Einfach Klassik.

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CD-Review: Friedrich Schneider – Christus-Trilogie

Weiße Flecken auf der musikhistorischen Landkarte zu füllen – das überlassen die großen Majors gerne anderen. Umso verdienstvoller, wenn ein Label wie ARS Produktion sich eines Werkes annimmt, das über 200 Jahre im Verborgenen schlummerte: Friedrich Schneiders Christus-Trilogie ist ein Zyklus von drei abendfüllenden Oratorien über das gesamte Leben Jesu. Für das frühe 19. Jahrhundert war dies ein beispielloses Unterfangen.

Die Live-Aufnahme der Christus-Trilogie und ihre besondere Energie

Ein Herbstabend 2024: Die Immanuelskirche in Wuppertal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Der dritte Teil von Schneiders Trilogie erklingt, dargeboten von der Kantorei Barmen-Gemarke, dem Sinfonieorchester Wuppertal und einem hochkarätigen Solistenensemble unter Alexander Lüken. Und das war mehr als ein Konzert: Zugleich entstanden die letzten Takes für ein ambitioniertes Aufnahmeprojekt. Die besondere Energie, die ein Live-Publikum den Ausführenden verleiht, wirkte auch an diesem finalen Abend spürbar beflügelnd. Ein Großteil des Materials fand auf diese Weise den direkten Weg auf die CDs. Dass diese Ersteinspielung überhaupt zustande kam, verdankt sich einem organisatorischen, zeitlichen und finanziellen Kraftakt – vor allem das ehrenamtliche Engagement der Kantorei und ihres Vorstandes ging weit über das Normalmaß hinaus. Denn hier ging die Initiative von denen aus, die es am meisten angeht: Die Kantorei Barmen-Gemarke hat sich Schneiders vergessener Trilogie nicht als museales Ausgrabungsprojekt, sondern als lebendiges Statement angenommen. Den Anstoß gab nicht zuletzt der Musikwissenschaftler Dominik Höink, der parallel mit Regina Werbick und Robert Memering neue Partiturausgaben erarbeitete. Der Chor beauftragte dann das Label ARS -Produktion, mit dem bereits früher Aufnahmen entstanden waren. Doch wer war dieser Friedrich Schneider? Nach Bach, Händel und Mendelssohn hatte ein Oratorienkomponist des frühen 19. Jahrhunderts wenig Chancen auf Nachruhm. Schneider (1786–1853), Dessauer Hofkapellmeister, zählte zu Lebzeiten zwar zu den bedeutendsten Vertretern der Gattung. Sein „Weltgericht“-Oratorium gehörte zu den meistaufgeführten Werken überhaupt. Aber vielleicht war es gerade diese Fokussierung, die sein ambitioniertestes Projekt in Vergessenheit geraten ließ.

Friedrich Schneider Christus-Trilogie Cover

Friedrich Schneiders Christus-Trilogie – ein Projekt seiner Zeit voraus

Was Schneider um 1822 plante, war in seinen Dimensionen der Zeit voraus: ein Zyklus von vier abendfüllenden Oratorien über das Leben Jesu. Drei der vier Teile vollendete er, das vierte Oratorium, „Christus der Verherrlichte“, blieb unkomponiert. Doch schon die drei fertigen Werke zeigen: Dieser Komponist dachte groß. Die detaillierten Booklets geben Aufschluss über die verschlungene Entstehungsgeschichte. Ein erster Anlauf scheiterte durch den frühen Tod des Librettisten Ludwig Heinrich de Marées. Der Durchbruch kam 1825, als Schneider den Gymnasiallehrer Johann Philipp Mayer kennenlernte, der zum zentralen Textdichter wurde. Bemerkenswert: Die Entstehung verlief nicht chronologisch nach Inhalt. „Christus der Meister“ über Jesu Wirken entstand zuerst und erlebte 1828 beim Dürer-Fest in Nürnberg seine Uraufführung. Erst danach folgte „Christus das Kind“ über die Geburtsgeschichte. Der Abschluss mit „Christus der Erlöser“ ließ ein Jahrzehnt auf sich warten; am Karfreitag 1840 war die Trilogie vollendet.

Dorothea Brandt, Foto @ Stefan Pieper
Dorothea Brandt, Foto @ Stefan Pieper

Eine Lyrik, in der die Wiener Klassik nachschwingt, durchzieht die Partitur, gepaart mit mendelssohnscher Prachtentfaltung und effektvoller Dramatik. Dabei bleibt Schneiders Tonsprache stets zugänglich: keine sperrigen Experimente, keine intellektuellen Verrätselungen. Hier spricht ein Komponist, der sein Publikum erreichen will. Eingängige Melodien, klare harmonische Verläufe und packende Kontraste erschließen sich unmittelbar. Die drei Werke bauen aufeinander auf und haben doch feine Unterschiede: „Christus das Kind“ erweist sich als ausgeprägtes Chor-Oratorium mit Propheten, Magiern, Hirten und Engeln. In „Christus der Erlöser“ dominiert der Wechsel zwischen hochdramatischen und betrachtenden Nummern – von der Satan-Arie bis zu den erschütternden Kreuzigungsszenen.

