Beim Erlernen eines Instruments kann man den langen Weg der technischen Perfektion gehen. Irgendwann stößt man da aber langsam an Grenzen, und die Weiterentwicklung findet dann eher statt bei Charakter, Persönlichkeit und Interpretation. Wenn Musiker*innen hier so weit sind, dass sie mit ihrer musikalischen Größe einen größeren Raum ausfüllen können, dann beeindruckt mich das sehr.
Ein gutes Beispiel dafür ist das neue Album des Trio Karénine, auf dem sich die zwei Streicher und die Pianistin Tschaikowskys Piano Trio Op. 50 annehmen. Ein vergleichsweise mächtiges Werk von ca. 45 Minuten Spieldauer, das daher für die Besetzung natürlich ein Paradestück ist. Eigentlich nur zweisätzig ist es doch noch weiter unterteilt, zum Beispiel in zwölf Variationen, die Episoden aus dem Leben des Widmungsträgers Nikolaj Rubinstein beschreiben sollen.
Werk und Dimension – Tschaikowskys Piano Trio op. 50
Insgesamt wird das Werk als monumental und beseelt charakterisiert, und genau das arbeitet das Trio Karénine heraus. Julien Dieudegard (Violine), Louis Ronde (Cello) und Paloma Kouider (Piano) spielen allesamt so raumgreifend, wie ich es in dieser Besetzung selten gehört habe. Die Streicher erreichen das mittels sehr lebhaft gestalteten Crescendi und Vibrati, was sie je nach Situation in perfekter Synchronität oder erzählendem Wechselspiel umsetzen.
Das Klavier im Spannungsfeld der Streicher
Für Kouider ist das aber nicht so direkt möglich. Hier muss man wissen, dass Tschaikowski lange abgelehnt hat, ein Trio zu komponieren. Abgesehen von der Tatsache, dass für ihn die Klangcharakteristika der Instrumente nicht zusammenpassten, war er auch der Meinung, dass das Klavier den Konkurrenzkampf gegen die Streicher um die Antwort auf die Frage, welches Instrument am singendsten wirken könne, nur verlieren kann.
Und ein wenig meint man von dieser Haltung auch im Trio Op. 50 hören zu können. Außerhalb von Passagen, in denen das Piano wohl bewusst eher im Hintergrund bleibt, ist die Klavierstimme des Öfteren mit Unisonolinien oder großgriffigen Akkordklastern gearbeitet, was von der Pianistin dieser Aufnahme meiner Meinung nach sehr bewusst und genau dosiert umgesetzt wird. Es scheint, als würde sie ihr Instrument absichtlich in dieser Zwischenwelt halten, in der es mal um Aufmerksamkeit kämpft und dann wieder die Streicher dominiert. Das wird zum Beispiel in der vierten Variation im zweiten Satz offenbar, in der Violine und Cello zunächst ihre Charakterstärke souverän ausspielen, bevor dann das Klavier auftaucht und die Streicher eher in den Hintergrund bringt. Ähnliche Wechseldynamiken finden sich auch in Variation 8 oder 10.

Und dann gibt es aber auch Abschnitte, in denen Kouider wirklich glänzen kann. Zum Beispiel in Variation 11, wo sie jovial Kaffeehausmusik zitiert, oder mit der orchestralen Größe, die sie in Variation 7 erreicht. Dieses Gespür für Werk und Ensemble ist schon sehr besonders und es trägt dazu bei, dass das Trio Karénine derzeit immer mehr Beachtung erhält.
Programmatische Rahmung und Einordnung der Aufnahme
Zur Vollständigkeit sei noch erwähnt, dass am Anfang und am Ende der CD jeweils ein langsamer Satz aus anderen Werken gesetzt ist, nämlich zu Beginn der dritte Satz „Adagio“ aus dem c-moll-Klaviertrio von Nikolai Rimsky-Korsakov und am Ende das „Andante appassionato“ aus Tschaikowskis zweitem Klavierkonzert (in einer Bearbeitung für Klaviertrio). Auf den ersten Blick ungewöhnlich, so wirkt dieses kurze Intro und Outro doch als wunderbare Einrahmung des mächtigen Hauptwerkes.
Das Trio Karénine zeigt auf „Tchaikovsky: Piano Trio op. 50“, wie man dieses wichtige Stück Musik wohl spielen kann, und es damit nahebringt, darstellt und zu großem Genuss freigibt. Alle, die ein Trio sinfonischen Ausmaßes zu schätzen wissen, haben mit dieser CD ein starkes Stück im Regal.


