Die Melodie mit Orchesterbegleitung war mir als Genre der klassischen Musik bisher tatsächlich auch nicht geläufig. In der zweiten Hälfte des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden, haben sich viele namhafte Komponist*innen wie Charles Gounod, Augusta Holmès, Gabriel Fauré, Jules Massenet, Camille Saint-Saëns oder César Franck der typisch französischen Gattung gewidmet, indem sie poetische Texte in eine Gesangstimme mit Orchesterbegleitung gewandelt haben. Die kurzen Stücke sind zwischen den Welten der Oper und der Salonmusik angesiedelt, und da es hier viele vergessene Schätze zu finden gibt, hat sich der französische Tenor Cyrille Dubois, auch unterstützt durch externe Forschungsarbeit, dem Genre angenommen und eröffnet uns eine ganz und gar zauberhafte und überraschende Musikwelt.
Die französische Mélodie als vergessene Klangwelt
Begleitet wird er dabei vom Brussels Philharmonic unter der Leitung von Pierre Dumoussaud, ein nicht zu unterschätzender Teil dieser Aufnahme. Das Orchester zeigt mir eine große Bandbreite an orchestralen Möglichkeiten, ob es nun wie in „Embarquez-vous“ aus den 12 Mélodies, Op. 11 von Benjamin Godard wirklich szenisch malt, aufbaut und gestaltet, ob es in „Ma belle amie est morte“ von Charles Gounod symphonische Breite und Größe erschafft oder in „Ne nous oubliez pas“ von Augusta Holmès auf kleinerer Skala sehr tänzerisch spielt, es scheint immer zu Hause zu sein in dem, was es tut, wirkt im Metier.
Zudem fällt mir besonders der weiche, runde Klang auf, den das Ensemble in verschiedenen Instrumentengruppen kultiviert, wozu ganz geschickt auch Synergien genutzt werden, wenn sich die Violinen von kurzen Abschlägen der Kontrabässe tragen lassen oder wenn vogelähnliche Melodiefetzen in den Flöten die langen Töne der Klarinetten komplementieren. Denn die Arbeit für das Orchester ist trotz der Kürze der Stücke sehr vielschichtig. In der wenigen Zeit müssen immer wieder schnell hintereinander neue musikalische Szenen aufgebaut werden, müssen die Instrumentengruppen schnell wieder neu gegeneinander balanciert werden. Auch wenn das für Hörer*innen noch weniger auffällig ist, für Pierre Dumoussaud gibt es da ordentlich zu tun, und für meine Ohren gelingt das durchweg! Nun geht es auf dem Album hauptsächlich um Melodien, die natürlich als Thema hauptsächlich der Solo-Gesangsstimme zugeordnet sind, aber das stimmt so nicht immer. Oftmals liegen die starken, einprägsamen Tonfolgen auch beim Orchester, und auch da erfreut das Brussels Philharmonic mit Gespür und Fokus auf diese Abschnitte, gerade die zweistimmigen Melodien sind immer sehr wirkungsvoll in Szene gesetzt.
Das Brussels Philharmonic als klangstarker Partner
Und das bringt eine sehr schöne Verbindung zum Hauptakteur des Albums, dem Tenor Cyrille Dubois. Der bereits sehr opernerfahrene Sänger begeistert sich zudem sehr für romantische Kammer- und Orchestermusik. Die Herausforderung und Verantwortung als „Mélodiste“ auf „SO POÉTIQUE“, die starken musikalischen Themen und Geschichten in Abstimmung mit einem Orchester umzusetzen, nimmt er gerne und mit Bravour an. Seine klare und sowohl weich als auch durchsetzungsfähig agierende Stimme wirkt ideal für dieses spezielle Sujet. Er kann gerade in den lauteren, höheren Passagen sein Timbre wirkungsvoll variieren und damit bewusst zwischen den Klangfarben changieren.
Cyrille Dubois und die Kunst der Tongestaltung
Ein weiterer großer Vorteil bei Dubois auf diesem Album ist der sparsame Einsatz von Gesangstechniken wie Vibrato, das ermöglicht ihm, feine Unterschiede zu setzen, gerade in weicheren Tönen. Und das bringt mich dann zum übergeordneten Thema der Tongestaltung des Sängers. Seine Möglichkeit, in langen Noten den Tönen wirklich Topographien zu geben, macht seinen Gesang sehr erzählend, Fähigkeiten, die man als Opernsänger sicherlich lernt, aber das Maß an Perfektion ist dabei dennoch nicht selbstverständlich. Da intoniert er weich, aber auch etwas heroisch in „Chanson d’automne“ aus Mélodies, Op. 13 von Louis Vierne, und stellt sich dann im bereits erwähnten „Embarquez-vous“ ganz auf die Opernbühne mit perfektem Vibratoeinsatz und idealer Gestaltung im mittelhohen Timbre.

Einzig in manchen tieferen Lagen bei geringerer Lautstärke würde ich mir etwas mehr Stütze und Tonpersistenz wünschen, aber das fällt nur bei genauem Hinhören auf.
Cyrille Dubois, Pierre Dumoussaud und das Brussels Philharmonic erhellen die ständige Klassik-Veröffentlichungsmaschine mit einem überraschenden Album und einem fast schon komplett neuen Genre. Dazu ist die Ausführung auch noch höchst kunstvoll und musizierfreudig! Ein Lieblingsstück in der aktuellen Plattensammlung!


