Einfach Klassik.

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Kannst du das Lied verstehn? Cover

CD-Review: „Kannst du das Lied verstehn?“ – Lieder von Blumen und Bäumen

Manche Alben haben mich schon überzeugt, bevor ich sie überhaupt gehört habe. Naja, so ganz stimmt das nicht, aber es gibt in der reichen Welt der Albumkonzepte Exemplare, die schon beim Erstkontakt sehr großes Interesse wecken.
So bei mir geschehen im Fall von „Kannst du das Lied verstehn? Lieder von Blumen und Bäumen“ mit Catalina Bertucci (Sopran), Georg Poplutz (Tenor), und Tatjana Dravenau (Klavier). Die florale Gestaltung auf dem Plattencover unterstreicht das Konzept dieses Liedprogramms noch weiter, in dem es um die in der Epoche der Romantik aufkommende Blumensprache geht. Noch heute sagen wir etwas „durch die Blume“, wissen um die Bedeutungen von frischen und verwelkten Rosen, und dass die Linde ein sehr „literarischer“ Baum ist, hat man vielleicht auch schon mal gehört.

Der Booklet-Text der Pianistin Tatjana Dravenau zum Thema gibt in angenehm gestalteter Sprache weitergehende Informationen, ein zeitgleich mit dem Album erscheinendes Buch (Kannst du das Lied verstehn?) beleuchtet das Sujet dann noch tiefer. Auf dem Album sind nun Lieder versammelt, die sich dieser Sprache widmen, und neben bekannteren Namen wie Fanny Mendelssohn, Franz Schubert oder Josephine Lang gibt es auch Werke von unter anderem Evelyn Faltis, Ruth Schonthal, Ingeborg von Bronsart oder Franz Salmhofer.

Tatjana Dravenau
Tatjana Dravenau, Foto © Joscha Nivergall

Ein weiterer interessanter Aspekt der CD ist die Tatsache, dass die Sopranistin und der Tenor sich abwechseln in der Liedgestaltung. Das ist zuweilen überraschend, dann aber auch kurzweilig. Vor allem, weil beide ganz unterschiedliche gesangliche Qualitäten demonstrieren können. Während Catalina Bertucci zum einen ein ganz besonders leuchtendes, glockiges Timbre in den mittleren bis höheren Lagen zeigt, dann aber auch punktuell viel Energie in die hohen Intensitäten in höheren Lagen gibt, präsentiert sich Georg Poplutz als sehr sensibler und feinfühliger Sänger, der mehr Sinn in Fragilität denn in stabil-schmetternden Tönen zu finden scheint. Seine Gestaltungsbandbreite und Feinauflösung in den niedrigeren Lautstärken münden in einer sehr erfreulichen Detailarbeit, die er in „Myrthe“ von Joachim Raff oder in „Die Lotosblume“ von Carl Loewe wirkungsvoll zur Anwendung bringt. Beeindruckend, wie er in Tonverläufen einzelne Segmente immer wieder ins Piano absacken lässt, das verleiht seiner Gesangsstimme eine große Tiefe.

Georg Poplutz, Foto © J. Kratschmer
Georg Poplutz, Foto © J. Kratschmer

Tatjana Dravenau ist währenddessen ganz Liedpianistin, gibt Halt und Hintergrund. Gerade die glänzenden Ausflüge von Catalina Bertucci in höhere Lagen begleitet die Pianistin mit fast stoisch gleichmäßigem Voranschreiten, manche Ostinatofigur spielt sie meistersinnenhaft aus, um der Sopranistin das Gestaltungsgerüst zu geben. In den Liedern mit Georg Poplutz versucht Dravenau geschickt die Balance zwischen reiner Begleitung und vordergründigeren Wechseln in der Stimmführung, wobei sie dabei meiner Meinung nach manchmal noch etwas mehr in die Präsenz hätte gehen können.
„Zur Rosenzeit“ von Edvard Grieg gelingt dann aber sehr deskriptiv und beim Hören sehr bildgebend, wenn die Pianistin die wellenartigen Wechsel in den Akkordverläufen mit viel Gefühl und wechselnden Intensitäten gestaltet. Und hier stellt dann der Tenor doch mal einige Töne massiver in den Raum, was sehr authentisch wirkt und sich als weitere Gestaltungsstärke des Sängers entpuppt.
Je länger man „Kannst du das Lied verstehn?“ hört, desto mehr Aspekte werden offenbar, die die drei Musiker*innen anlegen und im Vortrag miteinander verweben. Die Rollenverteilungen wechseln von Lied zu Lied anscheinend bewusst, und mittendrin spielt omnipräsent die Pianistin als verbindendes Element oder Orchester im Hintergrund.

Dies ist das etwas andere Liedalbum, das mit einem schlau ausgewählten und überraschenden Konzept von drei faszinierenden Musiker*innen mit viel Musikalität umgesetzt wurde. Mein erster Spontaneindruck wurde also nicht enttäuscht!

Das Album

Icon Autor lg
Stefan Pillhofer ist gelernter Toningenieur und hat viel Zeit seines Lebens in Tonstudios verbracht. Er hat viel Hörerfahrung mit klassischer und Neuer Musik gesammelt und liebt es genau hinzuhören. In den letzten Jahren hat sich die Neue und zeitgenössische Musik zu einem seiner Schwerpunkte entwickelt und er ist stets auf der Suche nach neuen Komponist*innen und Werken. Stefan betreibt das Online-Magazin Orchestergraben, in dem er in gemischten Themen über klassische Musik schreibt. Darüberhinaus ist er auch als Konzertrezensent für Bachtrack tätig.
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