Einfach Klassik.

Einfach Klassik.

Chiaroscuro Quartet spielt Beethovens Rasumowsky-Quartette

Wenn klassische Werke, die heute für Mainstream-Publikum gut hörbar sind, bei ihrer damaligen Uraufführung Irritation und Ablehnung erzeugt haben, dann gibt mir das Hoffnung. Für unsere heutige neue Musik, die ja auch regelmäßig breite Ablehnung erfährt. Wenn man mehr Klassik hört, dann kann man diese Publikumsreaktion in den älteren Werken manchmal dennoch rückwirkend nachvollziehen. Zum Beispiel bei Beethovens „Rasumowsky-Quartetten“. Generell genießen die Quartette des Komponisten Alleinstellung in Bezug auf Fortschrittlichkeit, Komplexität und Kompositionskunst. Bei den drei „Rasumowsky-Quartetten“ war das besonders ausgeprägt, und auch beim heutigen Hören erlebe ich das, bei passender Darbietung– wie sie das Chiaroscuro Quartet auf seinem aktuellen Album zeigt.

Beethovens Rasumowsky-Quartette im historischen Kontext

Das junge Chiaroscuro Quartet hat sich mittlerweile viel Aufmerksamkeit erspielt und veröffentlicht eine Aufnahme nach der anderen, in diesem Fall die beiden Quartette Op. 59 No. 1 und 2. Ein weiterer Grund, sich das mal anzuhören. Denn die vier Musiker*innen sind nicht irgendein Streichquartett, sie spezialisieren sich auf Wiener Klassik und frühe Romantik mit besonderer Aufführungspraxis, spielen auf Darmsaiten und historischen Bögen. Und das ermöglicht die Darstellung der Besonderheiten dieser Beethoven-Quartette, mich in erster Linie Komplexität. Besonders deutlich wird das im vierten Satz „Allegro (Thème russe)“, der für den Widmungsträger Graf Rasumowsky ein russisches musikalisches Thema integriert. Hier gehen die vielen, kraftvollen Stimmen eindrucksvoll in die Breite, und die Musiker*innen erstellen einen wirklich großen Aufbau im Raum. Auffällig ist auch die hohe Impulshaftigkeit in den Tonanfängen und den Dynamikunterschieden. Mit beherztem Spiel gehen die Streicher voll in die Intensitäten und agieren sehr kraftvoll.

Chiaroscuro Quartet Beethoven Rasumowsky Quartette Cover

Historische Spielweise und klangliche Intensität

Jedoch stehen dieser grundsätzlichen Herangehensweise die vielen leisen Passagen gegenüber, die das Quartett mit beeindruckender Zurückhaltung musiziert. Takteweise scheinen die vier regelrecht abzutauchen, unter einer Oberfläche zu spielen. Und das verstärkt dann noch die hohe Bandbreite in den Lautstärken, die insgesamt auf dem Album sehr beeindruckend ist, genauso wie spieltechnische Details, zum Beispiel die sagenhafte Synchronität, mit der Steigerungen ausgeführt werden. Es wirkt fast so, als ob die Instrumentalist*innen gemeinsam gesteuert werden. Aber es ist nicht nur das synchrone Zusammenspiel, mich begeistert auch die Selbstverständlichkeit, mit der Melodien während ihres Laufs im Abschwellen von Stimme zu Stimme weitergegeben werden. Das erfordert geübtes Zusammenspiel, gute Einstellung des Ensembles und letztlich viel Arbeit.

Dynamik, Präzision und Ensemblekultur

Die sind die Vier vom Chiaroscuro Quartet aber auf jeden Fall bereit zu machen. Egal, ob man sich mehrstimmig in intensiven Akkordkaskaden abarbeitet oder ob viel Energie in elegische, halblaute Einzelstimmen gelegt wird, ich habe den Eindruck, dass mit viel Herz musiziert wird.

Chiaroscuro Quartet, Foto © Joss McKinley
Chiaroscuro Quartet, Foto © Joss McKinley

Dies gilt auch für das Quartett No. 2, in dem die breiten musikalischen Themen richtig stark in den Raum gestellt werden. Die für damalige Verhältnisse hohe Radikalität dieser Komposition kommt dadurch sehr gut zum Ausdruck, gerade im ersten Satz „Allegro“ herrscht zeitweise monumental blockhafte Größe.

Zwischen Radikalität und tänzerischer Leichtigkeit

Die vielen englisch verschmitzten Melodien im dritten Satz „Allegretto – Maggiore (Thème russe)“ kommen sowohl mit Augenzwinkern als auch mit tänzerischem Schwung bei mir an, und ich möchte fast mitschunkeln. Das ist Musik, die wirklich bewegt!

Für Beethoven-Quartette bin ich immer zu haben, und für Ausführungen wie die des Chiaroscuro Quartetts erst recht. Dieses Album ist eine gute Überraschung für alle, die bei Beethoven zunächst an vieles andere denken als an Streichquartette.

Titelfoto © Joss McKinley

Das Album

Icon Autor lg
Stefan Pillhofer ist gelernter Toningenieur und hat viel Zeit seines Lebens in Tonstudios verbracht. Er hat viel Hörerfahrung mit klassischer und Neuer Musik gesammelt und liebt es genau hinzuhören. In den letzten Jahren hat sich die Neue und zeitgenössische Musik zu einem seiner Schwerpunkte entwickelt und er ist stets auf der Suche nach neuen Komponist*innen und Werken. Stefan betreibt das Online-Magazin Orchestergraben, in dem er in gemischten Themen über klassische Musik schreibt. Darüberhinaus ist er auch als Konzertrezensent für Bachtrack tätig.
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