„Crossover als Befreiung“ – Rezension und Interview zu Oliver Mascarenhas neuem Album

Von Katja Zakotnik


„Ich bin ein Beschenkter“, sagt Oliver Mascarenhas mit dem ihm so typischen breiten Lachen in unserem Online-Interview. Und man merkt schnell, dass es genau diese Einstellung ist, die sein Schaffen so hörenswert macht. Sein Album zeugt vor allem von einer Eigenschaft: sich Neuem zu öffnen und bisweilen auch bedingungslos hinzugeben.

Das Cellokonzert von Friedrich Gulda hat seit seiner Uraufführung 1981 durch den Cellisten Heinrich Schiff viele Interpreten gefunden. Die meisten haben nicht besonders viel Neues hinzugefügt; möglicherweise ist das, hält man sich an den Notentext, auch gar nicht wirklich möglich. Komponist Moritz Eggert schrieb in seinem Blog über Gulda sogar: „Dennoch ist sein Cellokonzert, […] einfach shit.“

Oliver Mascarenhas ist anders

Oliver Mascarenhas beweist erfrischend das Gegenteil. Erstens, weil er sich gar nicht immer an einen Notentext hält (gemeint ist die Kadenz, dazu später) und zweitens, weil er über 25 Jahre lang immer wieder mit diesem Werk kollidiert ist.

Dabei könnte man meinen, dass jemand, der hauptamtlich im Orchester spielt (NDR Radiophilharmonie Hannover) und ein – wie es die Orchestermenschen liebevoll nennen – „Tuttischwein“ ist, eher die Eigenschaft besitzen sollte, mit nicht allzu vielen neuen Ideen daherzukommen.

Oliver Mascarenhas Porträt 1


Nicht so Oliver Mascarenhas, der seit eh und je auf Wegen abseits der Klassik wandert. Durch seine Mutter, die Musiklehrerin war und seinen Vater, einem indischen Cellisten, war schon der Grundstein mit einer breiten Vielfalt an Musik gelegt.

Trotzdem frage ich ihn, ob ihn die Aufnahme der Uraufführung mit Heinrich Schiff am Cello beeinflusst habe. „Lange Zeit hatte ich sie im Hinterkopf“, beantwortet er meine Frage, „aber dann bin ich mit dem Stück gewachsen, 25 Jahre lang.“

Das ist von Beginn des Albums an zu hören. Den ersten Satz des Konzerts spielt Oliver Mascarenhas sportlich, jazzig, schnittig – eben nicht wie Heinrich Schiff. Das klingt vielmehr nach dessen weißem Porsche. Mascarenhas‘ Erfahrung im Jazz ist sofort zu spüren: sein Ton ist wendig, seine Akzente spritzig und er ist gefühlt immer auf der vorderen Stuhlkante, während er sich die typisch jazzige Coolness behält und somit lange Phrasen bildet.

Klangwarmer Beginn

In all diesen Attributen findet Mascaranhas in dem Bläserensemble der NDR Radiophilharmonie ein wunderbares Pendant. Es spielt transparent, geschmeidig und nie überladend. Man merkt, dass diese Aufnahme keine Neu-Einstudierung war, sondern ein Stück, das bereits zusammen musiziert wurde (2006, Musiktag Hannover). 

Für den überaus klangwarmen Beginn des zweiten Satzes möchte man die tiefen Bläser küssen, auch wenn es eine Zehntelsekunde braucht, bis die Akkorde sauber stehen. Hier sei mit großer Bewunderung bemerkt, dass es sich im Großen und Ganzen um eine Live-Aufnahme mit kleinen Korrekturen am nächsten Tag handelte, das Album wurde also in nur zwei Tagen aufgenommen. Gleichwohl wäre eben in jenem zweiten Satz für die große Cellokantilene ein etwas saftigeres Vibrato des Cellisten denkbar gewesen, das ist allerdings Geschmackssache. Ebenso wären dramatischere Farben denkbar, wenn das Cello den Ländler, den Gulda hier einkomponiert hat, unterbricht. Der Ländler selbst kommt durch die Bläser herrlich tänzerisch daher.

Das eigentliche Herzstück des Werkes ist die „Cadenza“. Generell sind Kadenzen dazu gedacht, den Solist:innen die Möglichkeit zu geben, ihr Können auszuschöpfen. In diesem Fall haben Oliver Mascarenhas und das Ensemble gemeinsam von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht und die zu improvisierenden Teile in ein Feuerwerk des Crossover verwandelt. Was hier passiert, ist ein Konzert im Konzert, dessen Inhalt keiner vermuten kann und in dem man sich mittendrin fragt, ob man vielleicht versehentlich die Tickets vertauscht hat und in einem Event der Band „Apocalyptica“ gelandet ist. Wer Musik aller Genres liebt, wird hier restlos begeistert werden.

Zarte Seiten

Es folgt ein Menuett, bei dem das Bläserensemble seine zarteste Seite präsentieren kann und so tut es auch Oliver Mascarenhas in seinen sicheren hohen Lagen. 

Der vierte Satz, „Finale alla marcia“, ist hingegen eher bekannt für die Assoziation eines Bierzelts, von Lederhosen und der (nach einigen Maß Bier) unvermeidlichen Schwere. Doch auch in diesem Satz beweist das Bläserensemble stattdessen Eleganz, während Oliver Mascarenhas sich fröhlich durch die sehr virtuosen Takte schwingt. Diese Musiker haben nicht nur allesamt Spaß, sondern sie fordern sich gegenseitig zum Tanz auf – ein Aspekt, den man selten in diesem Konzert hört, der aber dem Ganzen einen großen Reiz verleiht und sehr gut gelingt.

Die CD findet eine würdevolle Ergänzung mit drei Stücken des Komponisten Nikolai Kapustin für Violoncello und Klavier. Mit Johannes Nies am Klavier ist diese Musik einfach herrlich anzuhören und beim Blick in die Vita des Pianisten erscheint es direkt logisch, dass dieser sein Konzertexamen bei Prof. Markus Becker abgelegt hat, der sowohl in der Klassik als auch im Jazz beheimatet ist.

Oliver Mascarenhas Porträt 2


Wie bei Gulda, genießt man auch bei den Werken von Kapustin Oliver Mascarenhas‘ jazzigen Schwung und sein Gefühl für Jazzharmonie, wenn er in den langsamen Sätzen phrasiert. Auch wenn er selbst sagt: „Die Verbindung Jazz-Klassik habe ich nie als Theorie empfunden, sondern als Projekt.“ 

Mit Projekten kennt er sich aus: Neben Jazz war es ein Schauspielstudium, das ihn geprägt hat und wen wundert es, dass dieser Mann auch rappt (2008: „Battle“ für einen rappenden Orchestermusiker, Band und Streichsextett) und auch nicht davor zurückschreckt, eine Casting-Show zu parodieren („Germany‘s Next Supersearch“, 2012).

Kurz gesagt: sowohl den Cellisten kennen zu lernen als auch dieses Album zu hören, lohnt sich in vielerlei Hinsicht. Wer Oliver Mascarenhas begegnet, wird sich seiner charmanten Offenheit nicht entziehen können, sowohl musikalisch als auch persönlich. Und sollten Sie darüber hinaus auch den Jazz lieben, dann freuen Sie sich, dass es eben seine Neugier war, die dem Album einen einzigartigen Abschluss verleiht: Mascarenhas fand im Archiv vier bisher unveröffentlichte Jazz-Aufnahmen von Gulda persönlich.

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