Lebendigkeit statt Hochglanz: Die Interpretation der Christus-Trilogie

Die CDs entstanden als „Produced in Concert“ – es sind Live-Mitschnitte mit behutsamen Korrekturen und immer geht es darum, den Moment einzufangen. Der Höreindruck suggeriert denn auch alles andere als glattpolierten Perfektionismus, wie er internationalen Festivalchören manchmal eigen ist. Dafür verströmen die Stimmen die ganze Lebendigkeit eines Ensembles, das mit Herzblut bei der Sache ist. So geht es, Aufrichtigkeit fühlbar zu machen.

Alexander Lüken, künstlerischer Leiter der Kantorei und des Jungen Kammerchors Köln, hat sich auf selten aufgeführte Musik spezialisiert. Er studierte nicht nur Dirigieren, sondern auch Latein – eine Kombination, die für textreiche geistliche Werke von Vorteil ist. Das Sinfonieorchester Wuppertal reagiert hellwach auf die Solisten und bewältigt die raschen Schnitte zwischen Arien und Rezitativen souverän. Das Kernensemble bleibt über alle drei Aufnahmen konstant. Als einzige Solistin wirkt Dorothea Brandt in allen Teilen mit. Ihre leuchtende Höhe und transparente Linienführung bilden das vokale Rückgrat der Trilogie.

Alexander Lüken, Foto @ Stefan Pieper
Alexander Lüken, Foto @ Stefan Pieper

Die weiteren Solistinnen und Solisten wechseln und geben jedem Oratorium sein eigenes Kolorit: In „Christus das Kind“ überzeugt Elvira Bill mit bronzefarbenem Alt; Christoph Scheeben gestaltet den Engel würdevoll. In „Christus der Meister“ besticht Fabian Strotmann mit geschmeidigen Koloraturen. Für den dramatischen Schlussteil wurde dann das Ensemble erweitert: Thomas Laske bringt als erfahrener Bach-Passionen-Interpret warme Autorität mit. Patrick Grahl, aus der Thomanerchor-Tradition kommend, erinnert manchmal etwas Peter Schreier. Ulrike Malotta und Annika Boos ergänzen mit stilistischer Wandlungsfähigkeit. Jedes der drei Oratorien entfaltet sein spezifisches Kolorit, doch vor allem in „Christus der Erlöser“ verdichten sich besonders packende Szenen: Die Satan-Arie sprüht vor zündender Energie. Die Judas-Szene erzeugt mit bebenden Streichertremoli ihre ganz eigene Intensität. Die Maria-Arie „Ich träumte so wonnig“ verbindet Intimität mit analytischer Klarheit. Der Chor „Kreuziget ihn!“ entfaltet furiose Wucht, während der Schlusschor „Tod, wo ist dein Stachel?“ die Trilogie triumphierend beschließt.

Fazit: Das Wagnis dieses vergessenen Visionärs wird erstmals hörbar – kompakt, kurzweilig, mit innigen Duetten und dramatischen Ausbrüchen. Die unmittelbare Zugänglichkeit macht diese Musik zu einem dankbaren Repertoire, das auch andere Chöre ansprechen dürfte. Der Raumklang der Immanuelskirche erweist sich als transparent und weiträumig – die bewährte ARS-Qualität überzeugt auch bei großer Besetzung.

Titelfoto © Stefan Pieper

Friedrich Schneider: Christus-Trilogie

Christus das Kind – ARS 38 353 (2022) Dorothea Brandt (Sopran), Elvira Bill (Alt), Santiago Sánchez (Tenor), Christoph Scheeben (Bass)

Christus der Meister – ARS 38 360 (2023) Dorothea Brandt (Sopran), Rena Kleifeld (Alt), Fabian Strotmann (Tenor), Richard Logiewa Stojanovic (Bass)

Christus der Erlöser (2023) Dorothea Brandt, Annika Boos (Sopran), Ulrike Malotta (Alt), Patrick Grahl (Tenor), Thomas Laske (Bass)

Sinfonieorchester Wuppertal · Kantorei Barmen-Gemarke · Alexander Lüken Immanuelskirche Wuppertal · 2× SACD · ARS Produktion · Produced in Concert

Icon Autor lg
Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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