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Megan Kahts Cover

CD-Review: Megan Kahts – In dolce abbandono

Liebe ist nicht immer nur ein Spaß. In den Tiefen der Seele gehen emotionale Höhenflüge und Verzweiflung miteinander einher – und das hat auch zahllose Dramen im Theater und in der Musik mit Stoff versorgt und nährt ein neues Release der südafrikanischen, in Wien lebenden Mezzopranistin Megan Kahts. „In dolce abbandono – Mit süßer Hingabe“ lautet der Titel ihrer aktuellen Kollaboration mit dem – übrigens von ihr selbst aus der Taufe gehobenen – Carestini Ensemble aus Wien. Georg Friedrich Händels „Armida abbandonata“ und Josef Haydns Kantate „Arianna a Naxos“ sowie die beiden sogenannten „Waldarien“ von Georg Friedrich Händel bilden das Programm.

„Mit süßer Hingabe“ – das ist hier nicht nur Albumtitel, sondern ein Versprechen, das Megan Kahts zusammen mit dem Instrumentalensemble einlöst und in dem es um die einfühlsame Auseinandersetzung mit existenziellen Themen geht. Megan Kahts verkörpert dabei die antiken Tragödinnen mit Leib und Seele. Die Zauberin Armida, die in Georg Friedrich Händels Kantate aus dem Jahr 1707 von ihrem Geliebten Rinaldo verlassen wurde, wird unter Kahts‘ Interpretation zu einer Frau aus Fleisch und Blut, deren Schmerz so greifbar ist, als würde dies gerade alles jetzt um uns herum sein. Die Sängerin taucht tief in diesen Strudel aus Liebe, Verrat und Verzweiflung ein und lässt die Zuhörenden dieses Albums Zeuge jeder intimen Seelenregung werden. Nicht minder eindringlich gestaltet sich Haydns „Arianna a Naxos“. Ariadne, eine weitere Verlassene der Mythologie, erwacht auf Naxos und muss erkennen, dass Theseus sie im Stich gelassen hat. Auch dieser uralte Stoff wird zu einem zeitlosen Psychogramm von Verletzlichkeit. Ihre Ariadne ist keine entrückte Heroine, sondern eine Frau, deren Schmerz so real ist, dass man ihn förmlich mit Händen greifen kann.

Der tendenziell hell abgestimmte Mezzosopran dieser Sängerin wird zum beweglichen Instrument von einer Ausdruckskraft, die aufs Ganze geht, dabei aber unangestrengt bleibt. So etwas fügt sich mühelos in die Konturen dieser Psychogramme, zu denen auch immer wieder temperamentvolle Ausbrüche gehören, welche Megan Kahts in allen möglichen Opernrollen immer wieder aufs neue trainiert. 

Megan Kahts, Foto © Damian Posse
Megan Kahts, Foto © Damian Posse

Megan Kahts‘ Gesangsleistung, die von tiefer, aufrichtiger Empfindung zeugt, ist das eine in dieser bewegenden Interaktion. Hinzu kommt, dass diese Künstlerin sich hier ein Ensemble geschaffen hat, das ihre eigene Vision erkennbar versteht, teilt und vertieft, was in der gemeinsamen Interaktion für diese Aufnahme ohne weiteres spürbar wird. Das Wiener Carestini Ensemble hat sich übrigens nach einem berühmten Kastratensänger benannt und definiert die Musikwelt des 18. Jahrhunderts als künstlerische Heimat. Dementsprechend erweisen sich die Musikerinnen und Musiker über die gesamte Spiellänge als fein schwingender Resonanzkörper für Kahts‘ emotionale Expedition in das Gefühlskarussell der Liebe. Jede Nuance, jeder Seufzer und Ausbruch findet im virtuosen Spiel auf den historischen Instrumenten ein fast seismografisches Echo. Also musizieren hier keine distanzierten Interpreten, sondern Seelenverwandte für die großen Verlassenen dieser Welt.

Die beiden „Waldarien“ von Händel rahmen dem dramatischen Gefühlskarussell der beiden Liebes-Kantaten wie zwei Ruhepole ein. „Ombra mai fu“, mit der das Programm eingeleitet wird, ist eine Hymne an den Schatten eines Baumes und eine metaphysischen Betrachtung über Schönheit und Vergänglichkeit in der Natur. Dieses ruhige Stück wirkt im Gesamtbogen gewissermaßen wie die Ruhe vor dem Sturm der Leidenschaft, den die antiken Dramen entfesseln. In „Verdi prati“ aus Händels Oper „Alcina“ gelingt es am Ende des Programms abermals, einen Moment der Kontemplation zu schaffen. 
Das Album „In dolce abbandono“ ist mehr als einfach „nur“ ein gelungenes Album, sondern zeigt letztlich auch, warum wir Musik hören: Um uns in all unserer Emotionalität und auch Verwundbarkeit wiederzuerkennen.

Das Album

Icon Autor lg
Musik und Schreiben sind immer schon ein Teil von mir gewesen. Cellospiel und eine gewisse Erfahrung in Jugendorchestern prägten – unter vielem anderen – meine Sozialisation. Auf die Dauer hat sich das Musik-Erleben quer durch alle Genres verselbständigt. Neugier treibt mich an – und der weite Horizont ist mir viel lieber als die engmaschige Spezialisierung, deswegen bin ich dem freien Journalismus verfallen. Mein Interessenspektrum: Interessante Menschen und ihre Geschichten „hinter“ der Musik. Kulturschaffende, die sich etwas trauen. Künstlerische Projekte, die über Tellerränder blicken. Labels, die sich für Repertoire-Neuentdeckungen stark machen. Mein Arbeitsideal: Dies alles fürs Publikum entdeckbar zu machen.
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