Die 24 Präludien und Fugen von Dimitri Schostakowitsch sind eines der großen Klavierwerke des 20. Jahrhunderts. Und beim russischen Komponisten haben viele Menschen feste Assoziationen: Dramatik, politisches und persönliches Schicksal, verfolgt sein. Aber seine Präludien und Fugen sind das nicht. Im Grunde sind es kleine Klavierstücke mit sehr großer emotionaler Bandbreite. Da werden sehr viele verschiedene Gefühle und Stimmungen durchlebt, und die Wandlungsfähigkeit durch die Kompositionen ist verblüffend. Viele namhafte Pianist*innen haben sich dem Werk als Projekt angenommen, so auch die italienische Pianistin Sofia Sacco. Für die ausgewiesene Schostakowitsch-Liebhaberin ist das ein nachvollziehbarer Schritt, aber es bleibt die Frage, was die Musikerin aus dieser Aufnahme macht.

Und tatsächlich ist es fast schon verblüffend, wie konsequent jeglicher Druck, etwas Großes schaffen zu müssen, fehlt. Sofia Sacco spielt Schostakowitsch hell und klar. Sie zieht die langen Vorhänge zur Seite und lässt Licht ins Klavierzimmer. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie man auf einem Tasteninstrument eine solch deutliche Gesamtfärbung kreieren kann. Um diese generelle Eigenschaft des Albums nachvollziehen zu können, empfehle ich die Fuge Nr. 17, die an sich schon im lebhaften Verlauf perlt, die von Sofia Sacco zusätzlich so helltönig und fröhlich im Angang gespielt wird, dass man beginnt zu lächeln, frische Luft zu atmen. Auch Fuge Nr. 21 zeigt diese Leichtfüßigkeit und Frische, die Sacco mit der Kombination aus Anschlagspiel und Tongestaltung erzeugt. Interessant fällt auf, dass sie die Agogik gleichmäßig und schreitend, damit aber eher arm an Steigerungen und Verläufen anlegt. Das trägt oft auch zur jovial schlendernden Attitüde der Pianistin bei, die schön in der Fuge Nr. 23, aber auch im harmonisch etwas verschränkteren Präludium Nr. 22 gut hörbar ist.
Sacco lässt den Stücken Weichheit und Tiefe, sie bleibt einfühlsam der Komposition gegenüber, wartet und beobachtet, was diese braucht, anstatt ihren Stil zu gestalten und den Vortrag nur danach zu formen. Sie sieht dieses große Stück Klavierkunst in keinster Weise karrieristisch, sondern dient der Musik, und schafft es so letztlich weitaus umfassender, ihre eigene Persönlichkeit auf der Klaviatur zu leben.
Das etwas etüdenhaft wirkende Präludium Nr. 16 führt Sacco so versonnen aus, dass ich ins Träumen gerate, und hier sind es besonders die Tonanfänge, mit denen die Pianistin gestalterisch glänzt. Anschlagtechnik ist nicht einfach zu erfassen, man drückt ja „nur“ eine Taste, aber durch die doch recht komplexe beteiligte Mechanik und den Verbund mehrerer Töne gibt es viele Möglichkeiten, das Einschwingen der Saiten ganz unterschiedlich wirken zu lassen. Wenn man bei diesem Präludium auf die Feinheiten achtet, dann wird klar, wie perlend die Italienerin zu spielen vermag, wie präzise sie ihre feinmechanischen Ausführungen steuern kann.
Und zusammen mit der schon erwähnten bewusst gesetzten Agogik entsteht hier für mich Magisches. Denn diese komplexe mechanische Herangehensweise führt die Pianistin nicht bewusst aus, sondern hat das alles memoriert und automatisiert, und musiziert Schostakowitschs Musik aus Bauch und Herz!

Die noch bekannteren Stücke im ersten Teil des gesamten Werkes erstrahlen in Saccos Vortrag erst recht in ergreifender Schönheit und machen diese Aufnahme endgültig zu Pflichtprogramm für jeden Musik- und Klassikfan.
Sofia Sacco hat sich hier einen frühen Meilenstein in ihrer Karriere gesetzt, sie berührt mit ihrem Spiel Herzen und beweist große Menschlichkeit und Selbstlosigkeit!
Mehr Informationen über das Album und Videos findet man hier.
Titelfoto © Nale Michela


