Der englische Komponist Sir William Walton war selbstverständlich eine wichtige Persönlichkeit für sein Heimatland. Da ist es nicht zwingend, aber reizvoll, dass ein englisches Orchester einige seiner bedeutenden Werke einspielt.
Dabei ist die Sinfonia of London „nur“ ein Projektorchester, das zu besonderen Gelegenheiten wie Konzerten oder Aufnahmen zusammenkommt. Das ermöglicht dem Klangkörper eine umso erlesenere Besetzung, da in dieser Weise Solist*innen zusammenfinden können, die ansonsten auch anderen Engagements nachgehen. Infolgedessen wird die Sinfonia of London sogar als „Super-Orchester“ bezeichnet. Herausfordernd für meine Sichtung ist es, wenn großer Ruf vorauseilt.
Ein Orchester dieser Zusammensetzung benötigt für ein Solokonzert nicht noch externe Solist*innen. Es sind ja genügend vorhanden. Wie der Principal Cellist Jonathan Aasgaard, der Waltons Cellokonzert spielt. Dieses zu Lebzeiten des Komponisten unterschätzte Werk – es galt mit seinem sehr spätromantischen Charakter als altmodisch, für mich also gerade recht – zählt heute zu den großen und wichtigen Spätwerken Waltons.
Sinfonia of London mit sinfonischer Breite
Und Aasgaard nutzt diese schöne Möglichkeit schamlos aus, um sich im besten Sinne nach vorne und in die Herzen zu spielen. Mit sehr extrovertierter Strichtechnik geht er ins Risiko, fällt richtig durch schnelle Tonkaskaden hindurch und taucht dann und wann wieder ins Ensemble ab, wobei ihm seine Spielerfahrung aus dem Orchesterverbund geholfen haben könnte.
Die Sinfonia of London entwickelt währenddessen direkt monumentale Kraft. Mit Wucht geben die Bässe kraftvolle Abschläge zur Finalisierung ins Schlagwerk weiter. Mit sinfonischer Breite ziehen die Streicher weite Klangebenen durch den Raum. Und dann setzen die Flöten aber wieder vorwitzige Akzente, die schnellen Wechsel in der Komposition geht das Ensemble sehr agil und beweglich an, wobei die hochfrequenten Instrumentengruppen mit hoher Intensität oftmals kraftvolle Endpunkte setzen.
Im dritten Satz geht der Cellist im Laufe der von ihm mit Tiefe angelegten Melodiefolgen mit dem fragestellenden Orchester in Zwiesprache und gemeinsam erreichen sie so große Erzählkraft. Da bleibt das Konzert sehr kurzweilig und ist schnell vorüber.
Waltons nachfolgende Sinfonie Nr. 1 kam zur Zeit der Entstehung schon besser an als das Cellokonzert und wurde als herausragendes Werk betrachtet. Der Komponist wurde durch seine Beziehung zu Baroness Imma von Doernberg zu diesem Musikstück inspiriert, und mit seinen raschen Themenwechseln ist es genau wie das Cellokonzert ein typischer Walton.
Alle geben ihr Bestes
Die Sinfonia of London geht hier auch mit der gleichen Herangehensweise vor, Agilität bestimmt das Geschehen, nur meine ich in den Dynamikspitzen noch etwas mehr Energie zu erleben, was natürlich durch den fehlenden Solisten und den damit größeren Raum für das Orchester besser möglich ist. Auch scheint das Ensemble hier die Tuttipassagen noch befreiter genießen zu können, und auch einzelne Instrumentengruppen agieren frei, wie zum Beispiel die Streicher, wenn sie in Crescendi beeindruckend an Größe gewinnen. Und im Verlauf der Sätze gibt es dann immer wieder diese geheimnisvolleren Passagen, in denen die Flöten und Klarinetten reizvolle kleine Einzelmelodien gestalten. Hier geben alle ihr Bestes, nicht bemüht, sondern gekonnt, ihre Expertise zur Ausführung bringend.
„Walton“ ist Walton at its best, gespielt von hervorragenden Musiker*innen in einem schlüssigen Albumkonzept. Würde ich wieder auflegen, wenn da nicht dieser Stapel wäre…


