Einfach Klassik.

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Rejoice Cover

CD-Review: Merel Vercammen & Maya Fridman – Rejoice

In der Flut der bei mir ständig anlandenden neuen Klassik-Veröffentlichungen fällt das Album „Rejoice“ zunächst nicht auf. Duo-Kammermusik, gespielt von zwei jungen Musikerinnen, ist wie viele andere Formate kein seltenes Konzept. Eine Möglichkeit, mit diesem Überangebot umzugehen, ist es einfach zu warten, dass mich bei der Sichtung die Musik und der Vortrag wirklich von sich aus erreicht und begeistert, und in vielen Fällen geschieht das auch mal nicht. Die vorliegende Platte aber hat mich direkt aus meinem Sichtungsrhythmus gerissen.

Die Violinistin Merel Vercammen und die Cellistin Maya Fridman spielen seit einigen Jahren gemeinsam als Duo. Nun bringen sie mit „Rejoice“ ihre erste gemeinsame CD heraus, praktischerweise auf Vercammens eigenem Label All Ears Records. Wo andere dann ein reines Duoprogramm zusammenstellen und umsetzen, bleiben die beiden holländischen Musikerinnen nicht stehen, sondern setzen mit „Plainscapes“ von Pēteris Vasks ein Werk für Violine, Cello und Chor an den Anfang der CD. Den Chorpart übernimmt dabei die Cappella Amsterdam, die gerade auch in der Neuen Musik sehr zu Hause ist, und deren Sänger*innen sich hier unter anderem mit Vogelstimmen kreativ betätigen können.

Mit den beiden anderen Werken „Angel“ von Maxim Shalygin und dem namengebenden „Rejoice!“ von Sofia Gubaidulina steht dann aber klassisches Duoprogramm auf dem Plan, was im Durchlauf der Platte für mich einen sehr organischen Ablauf ergibt.

Merel Vercammen
Merel Vercammen

In „Plainscapes“ fällt mir zunächst auf, wie sehr die Cappella Amsterdam als Ensembleeinheit agiert. Die meiste Zeit fungieren sie wirklich als dritte Stimme neben Violine und Cello. Diese für Vasks urtypische Besetzung, die mit dem Chor explizit die Chortradition seiner Heimat ausdrückt und mit den Streichern zwei weitere sehr kantabel einsetzbare Stimmen verwendet, erweitert für die beiden Musikerinnen das Duospiel signifikant. In der Kooperation mit dem Chor nutzen sie die vielen Möglichkeiten, als Solostimmen vor dem Klanghintergrund der Sänger*innen zu spielen, als Cello abzutauchen in die dunkeltönigeren Chornoten oder präsentere Gesangsabschnitte mit hohen, glasigen Tönen zu umspielen. Vor meinem inneren Ohr formt sich ein längeres Programm in dieser Besetzung – eine Fortsetzung dessen fände ich auf jeden Fall reizvoll! Es ist sehr beeindruckend zu hören, wie Streicher und Sänger*innen Hand in Hand spielen und gleichzeitig auch nebeneinander hergehen.

Nun könnte man meinen, dass „Plainscapes“ aufgrund der Besetzung und des bekannten Namens des Komponisten das zentrale Werk des Albums ist. Das mag sein. Für mich ist da aber noch ein anderer Höhepunkt, den ich so nicht erwartet hätte, und der mich beim Hören wirklich umgehauen hat! „Angel“ von Maxim Shalygin ist ein siebenminütiges Stück für Cello und Violine, das recht ruhig, fast unscheinbar beginnt. Nach „Plainscapes“ atmet man da erst einmal durch und fragt sich, wohin „Angel“ führen könnte. Aber Achtung! Das als einziges auf „Rejoice“ eingesetzte Musikstück steigert sich mit der Zeit in deutlich höhere Intensitäten. In wechselnder Stimmführung bekommen Violine und Cello immer mehr Gestaltungsmöglichkeiten, und Vercammen und Fridman nutzen diese voll aus. Über den Verlauf von „Angel“ dehnen sie die Dynamikbandbreite langsam immer mehr aus und erreichen dabei eine erstaunliche Ensemblebreite, gestalten mit großer Erzählkraft. Immer eindringlicher geht es zum Ende hin, und meine Aufmerksamkeit wird gefesselt. Fantastisch, welch große Klangsphäre zwei Streichinstrumente mit solcher Strichintensität etablieren können!

Maya Fridman, Foto © Brendon Heinst
Maya Fridman, Foto © Brendon Heinst

In der Sonate „Rejoice!“ sind die beiden Musikerinnen dann nochmal auf einem ganz anderen Weg. Als vereinzelte Stimmen wandeln sie durch einen großen Klangraum, wechseln sich in glasigen, nicht voll gegriffenen Tönen ab, lassen viele Räume unbesetzt. In flirrend durcheinander gespielten ostinatoähnlichen Figuren lösen sie bewusst Ortbarkeit auf, multiplizieren sich selbst und machen den Vortrag so äußerst sphärisch. In Pizzicati, Springbögen und Abschlägen gehen sie dann fast schon hin zu Theatermusik und unterhalten in höchstem Maß.

„Rejocie“ ist kein typisches Debüt, es ist weit mehr als das. Merel Vercammen und Maya Fridman bezaubern uns mit einem äußerst klug und geschmackssicher programmierten Album, das sie mit Herz, Einsatz und Kunstfertigkeit umgesetzt haben.

Die CD kann HIER bestellt werden.

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Stefan Pillhofer ist gelernter Toningenieur und hat viel Zeit seines Lebens in Tonstudios verbracht. Er hat viel Hörerfahrung mit klassischer und Neuer Musik gesammelt und liebt es genau hinzuhören. In den letzten Jahren hat sich die Neue und zeitgenössische Musik zu einem seiner Schwerpunkte entwickelt und er ist stets auf der Suche nach neuen Komponist*innen und Werken. Stefan betreibt das Online-Magazin Orchestergraben, in dem er in gemischten Themen über klassische Musik schreibt. Darüberhinaus ist er auch als Konzertrezensent für Bachtrack tätig.
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