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Einfach Klassik.

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CD-Review: Thilo Dahlmann & Hedayet Djeddikar – The Last Epiphany

Wenn ich eine CD von meinem beängstigend hohen Rezensionsstapel nehme, dann lese ich zunächst nicht die Infotexte zum Album, sondern die Werkliste. Musik ist Trumpf! Beim Album „The Last Epiphany“ von Bassbariton Thilo Dahlmann und Pianist Hedayet Djeddikar las ich da zuerst: Brahms, deutsche Volkslieder. „Mein Mädel hat einen Rosenmund“, „Feinsliebchen“, „Erlaube mir feins Mädchen“. Und dann kam ich zum zweiten Teil des Albums: Norbert Glanzbergs „In Memoriam – Holocaust Lieder“. Da gab es: „Im Gefängnis“, „Nachtgedanken“, „Der Ofen von Lublin“. Nun war Verständnis gefragt.

Thilo Dahlmann Bass-Bariton Photo: Marco Borggreve

Norbert Glanzberg war ein polnischstämmiger jüdischer Komponist, der keineswegs einen erwarteten Lebenslauf hatte. 1910 geboren wurde er nach hoffnungsvollem Start in der Kapellmeisterei von den Nazis diffamiert, floh nach Frankreich und schlug sich dort durch. Dabei lernte er Edith Piaf kennen, die ihn engagierte, protegierte, und mit der er als Komponist und Pianist große Erfolge im Bereich des Chansons feiern sollte. Die Schrecken des Holocausts, die er selbst erlebt hatte verfolgten ihn aber weiter in Form von Depressionen und Angstzuständen, und erst in den 80er Jahren verarbeitete er diese Traumata indem er in den Holocaust Liedern Gedichte Bernd Jentzschs aus „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ vertonte. Interessanterweise kam er damit auch zu seinen eigenen frühen Bestrebungen in der Komposition von „ernster Musik“ zurück. 

Was für eine Achterbahnfahrt eines Albumkonzepts! Und auch beim Hören gefroren mir die Volkslieder in den Gehörgängen.

Thilo Dahlmann dunkeltönig

Die Auswahl bei den Brahms-Stücken bewegt sich thematisch. Sie beginnt bei Liebelei, Schwärmerei und Anbetung Frauen gegenüber, wandert aber immer mehr hin zu Themen wie Abschied, Verlust und Liebeskummer. Und Thilo Dahlmann singt keineswegs schmetternd hoch auf irgendeinem Wagen, er hält sein Timbre stets in einer gedeckten Tönung, wird nie schrill oder auch nur übermäßig hell, sondern changiert sehr facettenreich in Dunkeltönigkeiten, wobei ihm auch die Konzentration auf die geringeren Lautstärken hilfreich ist. Damit bleibt der Vortrag dieser Lieder immer bescheiden und zweifelnd, offen für verschiedene Sichtweisen. Hedayet Djeddikar hält sich sehr im Hintergrund, ist ganz Begleiter und gibt seinem Instrument nur dann Größe wenn auch wirklich genug Raum dafür besteht. Mein eigenes Schubladendenken, das ich mir hier ob des für den ersten Teil der CD ausgewählten Genres eingestehen muss wird von den beiden Musikern gehörig einkassiert, und mit dem Gesamtkonzept des Albums rücken sie diese Volkslieder in eine viel ambivalentere Position, als ich zunächst erwartet hätte.

Nach der Überleitung mit „Da unten im Tale“ finden Sänger und Pianist dann sofort in die Holocaust Lieder hinein, und stellen im süßlich beginnenden „Im Gefängnis“ die brutale Gegensätzlichkeit in Glanzbergs Kompositionen ins Zentrum ihres Vortrags. 

Hedayet Djeddikar wechselt mit organischer Selbstverständlichkeit in „Abschied“ von romantisch verklärter Melodieführung hin zu mit enervierender Permanenz bizarr wiederholend gesetzten dissonanten Akkorden. Währenddessen zeichnet Thilo Dahlmann die Melodielinie darüber sehr gefühlvoll und zerbrechlich, und so setzen die beiden erfolgreich ein Vortragskonzept um, das mir das Herz schwer macht, und das eine gute Umgebung bildet für diese Texte, die mir das immer weiter hören manchmal fast unmöglich machen. „Der Ofen von Lublin“ ist dann eine direkte, nicht verklausulierte Beschreibungen der nationalsozialistischen Gräueltaten. Dahlmann und Djeddikar fahren hier künstlerischen Ausdruck sehr weit zurück, tragen einfach nur das Lied vor ohne zu überhöhen oder Interpretation hinzuzufügen. Sie lassen nur die Worte sprechen, und das reicht vollends. Die beiden Musiker konfrontieren, zerreißen im größten vorstellbaren Spannungsfeld und deuten damit beeindruckend diese komplette, emotionale Überforderung an, die Menschen in dieser Zeit erleben mussten. 

The last Epiphany Cover

Wenn man diese CD in Gänze anhört, dann fühlt man sich ein bisschen wie in einem Zug der langsam immer tiefer in einen dunklen Tunnel fährt, der zu diesen wichtigen Erinnerungen führt, die nicht aufhören dürfen, die wir gerade in der aktuellen politischen Situation in dieser Gesellschaft immer gegenwärtig haben müssen!

Dieses Album ist ein dunkler Knall in Deinem Plattenregal, der gehört werden muss, will und darf. Der mit aller verfügbaren Erlebnisbreite großer und auch tragischer Lebensschicksale komponiert und musiziert ist, und der deshalb auch etwaigem Besuch gegenüber tief zu beeindrucken weiß.

Titelfoto © Simon-David Tschan

Das Album

Icon Autor lg
Stefan Pillhofer ist gelernter Toningenieur und hat viel Zeit seines Lebens in Tonstudios verbracht. Er hat viel Hörerfahrung mit klassischer und Neuer Musik gesammelt und liebt es genau hinzuhören. In den letzten Jahren hat sich die Neue und zeitgenössische Musik zu einem seiner Schwerpunkte entwickelt und er ist stets auf der Suche nach neuen Komponist*innen und Werken. Stefan betreibt das Online-Magazin Orchestergraben, in dem er in gemischten Themen über klassische Musik schreibt. Darüberhinaus ist er auch als Konzertrezensent für Bachtrack tätig.
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