records, stellt diesen Lyriker ins Zentrum. „Taumelnd von Glut“ heißt der Liederzyklus: zehn Gedichte, vertont für Klavier und Stimme. Bergmann – der nach eigenem Bekunden fünf Jahre brauchte, um alles zu vergessen, was er in Frankfurt und Darmstadt studiert hatte, und der seither Filmmusik, Elektro-Blues und Klavierwerke für Player Pianos komponiert – spielt selbst. Die irische Sängerin Caitríona O’Leary, international geschätzt als Grenzgängerin zwischen alter und neuer Musik, singt. Oder besser: Sie deklamiert, bohrt, zerlegt Silben in Intervallsprünge, die sich niemals auf dem Gefälligen ausruhen. Ihre Stimme ist vibratolos, manchmal spröde, immer eigenwillig. Das Klavier antwortet als orchestrale Gegenstimme: Clusterklänge, Stakkatohämmern, pulsierende Motive, die sich zu einer mächtigen Dramaturgie verdichten – und dann wieder Passagen von hypnotischem Sog, in denen Bergmann den roten Faden aufnimmt und das Narrativ weiterspinnt.

Die musikalische Sprache von ‚Mystics & Cynics‘
Text und Töne zusammen machen einen Unruhezustand physisch erfahrbar, der im Entstehungskontext der Gedichte so real war, wie er es in heutiger Reflexion wieder ist. Die frühen Verse zeugen von Lebens- und Liebesdurst, die späteren von Desillusionierung. Das letzte Lied, „Weihnachten 1915″, ist ein Heimwehgedicht an die Eltern. Man hört, dass der Verfasser wegen der Übermacht des Erlebten seine Sprache verliert. „Der Krieg hat dem Dichter die Sprache verschlagen“, sagt Bergmann. Am 29. April 1918, als die Granate traf, hatte Otto Braun seine schönsten Gedichte längst geschrieben – in einem Alter, in dem andere noch mit der Grammatik kämpfen.
Zwischen Mystik, Avantgarde und bitterer Realität
Wer sich auf diese Musik einlässt, wird nicht mit Wohlklang belohnt. Das Album verlangt Aufmerksamkeit, es bohrt, es verstört. Es geht um die Frage, was bleibt, wenn die Besoffenheit verpufft ist. Bergmann und O’Leary geben keine Antwort – aber sie stellen die Frage so, dass man ihr nicht ausweichen kann.
Gerahmt wird der Liederzyklus von Hildegard von Bingens „O Viridissima Virga“, Erik Saties Gnossiennes und Chansons sowie John Cages „Sonnekus²“ – emotional tröstende, leichtfüßige, aber auch ironisch verspielte Gegenpole, die dem Album Raum zum Atmen geben. Mittelalterliche Mystik, Pariser Salonmusik, amerikanische Avantgarde: wärmende Ruhepole in einem Szenario, das keine Erleichterung verspricht. Eine Musik, die nachdenklich aus der Vergangenheit in unsere Gegenwart spricht – gerade weil sie uns nichts erspart.


