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Einfach Klassik.

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Lea Birringer CD-Cover

CD-Review: Lea Birringer – Mendelssohn Sinding

Spannend ist es schon, wenn ich so hin und her gerissen bin, ob ich über eine Veröffentlichung schreiben soll, oder nicht. So häufig kommt das gar nicht vor, oftmals weiß ich schnell, ob oder ob nicht. Aber bei der neuen Platte „Mendelssohn Sinding Violin Concertos“ der Geigerin Lea Birringer ging es schon ordentlich in Pro und Contra. Grundsätzlich finde ich die Listung dieser Veröffentlichung sehr interessant. Birringers Karriere geht beständig nach oben, Ihre Präsenz auf der internationalen Klassikbühne wächst, und sie hat auch schon einige Aufnahmen vorgelegt. Die Hofer Symphoniker sind nun nicht das bekannteste Orchester in der Landschaft, ich war aber gerade deshalb sehr gespannt, was mich da erwartet. 

Wenn ich dann also etwas genauer auf die neue CD blicke, dann kommt schnell der erste, anspruchsvolle Aspekt dabei in Sicht. Die Werkauswahl. 

Große Konkurrenz

Neben zwei Werken vom Norwegischen, zu unrecht eher unbekannten Komponisten Christian Sinding, dem Violinkonzert No. 1 in A, Op. 45 und der Romanze für Violine und Orchester in D-Dur, Op. 100, gibt es da aber noch das Violinkonzert von Felix Mendelssohn in e-moll, Op. 64. Eines der populärsten und meistgespielten Violinkonzerte überhaupt. Mit Recht wird es im Booklet in einem Atemzug erwähnt mit denen Beethovens und Bruchs. Aufnahmen dieses Werks hat nun wirklich jeder Klassikfan im Regal, vielleicht sogar mehrfach. Hier gilt es also in einer sehr großen, und sehr anspruchsvollen Konkurrenz mitzuschwimmen. Da braucht es besondere Merkmale, um die eigene Aufnahme zu positionieren, Unique Selling Points, wie meine Freundin sagen würde. 

Lea Birringer spielt das Konzert allemal mit Herz, man merkt schon, dass es ihr am Herzen liegt. Ich mag ihren soliden Tonkörper, der die Hörenden fest durch den Vortrag führt. Gerade in den dunkleren Klangfarben bringt das Wärme und Beständigkeit. Darauf aufbauend entsteht dann aber die eigentliche Interpretationspersönlichkeit, und da fehlen mir doch klar die letzten paar Prozent an Konsequenz in der Charakterbildung, das letzte Stückchen Risiko in den Melodieabschlüssen und Ausschwingphasen von Tönen, der entschiedenere Umgang mit Verzierungen, und verzierenden Spieltechniken Birringers. 

Die Hofer Symphoniker bemühen sich redlich, erreichen meiner Meinung nach aber auch nicht die Entschiedenheit und Pointierung, mit der ein vorwiegend begleitender Klangkörper dieses Werk spielen könnte. Auch hier sind es die Enden von Noten und Akkorden, und die Pausen dazwischen, die bewusster und akzentuierter wirken könnten. Behindert wird das Orchester dabei aber maßgeblich von einem weiteren Aspekt, nämlich der Aufnahmequalität. Die hier gewählten Produktionsentscheidungen führen zu einem nebulösen Klangbild des Orchesters, einzelne Instrumentengruppen sind kaum ortbar, und der eigentlich sehr komplexe Klangkörper bleibt ein diffuses Etwas irgendwo in der Mitte. Das ist wirklich ärgerlich und vermeidbar, und macht es den Musiker*innen rückwirkend äusserst schwer, ihre Möglichkeiten darzustellen.

Lea Birringer, Foto © Uschi Schmidt
Lea Birringer, Foto © Uschi Schmidt

Soweit zum einen Teil der CD, aber da gibt es ja noch einen. Auch wenn Lea Birringer sich nach eigener Aussage sofort in Sindings Romanze für Violine und Orchester verliebt hat, die auf der CD den Mittelplatz besetzt, so ist für mich aber doch der große Gewinner sein Violinkonzert, welches die Platte eröffnet. Von Beginn an spielen alle Beteiligten das Konzert explosiv und freudig, mit viel Energie an den richtigen Stellen, und mit elegischem Diminuendo dort, wo es nötig ist. Da kommt richtig Leben in die Bude, und Lea Birringer agiert dazu erst Recht mit reichlich Spiellaune und Gestaltungsfreude. Gerade im dritten Satz – Allegro giocoso – agiert sie äusserst leichtfüßig, und spielt die von fröhlichen Melodien geprägten Abschnitte sehr unbeschwert, während das Orchester im Hintergrund trotz des Klangbildes Breite und Strichschwere darstellen kann. Die Geigerin erreicht hier auch in den hohen Lagen die nötige Ausgestaltung in Klang und Tonbildung.

Lea Birringer mit Spiellaune

Die Hofer Symphoniker bleiben zwar auch hier in ihren Möglichkeiten, nutzen diese aber klug und beherzt, um einen ergreifenden und mitreissenden Vortrag auf die Beine zu stellen, einzig im zweiten Satz – Andante – fehlte mir doch noch etwas mehr Mut zum Konzept.

Bei dieser Aufnahme hätte so einiges besser laufen können. Dennoch empfehle ich sie, da das Sinding-Konzert so bezaubern und begeistern kann. Ich erwische mich selbst dabei, immer wieder dahin zurückzukehren. Das ist wunderbare Sonntags-Klassik, die gute Laune macht, und das Konzert hat im Vortrag mehr von der Originalität und Verve, die auch das Konzert von Felix Mendelssohn gebraucht hätte.

Die Tracks

Icon Autor lg
Stefan Pillhofer ist gelernter Toningenieur und hat viel Zeit seines Lebens in Tonstudios verbracht. Er hat viel Hörerfahrung mit klassischer und Neuer Musik gesammelt und liebt es genau hinzuhören. In den letzten Jahren hat sich die Neue und zeitgenössische Musik zu einem seiner Schwerpunkte entwickelt und er ist stets auf der Suche nach neuen Komponist*innen und Werken. Stefan betreibt den Orchestergraben-Blog, wo er in gemischten Themen über klassische Musik schreibt. Darüberhinaus ist er auch als Konzertrezensent für Bachtrack tätig.
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