Beethoven als der unangefochtener Gigant, auf den alles zuläuft und von dem alles ausgeht? Manchmal „passt“ diese Vorstellung sogar im nahen Umfeld von Beethoven nicht. Der tschechische Komponist Anton Reicha war, zumindest so lange wie er noch in Wien lebte, eng mit Beethoven befreundet. Man kann durchaus von einer gewissen Seelenverwandtschaft ausgehen, vor allem, wenn es um eine ausgeprägte Lust an der kompositorischen Regelübertretung geht. Davon abgesehen hat Anton Reicha so ziemlich alles anders gemacht als sein viel berühmterer „Kollege“. Und gerade deswegen lohnt es sich, in die Klaviermusik Reichas einzutauchen und sich von ihr mitreißen zu lassen. Leider gab es hierfür bislang wenig Gelegenheit. Verdienstvolle Abhilfe schafft eine mehrteilige CD-Reihe – Reicha Rediscovered – seitens des serbisch-amerikanischen Pianisten Ivan Ilić. Deren dritter Teil ist wohl der kompromissloseste: „L Art de varier opus 57“ ist ein 57teiliger Variationenzyklus, der ohne weiteres einen ganzen Konzertabend oder eine komplette CD-Aufnahme ausfüllt.
Aber damit nicht genug: Sämtliche Variationen exerzieren nicht einfach alle möglichen frühklassischen Variationen-Verfahren durch, sondern pflegen einen experimentellen Umgang mit dem Fugenprinzip, bei dem es vor allem um harmonische Ausweitungen geht. Damit gelingt Anton Reicha schon im Jahr 1803/1804 eine erstaunlich leichtfüßige, lyrisch-farbenreiche, gerne auch schon die Romantik, ja manchmal schon Liszt oder vereinzelt sogar Elemente von Jazz vorweg nehmende Erweiterung des Horizonts. Erstaunlich genug: Mendelssohns „Bach-Renaissance“ liegt noch in der Zukunft. Beethoven legt sich in seinen Klavierfugen ebenfalls noch eine gewisse konservative Strenge auf und auch seine Diabelli-Variationen sollen erst 15 Jahre später das Licht der Welt erblicken.
Ivan Ilić stellt sich auf dieser Aufnahme als forschender Interpret hinter das Anliegen dieses Komponisten. Seine Mission ist das „Entdeckbar machen“ und sein Ideal ist erreicht, wenn, wie hier, das Werk von Anton Reicha in seiner ganzen Austrahlung mit viel Erkenntniswert für den Hörer in den Vordergrund rückt. Unerschütterlich, mit präzisem Timing und einer für jede lyrische Nuance offenen Klanggestaltung, behauptet Ilić Spiel seine souveräne Führungsrolle, um diese ganze forschende, zugleich tief in sich selbst ruhende Ideenwelt zu durchdringen. Es geht hier um den geschmeidigen Spielfluss und weniger um Ecken und Kanten. Dafür braucht es aber angesichts der riesigen Detailfülle eine souveräne Flexibilität, die Ivan Ilić Spiel in jedem Moment eigen ist. Das kommt einem Hörerlebnis zu Gute, welches diese Abfolge aus Variationen zu einem durchgängigen Ganzen werden lässt – und wo trotz vieler Aus- und Abschweifungen doch alles in jedem Moment durch das Melos des Ursprungsthemas geerdet ist.
Reicha Rediscovered – Tonsprache
Diese Musik wirkt zeitlos und der Versuch einer historischen Einordnung mag beim ersten voreingenommenen Hören zunächst misslingen. Aber in dieser „Zeitlosigkeit“ liegt auch die Leistung von Anton Reichas Tonsprache. Sie wird auf dieser Weltersteinspielung durch Ivan Ilić zum ersten Mal erfahrbar gemacht. Und dabei entfaltet sich eine ausgeprägte musikalische Gelassenheit, welche diese Platte zu einem kurzweiligen, in bestem Sinne unterhaltsamen Hörvergnügen macht.