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Inspiration Populaire Cover

CD-Review: Estelle Revaz & Anaïs Crestin – Inspiration Populaire

Die schweizerische Cellistin Estelle Revaz hat als Vorkämpferin für bessere Lebensbedigungen kulturschaffender Menschen während der Corona-Maßnahmen die Politikerschaft in der Schweiz alarmiert und zum Handeln gebracht – mit positivem Resultat. Aber auch in musikalischer Hinsicht ließ sich die in Genf lebende Musikerin während dieser Zeit nicht unterkriegen. Unter dramatischen Bedingungen war zu Beginn der Pandemie eine Orchesteraufnahme mit Werken u.a. von Frank Martin realisiert worden. Aber auch, als sich die Pandemie mit ihren Auftrittsverboten immer länger hinzog, kam das kreative Feuer der Cellistin nicht zum Erlöschen. Jetzt war Zeit für ein kammermusikalisches Projekt: Der Titel der neuen CD „Inspiration Populaire“ war Programm für eine leidenschaftliche Kooperation mit der Pianistin Anaïs Crestin

Die beiden hochmotivierten Musikerinnen schauten sich in gleich mehreren Kulturen um, im Fokus stand dabei ein übergreifendes Anliegen: Wie haben sich Komponisten von überlieferter Musikkultur in ihrer Heimat inspirieren lassen? Kernanliegen dieser Aufnahme ist Alberto Ginasteras Sonate aus dem Jahr 1979 – und die bringt eine aufgeregte Spielart von musikalischer Moderne in Südamerika zu Gehör. Ginastera musste vor der Diktatur in seinem Heimatland fliehen und emigrierte in die Schweiz, wo er in Genf, wo heute Estelle Revaz lebt, ansässig wurde. Estelle Revaz und Anaïs Crestin machen deutlich, was es hier zu sagen gibt: Repetitive Strukturen ziehen hinein einen Sog, in dem sich Musik aufrührerisch, kämpferisch und impulsiv gebärdet. Intelligent weitergedacht und verfremdet werden zahlreiche Anspielungen auf argentinische Volksmusik-Stile, die sich in Ginasteras Tonsprache roher, noch ungezähmter gebärden: In oft motorischer Rhythmik und mit clusterhaft herausgeschleuderten Klangmassen kreieren Estelle Revaz und Anais Crestin eine Atmosphäre wütender Hochspannung, in der alle – immens vorhandenen- spieltechnischen Mittel ausgereizt werden. 

Eine klug ausgewählte Essenz mit Estelle Revaz

Ein sehr breitbandiges Hörvergnügen bietet „Inspiration Populaire“ im Ganzen: Die beiden haben sich in verschiedenen Epochen und Kulturen umgeschaut und bringen die jeweilige Essenz in klug ausgewählten Werken auf den Punkt. 

Musikalischer Reichtum entsteht, wenn Komponisten den tiefen kulturellen Wurzeln eines Herkunftslandes auf die Spur kommen. Auch Robert Schumann ließ sich im 19. Jahrhundert von der heimischen Überlieferungskultur inspirieren, um damit das Lied in den Dienst kunstvoller Satztechnik zu stellen. In Manuel de Fallas vielgestaltigen „Siete Canciones populäres Españolas“ bilden Estelle Revaz und Anaïs Crestin die Leidenschaft Andalusiens in einen aufregenden Kontext von Kunstmusik. Leos Janáceks Pohadka wurde als imaginäres Märchen komponiert und bekommt durch die Lesart dieses Duos noch mehr Dramatik. David Poppers ungarische Rhapsodie verströmt alle Beseeltheit und zieht hinein in unerschöpfliche Musikalität Osteuropas. Vor allem der improvisatorische Charakter der virtuosen Soloparts ist hier Sache von Estelle Revaz. 

Estelle Revaz & Anaïs Crestin
Anaïs Crestin & Estelle Revaz

Estelle Revaz Cellospiel erweist sich mit seinen Wechseln von Klangfarbe und rhetorischer Diktion als intuitiv anpassungsfähig. Anaïs Crestin steckt durch beherzte Klangdosierung die passenden, weiten Räume dazu ab. Damit gibt dieses Duo den vielen, gerade in heutiger Zeit so emanzipatorisch wirkenden Bestrebungen in der Musik eine starke Stimme in der Gegenwart.

Die Tracks

Icon Autor lg
Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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