CD-Review: Mariss Jansons dirigiert Anton Bruckner

Von Kai Germann

Mariss Jansons


Als Mariss Jansons im Dezember 2019 starb, verlor die Musikwelt mit ihm einen ihrer populärsten Dirigenten. Im Jahre 2003 übernahm er die Leitung des Symphonieorchesters des Bayrischen Rundfunks, und spielte im Laufe der folgenden Jahre fast sämtliche Sinfonien des 1824 in Ansfelden geborenen Komponisten Anton Bruckner ein. Die nun erschienene Box mit teils bis dato auf CD unveröffentlichten Aufnahmen kann daher als eine seiner musikalischen Hinterlassenschaften betrachtet werden.

Spott und Häme

Anton Bruckner selbst wurde viele Jahre lang als Komponist nicht ernsthaft wahrgenommen. Die damaligen Kritiker standen ihm eher feindselig gegenüber und überzogen sein Werk mit Spott und Häme. Bruckners eher unauffälliges Erscheinungsbild wurde wenig schmeichelhaft in Karikaturen dargestellt. Die insgesamt 9 Sinfonien hat er, von Selbstzweifeln geplagt, ständig neu überarbeitet. Häufig pfuschten ihm Kollegen in die Arbeit hinein, er ließ es mehr oder weniger bereitwillig zu. Lange Zeit galt er als nicht spielbar, seine Sinfonien erschienen zudem übermäßig lang. Bruckner war allerdings als talentierter Organist bekannt, zuerst in Sankt Florian, dann ab 1855 im Dom zu Linz.

Erst mit Vollendung der 7. Sinfonie gelang Bruckner der Durchbruch. Schon das allegro moderato dieses Werkes erinnert sofort an sein großes Vorbild Richard Wagner, den er nach dessen Tod als „unerreichbares Ideal in jener so bitteren Trauerzeit“ bezeichnete. Interessant auch die Widmung. Nicht etwa Wagner, sondern dessen Mentor Ludwig II von Bayern, als Märchenkönig in die Annalen der Geschichte eingegangen, wurde mit dieser Sinfonie geehrt.


Mariss Jansons dirigiert Bruckners 7. mit einer äußerst tiefgehenden und werkgetreuen Interpretation. Das weltberühmte adagio, quasi eine Art Totengebet für Richard Wagner, gehört mit zu den schönsten Werken der Orchestermusik überhaupt. Das formschöne Spiel des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks setzt die klanglichen Vorstellungen Jansons adäquat um und stellt damit einmal mehr unter Beweis, dass dieses Ensemble nicht umsonst zu den Besten der Welt gehört.

Mariss Jansons werkgetreu

Die 4. Sinfonie dieser umfangreichen, aber nicht vollständigen Edition, trägt den Beinamen „die Romantische“ und wurde bereits im Jahre 2008 live eingespielt. Auch an diesem Werk hat Bruckner mehrfach über Jahre hinweg Veränderungen vorgenommen. Die „Romantische“ ist auch deswegen bemerkenswert, weil sie von allen Bruckner-Sinfonien die am ehesten zugängliche ist. Wer sich mit der Musik des österreichischen Komponisten vertraut machen möchte, sollte daher genau hier ansetzen.

Der magische anmutende Hörnerklang zu Beginn des ersten Satzes ist zwar prächtig und klangstark umgesetzt, erreicht aber zu keiner Zeit die tiefe Intensität eines Günter Wand mit den Berliner Philharmonikern aus dem Jahre 1997. Gerade diese Sinfonie besticht durch eine architektonische Farbgebung, welche in ihrer Gesamtheit leicht auseinanderzubröckeln droht. Wand hat es selbst in hohem Alter geschafft, dieses Werk so zu dirigieren, dass beim Hörer eine Flut von Assoziationen vor dem geistigen Auge sichtbar werden. Dies gelingt Jansons nur bedingt, seine Interpretation ist zwar filigran, dabei aber entschieden weniger lyrisch und ergreifend wie bei Wand.

Fragment

Die neunte und letzte von Bruckners Sinfonien klingt äußerst visionär und mit brachialem Scherzo, aber auch gleichzeitig unwahrscheinlich schön und spannend in der Melodieführung. Obwohl das Finale nur als Fragment vorliegt, zeigt Bruckner hier noch einmal die ganze Bandbreite seines Könnens als Musikschaffender. Kein Abgesang, sondern eher ein in sich erfüllter Abschied.

Insgesamt gesehen kann man mit dem Erwerb dieser CD-Box nichts verkehrt machen. Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks musizieren auf absolut hohem Niveau und bieten einen interessanten und klangintensiven, aber keinen runderneuerten Einblick in die Sinfoniewelt Anton Bruckners. Das Klangbild der einzelnen CD ́s ist – selbst bei den Live-Einspielungen – einwandfrei ausbalanciert. Gerade darauf hat Mariss Jansons in Zusammenarbeit mit seinem Toningenieur Wilhelm Meister immer sehr viel Wert gelegt.

Die Tracks

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