Einfach Klassik.

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CD-Review: Felix Klieser – Northern Colours

Felix Klieser ist ein Superstar der internationalen Solo-Hornist*innen-Szene. Damit ist es seine Aufgabe, nicht im regulären Horn‑Repertoire zu verharren, sondern Grenzen zu überschreiten. Jedenfalls gibt er sich diesen Auftrag selbst auf seinem neuen Album „Northern Colours“, und ich kann vorab sagen: Er reüssiert in diesem Ansinnen.

Aber wie überschreitet man Grenzen? Klieser hat da einige Möglichkeiten. Zum Beispiel die Anpassung von Werken für sein Instrument in Zusammenarbeit mit einem Arrangeur. Hier ist es Wolfgang Renz, der für das Album Edvard Griegs „Solveig’s Song“ aus der berühmten Peer-Gynt-Suite bearbeitet hat.

Felix Klieser programmiert

Ein weiteres Mittel demonstriert Felix Klieser auf „Northern Colours“ sehr eindrucksvoll, und zwar durch kluge Programmierung. Eines von zwei Hornkonzerten auf der CD ist das „Concerto in A‑Minor for Horn & Orchestra“ von Kurt Atterberg. Das im Jahr 1926 entstandene Werk könnte also als Neue Musik gelten und ist meiner Meinung nach eine großartige Wahl für dieses Programm.

Ein Solist von Kliesers Rang hat dann auch noch die Möglichkeit, Musikstücke von aktuellen Komponist*innen gewidmet zu bekommen – so geschehen mit dem Hornkonzert „Soundscape – A Walk in Colours“ von Rolf Martinsson. Im Austausch haben der Komponist und der Solist das Werk gemeinsam erarbeitet, und es wurde 2022 uraufgeführt.

Felix Klieser Portrait
Felix Klieser, Foto von Maike Helbig

Als musikalischen Partner hat der Solist für das Album die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern gewinnen können. Und das passt. So wandelbar, wie der Hornist in dieser Programmzusammenstellung sein muss, so ist es auch das Orchester: mal großsymphonisch, mal cineastisch, mal varieté‑haft und mal voll bereit für die berühmten Melodien der Klassik. Die vielen Grenzerfahrungen des Hornisten auf diesem Album kann das Ensemble immer voll und ganz mitgehen und bleibt keinerlei Flexibilität schuldig.

Ruhe und kunstvolle Spannung

Das beginnt schon mit dem Eröffnungsstück, dem Hornkonzert von Martinsson. Ich mag die Entscheidung sehr, gerade dieses Werk an den Anfang zu stellen. Für die Hörer*innen ist es wohl am anspruchsvollsten – da hat man gleich etwas zu tun. Felix Klieser bevorzugt auf „Northern Colours“ Werke, bei denen es für ihn relativ viel zu spielen gibt. Schon damit übernimmt er Verantwortung und schont sich ausdrücklich nicht. Entsprechend ist auch sein Vortrag: Mit solider Tongestaltung und der dadurch möglichen Präsenz nimmt er sich den Raum im Gesamtklang mit dem Orchester, führt und gestaltet gleichermaßen. Das wird sehr schön offenbar nach der Einleitungssequenz im ersten Teil des Konzertes. Gleichzeitig nutzt Klieser auch die Formantstruktur des Hornklangs, um mit dem Orchester zu korrespondieren und dann und wann darin abzutauchen. Damit gibt er Räume wieder zurück, die die DRP wunderbar mit der Präsenz anderer Frequenzspektren wie Flöten oder höheren Blechbläsern zu füllen weiß. Durch die so entstehenden Abwechslungen wird das Flexibilitätskonzept des Albums weiter unterstrichen. Die Ruhe am Beginn von „Part II“ kann das Orchester dann ganz für sich nutzen, agiert mit kunstvoller Spannung und bringt die Schönheit von Martinssons Komposition wunderbar zum Vorschein.

Felix Klieser, Foto von Maike Helbig
Felix Klieser, Foto von Maike Helbig

Wie gern sich Solist und Orchester in diese moderneren Werke werfen, wird aber auch im Atterberg‑Konzert deutlich. Hier verdient Felix Klieser sein Geld redlich – mit selbst für einen Solo-Hornisten sehr großen Spielanteilen. Die muss man erstmal ableisten, aber Klieser gelingt das dennoch beeindruckend souverän. Es spricht für ihn, dass man das nur goutiert, wenn man die Natur des Horns etwas kennt – unbedarftere Hörer*innen bekommen davon gar nichts mit. Gerade das Adagio dieses Konzerts fordert Klieser, aber er baut aus den langen und oft langsamen Tonfolgen feste Brücken und ermöglicht mir damit versonnene Gedankenreisen. Selbst wenn der Solist den eigentlich nur den Celli zugedachten Part dennoch durchspielt – dieser Satz ist ein fast schon cineastisches Meisterwerk geworden, das mit kompositorischer Einfachheit wirkungsvoll symphonische Größe erzeugt. Ich meine hier zu hören, wie sehr Felix Klieser diese Musik liebt, wie er alles perfekt haben will, um der Schönheit dieses Erlebnisses gerecht zu werden.

Und diese Beobachtung kann als Klammer für das gesamte Album „Northern Colours“ gelten. Es ist ein äußerst sorgfältig gearbeitetes, klug programmiertes und mit purer Spielfreude umgesetztes Musikstück, das ich wirklich jeder und jedem in den Player wünsche!

Das Album

Icon Autor lg
Stefan Pillhofer ist gelernter Toningenieur und hat viel Zeit seines Lebens in Tonstudios verbracht. Er hat viel Hörerfahrung mit klassischer und Neuer Musik gesammelt und liebt es genau hinzuhören. In den letzten Jahren hat sich die Neue und zeitgenössische Musik zu einem seiner Schwerpunkte entwickelt und er ist stets auf der Suche nach neuen Komponist*innen und Werken. Stefan betreibt das Online-Magazin Orchestergraben, in dem er in gemischten Themen über klassische Musik schreibt. Darüberhinaus ist er auch als Konzertrezensent für Bachtrack tätig.
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