Es landen viele Platten auf meinem Tisch, die nahezu perfekt produziert und gespielt, ausgefeilt programmiert und treffend besetzt sind. Das Niveau ist da insgesamt sehr hoch. Bei einigen dieser Produkte frage ich mich aber auch, ob ich mich in zwei Jahren noch an sie erinnern werde. Noch interessanter wird es da für mich, wenn mich eine CD zunächst in Erstaunen versetzt, wenn sie mich irgendwie beschäftigt, vielleicht sogar beunruhigt, wenn ich sie nicht sofort glaube zu verstehen.
Eigenständige Intentionen
Der Hamburger Pianist Matthias Kirschnereit und der mallorquinische Geiger Francisco Fullana haben auf ihrer CD „Cosmopolitan“ drei Sonaten unterschiedlicher Komponisten eingespielt. Und nach dem ersten schnellen Sichtungshören blieb ich wirklich ratlos. Da lag so eine seltsame Spannung in der Musik, so eine ungewöhnliche Stimmung beim Musizieren, es wirkte auf mich fast, als hätten die beiden Musiker hier noch andere Gründe für ihr Handeln als die Aufnahme der nächsten perfekten Klassik-CD. Zu wenig spielerische Stereotype werden da bedient, zu wenig wollen die beiden den Zuhörer*innen mit ihrem Spiel einfach nur gefallen. An manchen Stellen wirkte die Interpretation fast schon gewollt unattraktiv auf mich, das gefiel mir, es zeigte mir die eigenwilligen und eigenständigen Intentionen der Beteiligten. Da wurde ich aufmerksam.

Besagter positiver Irritationsmoment beim Testhören geschah mit dem ersten Werk auf der CD, der Sonata in G Minor L. 140 von Claude Debussy. Das eher schroffe und eigenwillige Musikstück spielen Kirschnereit und Fullana sehr introvertiert. Die Ausführung von Pausen und die Agogik führen nicht in ein weich-süßes Debussy’sches Traumland, die hohen Melodien der Geige singen nicht lieblich und weich. Alles wirkt ernsthaft, in gedeckten Farben. Und sehr nachdenklich. Die beiden Musiker stellen in ihrem Vortrag die Introversion vorne an, selbst fröhlich angelegte Passagen wie im zweiten Satz „Intermède. Fantasque et Léger“ bleiben immer wie in einem Spannungsfeld des Gesamtvortrags. So wird das Spiel nie überaus jovial, bleibt immer nachdenklich.
Matthias Kirschnereit ensembledienlich
Und mich verblüfft das Maß, in dem Matthias Kirschnereit sich nicht in den Vordergrund spielt. Ich habe immer noch nicht ganz verstanden, wie man es schaffen kann, bei nur zwei Instrumenten derart im Hintergrund zu bleiben. Damit möchte ich nicht sagen, dass der Pianist keine Akzente setzt, mitnichten. Aber selbst Klavier-Solopassagen wirken mit der Maßgabe gespielt, dass das Klavier auf „Cosmopolitan“ nur gemeinsam mit der Violine wirklich existieren und komplett sein kann. Und so geschieht etwas Erstaunliches: Anstatt nur zusammenzuspielen, formen Pianist und Geiger wirklich einen neuen kombinierten Klangkörper, in dem die verschiedenen Stimmen verschmelzen, egal welcher Herkunft sie sind.
Dies gilt sogar in der Sonata JW VII/7 von Leoš Janáček, dem zweiten Werk auf der CD, die mit teilweise sehr eigenständigen Stimmführungen arbeitet und so manche musikalische Themen vereinzelt in den Raum stellt. Kirschnereit und Fullana bleiben an jeder Stelle in einmütiger, sehr kooperativer Verschmelzung, sie koexistieren. In beiden Instrumenten gedoppelte Themen kommen wie aus einem Klang-Organismus, gut zu hören im zweiten Satz „Ballade“. Und selbst schroffere Passagen wie im dritten Satz „Allegretto“ werden in höchst akkurater Abstimmung aufeinander gespielt.

Die dritte Sonate, in A Minor, Op. 13 von Ignacy Jan Paderewski, ist das Werk, mit dem sich die beiden Musiker anlässlich eines Konzertes beim Krzyzowa Festival Music for Europe kennengelernt haben. Da hat es sofort gefunkt, und es entstand diese Magie im Zusammenspiel, die ich hier begeistert und ausführlich beschreibe. Dieses für das Duo also sehr wichtige Werk wirkt sehr erzählend gespielt, sowohl Kirschnereit als auch Fullana phrasieren mit Hingabe und viel Einsatz, ohne jedoch den schon ausgeführten Gesamtkontext zu verlieren. Diese Gratwanderung wird am besten im zweiten Satz „Intermezzo. Andantino“ deutlich. Hier umspielen sich die Duopartner richtig und gehen ganz im gemeinsamen Spiel auf. Zum Abschluss im dritten Satz „Finale. Allegro molto quasi presto“ erstreckt sich der Vortrag dann von wild, fröhlich bis schwelgend erzählend. Das könnte man jetzt einfach fulminant ausspielen, aber auch hier bleiben Kirschnereit und Fullana bei ihrem Ton, bei ihrem Ensemblecharakter.
Matthias Kirschnereit und Francisco Fullana bringen uns hier einen wirklich starken Vortrag mit anspruchsvollen Werken in begeisterndem Duospiel. Diese Kooperation verlangt danach, fortgesetzt zu werden!


