Texte, die über den Pianisten Christian Blackshaw geschrieben wurden, begeistern sich über nicht weniger als einen Poeten am Klavier. Viele Vorschusslorbeeren für einen Musiker, den ich zum ersten Mal spielen höre.
Eigentlich komme ich aber anders in Kontakt mit Blackshaw. Sein neues Album „A Moment in Time“ (Stücke aus Franz Schuberts Spätwerk) schlummert in meiner riesigen Klavier-Playlist, in der ich manchmal ganz bewusst uninformiert höre, während ich andere Dinge mache, damit mich besondere Aufnahmen durch das Alltagsgeschäft hindurch sozusagen „anspringen“ können. Als dann irgendwann Blackshaw drankommt, fällt mir fast der Wäschekorb aus den Händen, und ich muss mich setzen. Moment mal, wie kann man denn so Klavier spielen, so – leise!? Der englische Pianist lässt die leisen, wunderschönen Melodien des „4 Impromptus, D.899 – III. Andante (Ges-Dur)“ richtig in den Filzen der Klavierhämmer sterben und verlangsamt dabei das Tempo so, dass ich sehr ergriffen bin.
Christian Blackshaw und die Kunst des Leisespiels
Es ist eine Sache, die ganz kleinen Dynamikunterschiede und -stufen steuern zu können, und es ist eine andere, die feine Agogik gesteuert spielen und reproduzieren zu können. Beides beginne ich in meinem persönlichen Klavierspiel nicht mal anzudenken. Wirkliche Meisterschaft ergibt sich aber dann, wenn Pianist*innen beide Gestaltungsdimensionen in einem einzigen Vortragskonzept koppeln und konzertieren können. Christian Blackshaw tut das automatisch und bringt zusätzlich noch die in beiden Händen differierende Mikro-Agogik mit dazu, durch die Melodien dann endgültig berührend modelliert werden. Und so spielt der Pianist besagtes Impromptu höchst emotional, lässt Verletzlichkeit und sogar Zerbrechlichkeit zu. Er öffnet an der Klaviatur wirklich sein Herz und erzählt auch aus seiner eigenen Lebensgeschichte.

Das sind wohl die wertvollsten Momente im Menschenleben, wenn jemand dir sein Herz öffnet, sei es in Sprache oder in Musik. Dieser enorme emotionale Schritt reicht aber nicht aus, um diese musikalische Leistung zu erzielen. Es braucht eben auch die technische Handwerkskunst, zum Beispiel wenn Christian Blackshaw gleich von Beginn des Impromptus an die unterhalb der Melodielinie laufenden Teilostinati genau so dosiert, dass sie gerade noch in der Klaviermechanik getragen und damit hörbar bleiben und gleichzeitig gerade genug, aber auf keinen Fall zu viele hohe Frequenzen haben. Das ist nicht weniger als ein sehr beeindruckendes, berührendes Erlebnis und spieltechnisch meisterhaft. Dabei fällt mir durch das Spiel des Pianisten dann auch eine weitere Besonderheit dieses Stücks auf. Anders als viele andere Werke kann man bei diesem Impromptu über die komplette Länge die Melodie mitsingen, es gibt keine kontrastierenden Teile oder Abschnitte. Eine Möglichkeit, die ich mittlerweile bei Blackshaws Aufnahme sehr gerne nutze.
Mikro-Agogik und emotionale Gestaltung
Das auch höchst bekannte „4 Impromptus, D.899 – IV. Allegretto (As-Dur)“ gestaltet der Pianist ohne Fokus auf die leicht gestiegenen technischen Anforderungen. Die hohen Melodien perlen mit der ureigenen blackshaw’schen Entspanntheit, und gerade die oktavierten Läufe nach unten spielt er mit genau dem richtigen Nachdruck. Aber auch die lauteren Partien bleiben immer in dieser charaktereigenen Gedecktheit, die für mich Bescheidenheit und Demut vor der Musik zum Ausdruck bringt.
Schuberts D.960 in neuer Zerbrechlichkeit
Bei diesem Albumkonzept darf aber natürlich nicht Schuberts große B-Dur-Sonate D.960 fehlen. Vielleicht das berühmteste Stück und von einigen als das schönste Klavierstück überhaupt bezeichnet. Bei sehr vielen existierenden Aufnahmen wird es da natürlich noch mal spannend, aber mein Eindruck aus dem ersten Teil von „A Moment in Time“ wird nicht enttäuscht. Im Gegenteil, er wird noch verstärkt. Ich habe die Sonate tatsächlich so noch nie gehört, Blackshaws Tempovariation ist konsequent zögernd, zieht er im Tempo mal an, dann nimmt er sich einige Takte später gleich wieder zurück, und allein das bringt die Schönheit dieses Werkes auf eine Weise zutage, die ich bisher nicht für möglich gehalten hätte. Eigentlich kaum vorstellbar, man muss es hören. Denn auch in der Sonate gestaltet der Pianist die feinen, leisen Dynamikunterschiede so gekonnt und auf den Punkt, dass ich glauben möchte, im Leisespiel läge die wahre Kunst der Pianist*innen.
Dieses Album ist ein Meilenstein, und ich möchte jeder und jedem dringend ans Herz legen, das zu hören. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, wie intensiv man Musik erleben kann.


