CD-Review: Ensemble Mini – Mahler 10

Von Stefan Pillhofer

Mahler 10 Cover


Nachdem ich auf die vorliegenden CD hingewiesen worden war, wurde bald klar, dass es sich bei diesem Projekt um das Aufeinandertreffen von zwei großen Sonderfällen handelt, nämlich dem Ensemble Mini, und der 10. Sinfonie von Gustav Mahler. Der Klangkörper feiert zehnjähriges Bestehen, und hat sich als Jubiläumsprojekt Mahlers Unvollendete ausgesucht. Hier passt aber noch weitaus mehr, als die Übereinstimmung der runden Zahl.

Das Ensemble Mini wurde 2010 vom britischen Dirigenten Joolz Gale in Berlin gegründet, und besteht aus 16 Solist*innen deutscher Sinfonieorchester. Gales Ziel war es, große sinfonische Werke in kleiner Besetzung zu spielen, da viele Aspekte und Details in der Musik so besser herausgearbeitet werden konnten. Ein zugleich sehr attraktives, aber auch sehr herausforderndes Unterfangen. Gerade Mahlers Musik arbeitet gern mit sinfonischer Größe, manchmal sogar Gewalt. Da wirkt die Reduktion in der Besetzung im Vorweg sehr spannend.

Rekonstruktion

Dem Ensemble steht auf Mahler 10 die entsprechende Sinfonie Nr. 10 gegenüber, das Werk, welches Mahler nicht zu Ende bringen konnte. Von einem Fragment zu sprechen ist in diesem Fall jedoch nicht ganz korrekt, denn die Sinfonie liegt von Gustav Mahler selbst aus komplett vor, wenn auch in Teilen nur als Particell, einem kompositorischen Zwischenschritt in dem die musikalischen Themen zunächst in wenigen Notensystemen skizziert wurden. Manche Sätze bestanden jedoch schon als Partiturentwurf, so daß sich viele Komponist*innen zur Gesamtrekonstruktion berufen fühlten.

So auch Michelle Castelletti, die das Werk als Version für Kammerorchester komplettierte. Ensemble Mini nahm sich für Mahler 10 diese Version als Grundlage, um sie wiederum mit ihrer reduzierten Besetzung zu spielen, und so hören wir eigentlich ein doppeltes Experiment, von Mahlers Particell aus gesehen.

Die Energie, die ein volles Orchester erzeugen kann, wird in Mahlers Sinfonien oft genutzt. Er setzt dynamische Höhepunkte schon fast als Stilmittel ein, und naturgemäß sind im Ensemble diese Möglichkeiten sehr begrenzt. Auf Dauer würde mir dieser Aspekt bei der Ausführung Mahlers Musik schon fehlen. Allerdings hat diese Umsetzung seiner Zehnten durchaus andere Qualitäten, die zu einem großartigen Hörerlebnis führen. Es ist ja generell Ensemble Minis Taktik, durch die kleinere Besetzung andere Details der Musik herauszuarbeiten. Bei der gebotenen Spielqualität funktioniert das auch hervorragend. Und im Speziellen wird hier die von häufigen und starken Wechseln geprägte Bildsprache des Komponisten in kurzer Distanz modelliert. So, als würde man ein großes Gemälde von der Wand nehmen, sich davor auf den Boden setzen und die Schönheit der Arbeit genau betrachten. Das dazu vom Ensemble verwendete Rüstzeug sind in diesem Fall Bordmittel, denn Qualität in der Technik und Intimität in der Besetzung erzeugen ein hohes Maß an Agilität, mit der die Musiker*innen die sprunghaften Emotionen auf neue Weise abbilden können.

Deutlich wird das sehr oft in dieser Aufnahme, in der späteren Mitte des ersten Satzes, wenn das Ensemble im großen Tutti-Einsatz dann doch erstaunliche Größe erreicht, und die Spannung überraschend lange hält, nur um sich dann wieder auf erzählende Kammergröße zu falten. In der Steigerung wird spätestens klar, dass die Musiker*innen gut darauf konditioniert sind, die einzelnen Instrumente als ganze Instrumentengruppen zu sehen und anzulegen, wenn zum Beispiel Klarinette und Flöte mit erstaunlicher Breite vorgehen.

Ensemble Mini live
Ensemble Mini, Foto: Pauline von Hardenberg


Beim starken Thema am Ende des zweiten Satzes meint man wirklich in der Emotionalität eines großsinfonischen Abends zu sitzen, und möchte nach dem kraftvollen Abschluss fast schon zum berühmten und verpönten Zwischenapplaus aufspringen, vielleicht auch deshalb, weil das Ensemble just vor dieser Stelle schlau und geschickt das Tempo anzieht.

Mahler 10 – und dann der Kick

Das ist alles schön, das ist toll! Aber dann wird es noch richtig unwirklich. Dann kommt der fünfte und letzte Satz. Und ich kann immer noch nur schwer erfassen, wie eine Gruppe klassischer Musiker*innen so spielen kann. Ich schreibe diesen Blog genau wegen dieser Momente, in denen alles stimmt, in denen Technik und Ausführung hundertprozentig sitzen, aber in der Interpretation Magie passiert. Der Satz beginnt dunkeltonig, geht aber bald über in diese Weichheit. Die süßen Melodien, die alle Musiker*innen im Ensemble mitspielen, selbst wenn sie sie nicht spielen. Alle gestalten hier berührend einfühlsam, führen Melodie- und Themenbögen so liebevoll aus, dass in meinem Player die Sonne aufgeht. Im langen Schlussteil behandeln sie die Musik mit berührender Zärtlichkeit, und ich sitze nach dem ersten Durchlauf noch längere Zeit schweigend da.

Das Ensemble Mini unter Joolz Gale hat sich mit Mahler 10 ein großes Geburtstagsgeschenk gemacht. Alle die gerne Mahler hören stellen sich damit ein ganz besonderes, und besonders herzhaftes Projekt in die Sammlung, und alle, die sich gar nicht drauf einlassen mögen werde ich persönlich zum hören des fünften Satzes überreden.

Die Tracks

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