Einfach Klassik.

Einfach Klassik.

Colin Currie Group in der Elbphilharmonie

Die Colin Currie Group mit Werken von Steve Reich ist immer ein komplettes Paket. Wir lieben es ja alle, wenn ein Plan funktioniert. Das tat er auch diesmal wieder, beim Konzert des auf die Werke des amerikanischen Minimalkomponisten spezialisierte Ensembles aus London in der Hamburger Elbphilharmonie. Mit von der Partie war zudem das auch mit Fokus auf Reich ausgestattete Vokalensemble Synergy Vocals.

Steve Reichs Musik ist für mich immer ein bisschen Wohlfühlprogramm. Der mathematische Charakter des minimalistischen Stils gibt Struktur beim Hören, die verwendeten Harmoniegerüste garantieren fast immer gefällige Klangbilder mit genau der richtigen Prise an Experimenten, und die ethnischen und religiösen Bezüge bringen Abwechslung und inhaltliche Nahrung für den Geist. Und auch an diesem Konzertabend ging das Konzept voll auf.

In guter Abstimmung

Mit „Runner“ begann die Colin Currie Group ein neueres Werk des Komponisten, an dem man die Übertragung minimalistischer Kompositionsprinzipien auf ein größeres Ensemble gut beobachten kann. Diese Aufgabe begleitet Reich ja schon Jahrzehnte, und das notwendige Etablieren verschiedener Ebenen im Spiel eines größeren Ensembles führte der Klangkörper sehr bildhaft aus. Von Beginn an fiel mir jedoch auch ein besonderer Charakterzug der Colin Currie Group auf, denn die Musiker*innen handelten in der Interpretation fast immer mit großer Vorsicht. Die Klaviere gaben bestimmt, aber nicht zu vordergründig den Puls des Stücks, worüber sich dann Bläser und Vibraphone in Sphären treffen und vereinen konnten. Die Vibraphone agierten dabei in guter Abstimmung zueinander, und gestalteten die Wechselfiguren sehr akkurat. In der Zwischenzeit spielten die Bläser ihre Melodien mit guter Einordnung in Raum und Gesamtklang, wobei die Flöten genau das richtige Maß ihres Timbres beisteuerten. Die Klarinetten konnten mich dann noch mit besonders leiser Anblastechnik begeistern, und zeigten so einmal mehr auf, dass es beim Spiel der Colin Currie Group auf die Details ankommt, die zusammen mit der so behutsamen Interpretation den großen Respekt herausstellten, den Ensemble und Dirigent vor Reichs Werk haben.

Ein weiteres neues Werk, „Traveler’s Prayer“, das als Kompositionsauftrag von u.a. der Elbphilharmonie Hamburg, der Colin Currie Group und von Synergy Vocals 2020/2021 entstanden ist, zeichnete sich durch die Begleitung zweier Sänger des Vokalensembles aus. Der Gesang basiert auf einem kurzen Textauszug aus der Genesis, dem Exodus und den Psalmen, womit der Komponist Steve Reich sich nach dem in der zweiten Konzerthälfte vorgetragenen “Tehillim” abermals auf jüdische Traditionen berief. Die Sänger standen dann auch gut in der musikalischen Führungsrolle, als gleichzeitig das Ensemble engagierte Arbeit bei der Gestaltung der vielen, stehenden Tonintervalle leistete. Gerade die Sekundintervalle wurden manchmal instrumentengruppenübergreifend mit fast schon enervierender Persistenz gesetzt. Besonders spannend war es dann noch für mich, zu erleben, wie das Ensemble im weiteren Verlauf des Werkes die changierenden Harmoniekaskaden immer mehr und eindrucksvoller auf der Bühne verschob. Schon da zeigten die Musiker*innen, wie sie Reichs Werke über deren Verlauf wachsen lassen können.

Noch mehr Charakter

Nach der Pause stand dann mit “Tehillim” ein älteres Werk aus dem Jahr 1981 auf dem Programm, in dem der Komponist Reich über das Thema der Psalmen Bezug auf sein jüdisches Erbe nimmt. Und diese wurden von den Frauenstimmen der Synergy Vocals in erstaunlicher Vielfalt dargeboten. Auch wenn die Einzelstimmen leicht gegeneinander verschoben ins Gesamtensemble eingebettet waren, so konnten die Sängerinnen doch die unterschiedlichen Charaktere ihrer Stimmen leben und wirken lassen. Dies gab dem Vortrag dann noch mehr Charakter, als er durch die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Musiker*innen ohnehin schon hatte. 

Colin Currie Group, Foto: Claudia Höhne
Colin Currie Group, Foto: Claudia Höhne

Und nach einigen Minuten wurde klar, mit welch feiner Abstimmung die unterschiedlichen Instrumentengruppen der Colin Currie Group dieses musikalische Kontinuum erzeugten. Immer wieder begeisterten die Musiker*innen mit Kleinkooperationen, wie zum Beispiel zwischen Klarinette und Percussion, oder als die Sängerinnen zusammen mit der Klarinette musikalische Geschichten gut ausgestaltet erzählten, was später dann Klarinette und Oboe übernahmen. Im weiteren Verlauf waren es dann Sängerinnen und Oboen, die die Melodiestimmen stark in den Raum platzierten, während dahinter die Percussion ostinativ die rhythmische Basis stellte.

Colin Currie Group mit starkem Schluss

In Satz III und IV erzeugte das Ensemble dann Spannung mit bewusst langen Tonansätzen und Einschwingphasen, wobei die Xylophone mit ihren verhaltenen Ostinati, und die Streicher mit breit und cineastisch getragenen Akkorden auffielen. So steigerte sich die Intensität immer mehr, und immer mehr Körpereinsatz wurde bei den Musiker*innen sichtbar, bis sie in der Schlussoffensive mit vielen Ornamenten, Elementen und Einzelsteigerungen diese groß wachsende Musik spielten, die sich hoch in den Konzertsaal erhob.

Tosender Applaus des Publikums war die Folge nach dem Schlussakkord, und so war es doch wieder einer dieser kuscheligen, bewegenden und begeisternden Steve-Reich-Abende, die ich so schätze.

Die Veranstaltung

Dienstag, 26.10.2021
20 Uhr

Besetzung:
Colin Currie Group
Synergy Vocals

Programm: Steve Reich
Runner
Traveler’s Prayer
Tehillim

Icon Autor lg
Stefan Pillhofer ist gelernter Toningenieur und hat viel Zeit seines Lebens in Tonstudios verbracht. Er hat viel Hörerfahrung mit klassischer und Neuer Musik gesammelt und liebt es genau hinzuhören. In den letzten Jahren hat sich die Neue und zeitgenössische Musik zu einem seiner Schwerpunkte entwickelt und er ist stets auf der Suche nach neuen Komponist*innen und Werken. Stefan betreibt den Orchestergraben-Blog, wo er in gemischten Themen über klassische Musik schreibt. Darüberhinaus ist er auch als Konzertrezensent für Bachtrack tätig.
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