Einfach Klassik.

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CD-Review: Schumann Quartett: Martin – Ullmann – Fauré

Heutzutage könnte man das Schumann Quartett als Powerhouse im Streichquartettbetrieb bezeichnen. Mit höchster Qualität und Expressivität hat sich das Ensemble schon lange ganz oben etabliert und veröffentlichte mit der Zeit eine vielbeachtete CD nach der anderen.

Das Albumkonzept

Mit „Martin – Ullmann – Fauré“ haben sich die vier Mitglieder des Quartetts wieder ein besonderes Programm überlegt. Zwei Klavierquintette von Frank Martin und Gabriel Fauré rahmen das Streichquartett Nr. 3 von Viktor Ullmann ein. Das ist eine Mischung. Und doch keine per se unbekannte unter den Albumkonzepten. Geht es hier doch einmal mehr um den Übergang zwischen Spätromantik und Moderne. Interessanterweise ist das Programm aber nicht chronologisch sortiert, denn das epochenverbindende Werk steht mit Faurés Klavierquintett No. 1, Op. 89 am Ende der CD.

Hinrich Alpers, Foto © Felix Broede
Hinrich Alpers, Foto © Felix Broede

Für die Quintette haben sich die vier Quartettmusiker den Pianisten Hinrich Alpers hinzugeholt, der sich, um das vorwegzunehmen, äußerst ensembledienlich präsentiert. In Martins Klavierquintett „À ma Femme“ zeigt Alpers das mit viel Tiefe im Spiel, die er auch braucht, um dieses kraftvolle Werk zusammen mit dem Quartett zu gestalten. Im dritten Satz „Adagio ma non troppo“ wechselt er gekonnt zwischen Vordergrund und Begleitung, und häufig gehen Klavier und Cello durch ihre Formantstrukturen reizvoll wirkende Klangkooperationen ein. Und zum Ende hin bewegt sich der Pianist zusammen mit den anderen Musikern langsamen Schrittes Seite an Seite durch die gemächliche Steigerung.

Das Schumann Quartett ist währenddessen ganz Schumann Quartett. Agiert wie immer auf schwindelerregend hohem Niveau. Die Diversität in der Agilität der einzelnen Stimmen bei gleichzeitiger Beibehaltung der Ensembleeinheit ist grandios! Da wirkt sich die hohe Eingespieltheit sehr beeindruckend aus. Details wie die ad-hoc-Unisonostimme aus Violine und Cello im vierten Satz „Presto“ nehmen Fans des Ensembles vielleicht als selbstverständlich hin. Ich dagegen kann nicht anders, als verblüfft zu sein über das maßvolle Fingerspitzengefühl, mit dem die Künstler agieren und dosieren.

Schumann Quartett mit Verve und Fertigkeit

Viktor Ullmanns Streichquartett No. 3 hat der Komponist in seiner Endphase im Konzentrationslager Theresienstadt geschrieben, bevor er in Auschwitz ermordet wurde. Ich schreibe gerne über Aufnahmen seiner Werke, weil diese Musik so fordert, beunruhigt und ganze Emotionsräume thematisiert. Nach noch weichem, zeitweise positivem Beginn zerfällt das Werk immer mehr, und das Schumann Quartett spielt hier mit vollem Einsatz! Mit Schmerz und Innbrunst wandelt das Ensemble auf dem Grat zwischen Schrecken und Hoffnung, so unsicher und zweifelnd, wie es die Geschichte des Komponisten und damit auch seine Musik erfordert. Die erstaunlich vielen schnellen Elemente und Einwürfe, die Ullmann für Themenwechsel oder Themenhöhepunkte verwendet, meistern die vier Streicher nicht einfach – sie spielen das nebenbei und leben währenddessen anscheinend weiter ganz und gar in der Gefühlswelt des Komponisten. Im turbulenten Finalsatz „Rondo-Finale. Allegro vivace ritmico“ wirkt das Schumann Quartett dann durch die vielen verschiedenen, mit Verve und Fertigkeit vorgetragenen Spieltechniken wie ein deutlich größeres Ensemble, fast schon orchestral. Ullmanns Streichquartett hat so viel Vielfalt und Kraft in sich, dass es in diesem Genre für mich glatt ähnlichen Referenzstatus haben könnte wie die entsprechenden Werke von Beethoven!

Schumann Quartett, Foto © Eva Maria Richter
Schumann Quartett, Foto © Eva Maria Richter

In Faurés Klavierquintett kommt dann Hinrich Alpers am Klavier wieder dazu, was dem Album eine schöne Gesamtdynamik gibt. Jovial spielen hier alle Musiker die fast schon symphonischen Bewegungen und Striche mit Genuss und Unterhaltungsfreude, auch wieder ein wenig orchestral. Man lässt große Gesten zu, formt gedecktere Passagen sehr eindringlich und gibt sich ab und zu gar ein wenig varietéhaft.

Das Schumann Quartett macht es sich selbst immer schwerer, wieder und wieder noch begeisterndere Veröffentlichungen vorzulegen. Hier haben sie es wieder geschafft, mit einer klugen und sehr hörenswerten Kooperation mit einem wunderbaren Pianisten, und mit einem ganz starken Albumprogramm, das „Martin – Ullmann – Fauré“ zur nächsten CD des Ensembles macht, die man gehört haben muss!

Titelfoto © Harald Hoffmann

Das Album

Icon Autor lg
Stefan Pillhofer ist gelernter Toningenieur und hat viel Zeit seines Lebens in Tonstudios verbracht. Er hat viel Hörerfahrung mit klassischer und Neuer Musik gesammelt und liebt es genau hinzuhören. In den letzten Jahren hat sich die Neue und zeitgenössische Musik zu einem seiner Schwerpunkte entwickelt und er ist stets auf der Suche nach neuen Komponist*innen und Werken. Stefan betreibt das Online-Magazin Orchestergraben, in dem er in gemischten Themen über klassische Musik schreibt. Darüberhinaus ist er auch als Konzertrezensent für Bachtrack tätig.
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