Einfach Klassik.

Einfach Klassik.

Minnesota Orchestra Cover

CD-Review: Minnesota Orchestra und Leila Josefowicz

Thomas Søndergård, sein Minnesota Orchestra und den Dirigenten und Komponisten Thomas Adès verbindet eine schon viele Jahre währende künstlerische Beziehung und Zusammenarbeit. In dieser Kombination zum ersten Mal die „The Exterminating Angel Symphony“ aufzunehmen, die den musikalischen Auszug von Adès’ Oper „The Exterminating Angel“ darstellt, scheint zu passen. Für Adès’ Violinkonzert kommt dann noch die Geigerin Leila Josefowicz hinzu, die das Werk seit Jahrzehnten spielt. Auch wenn wir hier mit einer Opern-Symphonie und dem als mächtig geltenden Violinkonzert Großsymphonik hören, die erarbeitet werden will, so wirkt es doch, als seien das sehr dankbare Werke für das Minnesota Orchestra, um seine Fähigkeiten zu zeigen und seine Möglichkeiten auszuspielen. Zu leicht wirkt der Vortrag, zu viel Spielfreude höre ich da, um das Spiel als Arbeit zu verstehen.

Minnesota Orchestra mit Witz

Das Minnesota Orchestra begeistert mit einem sehr breiten, gleichzeitig vollen und oft sehr cineastischen Klang. Die Referenzen zu Filmmusik sind natürlich in der Komposition angelegt, aber es ist beeindruckend, wie gut und expressiv das Multitasking des Orchesters funktioniert. Ständig teilen sich Stimmen in der Komposition auf, oftmals in Solostimme und Klangteppich mit unterschiedlicher Natur, und dabei gehen die jeweils beteiligten los und machen ihr Ding, lassen die jeweils anderen zurück. Was bei Adès’ Musik auch intendiert ist. Die großen, weiten Akkordgebilde wirken sehr wuchtig und monumental, da Bläser und Streicher des Orchesters die besondere Fähigkeit zeigen, wirklich zu einem Klanggebilde zu verschmelzen. Richtig verrückt wird das dann, wenn die Flöte mit fast schon quietschendem Ton über dem Ganzen nach oben steigt.

Minnesota Orchestra, Foto © Nayelie Avalos
Minnesota Orchestra, Foto © Nayelie Avalos

Die vielen ursprünglich aus der Oper stammenden ironischen und skurrilen Erzählelemente werden mit viel Agilität und Witz musiziert. Gestellte Fragen munter unbeantwortet zu lassen, macht dabei die Spielfreude mit aus. Oftmals sind es die Streicher, die dabei lenkend und führend agieren und die meiner Meinung nach die heimliche Stärke des Minnesota Orchestra sind.

Das Violinkonzert beginnt nordisch, fast möchte man etwas Sibelius erkennen. Den märchenhaft schwebenden, aber auch drohenden Beginn gestalten alle beteiligten Instrumentengruppen zusammen mit Leila Josefowicz mit viel Tiefe und präziser sowie gefühlvoller Tongestaltung. Violinen und Bläser spielen sich die changierenden Ostinati hin und her, während die Solistin viel Energie in die berghohen Dynamikverläufe und -unterschiede legt.

Leila Josefowicz, Foto © Chris Lee
Leila Josefowicz, Foto © Chris Lee

Der zweite Satz ist zwar in langsamem Tempo angelegt, aber er ist nicht der verträumte Mittelsatz wie bei so vielen anderen Solokonzerten. Bedrohliche und beunruhigende Dissonanzen bauen sich immer wieder in Crescendi auf und werden dann in dunkle Klangflächen und gleißende Geigensoli überführt. Alle Musiker*innen arbeiten hier mit maximaler Konzentration, mit viel Gestaltungsintention und wohl einfach auch mit der Freude über die Aufnahme der Musik, die live vor Publikum stattfand, was natürlich immer ein gewisses Risiko, aber auch die Einmaligkeit des Moments in sich birgt. Im Verlauf des zweiten Satzes erhält und ergreift Leila Josefowicz dann doch noch die Gelegenheit, in etwas weicheren Melodien bezaubernde Kooperationen mit Einzelstimmen aus dem Minnesota Orchestra einzugehen, um dann in einem hübschen Wechselspiel auch wieder Gegenpol zu sein.

Interessante Kooperationen

Im letzten Satz des Konzertes und zum Abschluss der Aufnahme wird der Vortrag wieder lebhaft, manchmal fast zerfahren, durch die hohe Stimmdiversität, aber auch durch die schon beschriebene Fähigkeit der einzelnen Instrumentengruppen, sich zu separieren und eine Zeit lang abgeschlossen für sich zu spielen und zu sein. Wenn darin dann ab und zu wieder interessante Einzelkooperationen stattfinden, wie die hoch schimmernden Flächen aus Flöten und Violinen, dann wirken diese taktischen Fähigkeiten umso beeindruckender.

Auch nach dem Hören dieser Einspielung zeigt sich, dass das Minnesota Orchestra unter Thomas Søndergård zusammen mit Leila Josefowicz genau die richtige künstlerische Zusammenstellung ist, um die fantastische Musik von Thomas Adès bestmöglich darzustellen. Äußerst kurzweiliger Hörgenuss ist für mich damit garantiert!

Das Album

Icon Autor lg
Stefan Pillhofer ist gelernter Toningenieur und hat viel Zeit seines Lebens in Tonstudios verbracht. Er hat viel Hörerfahrung mit klassischer und Neuer Musik gesammelt und liebt es genau hinzuhören. In den letzten Jahren hat sich die Neue und zeitgenössische Musik zu einem seiner Schwerpunkte entwickelt und er ist stets auf der Suche nach neuen Komponist*innen und Werken. Stefan betreibt das Online-Magazin Orchestergraben, in dem er in gemischten Themen über klassische Musik schreibt. Darüberhinaus ist er auch als Konzertrezensent für Bachtrack tätig.
Dots oben

Das könnte Dir auch gefallen

Dots unten
Dots oben

Verfasse einen Kommentar

Dots unten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Newsletter

Icon Mail lg weiss

Bleib informiert & hol dir einen
exklusiven Artikel für Abonnenten