CD-Review: Clara Iannotta – Earthing

Von Stefan Pillhofer

Clara Iannotta

Mein Neue Musik-Herz meldet sich sofort, wenn eine interessante, neue Veröffentlichung einer Komponistin erscheint, die ich schon länger verfolge. Das JACK Quartet hat alle Streichquartette der Komponistin Clara Iannotta nun für eine Veröffentlichung eingespielt. Die enthaltenen Werke wurden zwar bereits von anderen, namhaften Streichquartetten gespielt, diese Zusammenstellung ist jedoch besonders. 

Die in Italien geborene und aufgewachsene Iannotta beschäftigt sich viel mit Zeit, und versucht Phänomene, die sie damit erlebt in Klang und Musik umzusetzen. Nach ihrer Ausbildung in Rom, Paris und Harvard wird sie mittlerweile von den bekanntesten Ensembles und Festivals beauftragt, wobei auch “dead wasps in a jam-jar” entstanden ist. In der Weiterentwicklung der ursprünglichen Idee für Solo-Violine, kam es in Teil (iii) zu einem Werk für Streichquartett. Und auch hier kommt wieder die Zeit ins Spiel. Das Stück imaginiert eine Situation in der Tiefsee, in enormem Wasserdruck, wo permanente, langsame Bewegung die Stille der Zeit verdeutlichen kann. Das JACK Quartet greift diese Bilder in der Einspielung wunderbar auf, spielt die verschiedenen Geräusche und Klangteppiche mit einer verbindenden Langsamkeit, mit Ruhe und langen Einschwingphasen einzelne Momente anhaltend. Impulse finden hier zögerlich statt, Klänge entstehen, schwellen an, wie fahle Lichter in einer unwirklichen Welt. Ereignisse wiederholen sich, so wie manche Vorgänge in der Natur, die periodisch, aber doch nicht identisch immer wieder auftauchen. 

Kein Zufall

So sehr Iannottas Musik auf Erlebnissen, auf Klangereignissen basiert, so sehr man den Eindruck hat, dass Musiker*innen hier doch eigentlich interpretatorisch im freien Fall sein müssten, so sehr vermittelt das JACK Quartet das Bild, dass hier nichts Zufall ist. Jeder Formantverlauf einer Geräuschkaskade, Frequenzspektren von Kratzgeräuschen, Übergänge in tonale Formen, jede Teildarbietung scheint hundertprozentig klar zu sein, sogar selbstverständlich. Der Komponistin, die sich selbst als Perfektionistin bezeichnet dürfte das gefallen. 

“You Crawl Over Seas of Granite” hatte das JACK Quartet selbst in Auftrag gegeben. Hier werden alle Instrumente verstärkt gespielt, und es entsteht eine besonders eigenwillige Klangwelt, die die vielen beklemmenden Momente in Iannotas Musik in einem Höhepunkt präsentiert. Clara Iannotta beschreibt ihr komponieren selbst als sehr schwierigen Prozess, bei dem sie viel Persönliches offen legt, mit dem sie vielleicht gar nicht umgehen wollte. So werden viele manchmal auch angstvolle Urgefühle bei den Hörer*innen angesprochen, die dabei immer umfassendes Klangerlebnis bleiben. Die Musiker des Quartetts scheinen dabei der verlängerte Arm Iannottas zu sein, so organisch und selbstverständlich setzen sie die Musik um. Und bei aller Konzentration lassen sie sich doch nie davon ablenken, die Werke wirklich zu musizieren, die vielen Ebenen und Schichten zu dem zusammenzusetzen, was die Wahl-Berlinerin wohl anfangs im Kopf hatte.

Ausser Hörweite

“A Failed Entertainment” war das erste Stück der Komponistin für Streichquartett. Ihre Grundarbeitsweise besteht ursprünglich darin, verschiedenste Klangcharakteristika zu einem neuen Bild zusammenzufügen. Vier Instrumente aus der gleichen Gattung waren da also eine Herausforderung, und das Stück ist der erste Versuch jenseits der reinen Klangquellen zu komponieren. Diese Erweiterung ihrer instrumentalen Eigenschaften nehmen die Musiker des Quartetts begeistert auf und legen den Klangerfahrungshorizont so sehr ausser Hörweite, dass man den vielen, kleinen Klangpfaden beeindruckt folgen möchte. Einerseits geben die Instrumentalisten viel Raum zwischen den Tönen und Geräuschen, verschmelzen Diese dann aber sofort wieder, indem zeitlich gestaffelte Klangereignisse als synchrone Abfolgen gestaltet werden.

Clara Iannotta
Clara Iannotta, Foto von Astrid Ackermann

 

In “Earthing – Dead Wasps (Obituary)” greift Iannotta auf ein weiteres Bild aus der Natur zurück. Sie sieht die verschiedenen Repräsentationen eines Tieres bei seiner Häutung als unterschiedliche Zeitlichkeiten, und versucht so, das Stück durch mehrere Zustände zu führen, während es erklingt. Wenn die Mitglieder des Quartetts betont und interessant erzählend einzelne Stimmen zur Entwicklung aus einem Gesamtklangzustand herausführen wird das Konzept vorstell- und erfahrbar, und man kann die eigentlichen Intentionen bei der Entstehung des Werkes erahnen.

Wenn ich wirklich ehrlich bin, dann war ich beim ersten Hören des Albums manchmal auch irritiert, ob seiner emotionalen Intensität, und meiner Reaktionen darauf. Aber schon beim zweiten Durchlauf wurde ich in dieses Hörerlebnis hineingezogen, und begab mich gern in diese neuen Welten. So sehr ich konzentriert-informiertes Hören gerade bei dieser Veröffentlichung schätze, gerade wenn man mit Kopfhörern diese besonderen Klangerfahrungen macht, so erfuhr ich aber auch, dass auch das Hören während des Alltags mit Iannotas Quartetten für mich hervorragend funktioniert.

Tracks

Schreibe einen Kommentar