CD-Review: Zwischen Nostalgie und Revolution

Danae Dörken und Benedict Kloeckner spielen Werke für Klavier und Cello

Benedict Kloeckner und Danae Dörken (c)SWR

 

“Na, ihr passt zusammen!”, sagte meine Mutter früher wenn ich mit einem guten Freund loszog und Streiche ausheckte. Die Streiche die die Pianistin Danae Dörken und der Cellist Benedict Kloeckner auf Ihrem Duo Debütalbum „Zwischen Nostalgie und Revolution“ vollführen sind nur weitaus angenehmer, als zu Hause sämtliche Möbel zu Pyramiden zu kombinieren (ups, das wollte ich doch gar nicht schreiben). Ein bisschen ähnlich fühlt sich das hier aber schon an. Fast scheint es diebische Freude zu sein, mit der die beiden MusikerInnen die durch ihre Kombination entstehenden Interpretationsmöglichkeiten genießen. Mittlerweile sind beide als junge MusikerInnen der Klassikszene sehr beachtet. 

Wer?

Danae Dörken kennt man bereits wegen ihrer hochkonzentrierten Interpretationsfreude, und ihr gleichzeitig sehr umsichtiges Spiel. Nach früher Förderung durch Jehudi Menuhin und Ausbildungen bei Karl-Heinz Kämmerling und Lars Vogt hat sie in vielen großen Säälen debütiert und bereits mit vielen bekannten Orchestern gespielt. Wirklich interessant und beeindruckend ist aber die Entspanntheit und Übersicht mit der sie Interpretationsentscheidungen trifft. Sie zeigt in ihrem Spiel sehr viel Kenntnis darüber, was Musik und der Vortrag im Duo in einem bestimmten Moment brauchen.

Daher ist sie eine perfekte Duopartnerin für Benedict Kloeckner, dem sein Ruf einer äusserst starken Interpretationskraft mittlerweile schon vorauseilt. Für sein Spiel braucht er Raum um zu wirken und zu gestalten, um sich auszuleben in riesigen Dynamikumfängen, in weiten Gefühlspaletten. Nach bester Ausbildung ist seine Vita bereits gespickt mit Stipendien, Preisen, Referenzen größter Orchester, künstlerischer Leitung – eine Uraufführung von Wolfgang Rihm. So viele schätzen sein Spiel, weil er immer Gestaltungsspielräume konsequent und komplett nutzt, ohne dabei zu übertreiben oder zu überfärben. Dadurch stechen seine Interpretationen gegenüber anderen heraus und berühren das Herz der Hörer. 

Was?

Und all diese Fähigkeiten können die Beiden bei „Zwischen Nostalgie und Revolution“ perfekt ausspielen. Das Gerüst der CD bilden drei Stücke von Robert Schumann, „Drei Fantasiestücke“ op. 73, „Adagio und Allegro As-Dur“ op.70 und „Fünf Stücke im Volkston“ op. 102. Hier zeigen die Beiden wie gern sie trotz aller Bandbreiten und trotz allen Feuers auch die liebevolle Beschaulichkeit romantischer Klassik gestalten und erleben. Sie schaffen eine nie klaustrophobisch werdende Intimität, die eher an ein tiefes Gespräch zwischen guten Freunden erinnert, spielen Dörken und Kloeckner doch gerade in den lebhaften Passagen der Schumann-Werke sehr erzählend, wobei gerade Danae Dörken mit ihrer Vielseitigkeit in Ausdruck und Dynamikverläufen zu erfreuen weiss. 

Wirklich zum Leuchten kommen aber die beiden moderneren Werke, die Sonate d-Moll für Violoncello und Klavier op. 40 von Dmitri Schostakowitsch und Bohuslav Martinůs „Variationen über ein slowakisches Thema“ H. 378. Gerade die Cellosonate ist für mich das Hauptwerk der CD, geht es hier doch am meisten um Vielfalt, um Gestaltungskonsequenz. Hier vereinen die beiden MusikerInnen romantischen Beginn, beissende Ironie und wilde Verzweiflung mit eindrucksvoller, musikalischer Darstellungsfreude. Die Stimmungswechsel im ersten Satz durchschreiten beide mit sehr erzählendem Ausdruck. Mal spitz pointiert, mal breit streichend gelingt der zweite Satz im Allegro richtig mitreissend. Nur der vierte Satz, auch Allegro, ist die einzige Stelle der CD, die Dörken und Kloeckner so fordert, dass sie stellenweise doch ihre starke Einheit verlieren, und getrennt durch einige schnelle Passagen hetzen. 

Sehr interpretationssicher gestalten die beiden die „Variationen über ein slowakisches Thema“ von Martinů. Und wieder ist es Vielseitigkeit, die den stärksten Anteil am Gelingen dieses Vortrags hat. Wieder malen sie die Anteile des Themas in beschaulichen Bildern, um dann – zum Beispiel in Variation 2 – unruhigere Passagen mit viel Kraft und hohen Anschlagsimpulsen zu spielen, die für Martinů typischen Harmoniken schnell, aber dennoch mit Genuss zu durchfliegen.

Warum?

Egal, ob man die Beiden schon kennt, oder ob man sie mit dieser Veröffentlichung kennenlernt, hier sitzt man einer Kammermusikeinspielung gegenüber, die in Tiefe und Räumlichkeit verblüfft, in der eine epochenübergreifende Werkzusammenstellung mit ausgefeilten Interpretationseigenschaften zu einem homogenen Gesamtbild geformt wird. Und ein bisschen fühlt es sich an, als würde man einem kleinen Stückchen Klassikgeschichte zuhören, denn es steht für mich fest: Danae Dörken und Benedict Kloeckner werden noch bemerkenswerte Karrieren durchlaufen.

 

Titel

Robert Schumann (1810-1856)
[1] – [3] DREI FANTASIESTÜCKE OP. 73

Dmitri Schostakowitsch (1906- 1975)
[4] – [7] CELLOSONATE D-MOLL OP. 40

Robert Schumann (1810-1856)
[8] – [9] ADAGIO UND ALLEGRO AS-DUR OP. 70

Bohuslav Martinů (1890-1959)
[10] – [15] VARIATIONEN ÜBER EIN SLOWAKISCHES THEMA H. 378

Robert Schumann [11810-1856)
[16] – [20] FÜNF STÜCKE IM VOLKSTON OP. 102

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