Das London Symphony Orchestra unter seinem Dirigenten Sir Simon Rattle auf Tour

Das London Symphony Orchestra unter seinem Dirigenten Sir Simon Rattle
London Symphony Orchestra, Foto: Mark Allan

Das London Symphony Orchestra unter seinem Dirigenten Sir Simon Rattle ist nach Start in London nun auf Tour, natürlich mit einem Stop in der Hamburger Elbphilharmonie. Dem nicht genug, fährt auch noch der dem Orchester angeschlossene London Symphony Chorus, sowie die drei Solisten Elsa Dreisig, Sopran, Pavol Breslik ,Tenor und David Soar, Bass mit, schliesslich wird mit “Christus auf dem Ölberge” Beethovens einziges Oratorium gespielt. Für den ersten Teil des Konzertabends hatte Rattle das Violinkonzert von Alban Berg bestimmt, und mit Lisa Batiashvili eine äusserst erfahrene Solistin dafür engagiert.

Requiem?

“Dem Andenken eines Engels”, das Thema des Violinkonzertes ist die Erinnerung an die 18-jährig verstorbene Manon Gropius, deren Tod durch Kinderlähmung auch Alban Berg tief getroffen hatte, und der dem Komponisten das Thema für das schon längst von Louis Krasner angefragte Konzert gab. Die Verwendung von Kärntner Volksweisen geben möglicherweise einen autobiografischen Bezug zu einer früheren Liebschaft des Komponisten, und eröffnen die vielschichtige Ausrichtung dieses Musikstückes. 

Batiashvili entschied sich den Einstieg mit geraden, fast nüchtern angesetzten Tönen zu gestalten, ging aber bald in den Einsatz von stärkerem Vibrato über. Ihr zur Seite standen dann bald die Klarinette und Bassklarinette, die mit vollem Ton Akzente setzten und dabei in Interaktion mit der Solistin gingen, und mit der Zeit kamen auch die Hörner klug unterstützend hinzu. Beeindrucken konnten auch die 1. und 2. Geigen, die gerade in den Akkordverläufen äusserst synchron agierten. 

 

Blickwinkel und Aspekte

Immer intensiver erzählte Batiashvili schon im ersten Satz, ging in der Körpersprache weitere Bewegungen ein, um dann im zweiten Satz die Bandbreite zwischen weich gestellten hohen Lagen und kräftig gemalten dunklen Farben gut zu füllen. Dabei versuchte sie mit wohlüberlegtem Einsatz von Vibrato die unterschiedlichen Blickwinkel auf das Werk pittoresk zu transportieren, und trotz mancher, hoher Vortragsintensität bemühte sich die Solistin im Kosmos ihrer eigenen Interpretation zu bleiben und war dabei insgesamt auf Ausgewogenheit bedacht. Trauer ist Schmerz und Verzweiflung, man stellt mehr Fragen, als man Antworten bekommt. Diese Aspekte fehlten in Batiashvilis Spiel leider weitgehend. Anstatt mit etwas mehr Risiko eigene Verbindungen zur Bedeutung dieser Musik zu etablieren und herauszustellen, und ihrem Vortrag so eine einzigartige Alleinstellung zu verleihen, suchte die Geigerin eher die geschlossenen Enden und klaren Zusammenfassungen, was bei einem solch häufig aufgeführten Werk zu viel Raum Spekulation lässt. 

Gleichwohl hielt Sir Simon Rattle trotz der für ein Solokonzert üblichen Zurückhaltung oft intensiven Kontakt zur Solistin, und stellte zusätzliche Verbindungen zum Orchester her. Steuerte vor allem im zweiten Satz das gesamte Ensemble langsam immer höher auf das Ende hin, was bis zum Schlussakkord auch gut funktionierte. Als möglicher Hinweis auf das Alter der Verstorbenen Gropius besteht Dieser aus 18 verschiedenen Tönen, die als letztes Ereignis langsam aufgeschichtet werden, was vom Orchester aber leider etwas zu schnell übergangen wurde.

Ein großer Aufbau

Für Rattle intensiver wurde dann die Vorstellung des einzigen Oratoriums von Ludwig van Beethoven “Christus am Ölberge”. Präsent und engagiert führte er durch die vielen verschiedenen Intensitäten mit weiten Armbewegungen, die von seinem charakteristischen Kopfschütteln begleitet wurden. 

Das London Symphony Orchestra unter seinem Dirigenten Sir Simon Rattle
Lisa Batiashvili, Foto: Chris Singer

Tenor Pavel Breslik, mit der Hauptrolle betraut, konnte gleich nach der Introduktion die Aufmerksamkeit im Saal mit voller Klangfarbe und in angenehmem Maße standhafter Lautstärke auf sich lenken. Die eher diffizile Aufgabe seine Singstimme an alle Plätze im Saal zu transportieren gelang ihm erfeulich gut. Und auch Elsa Dreisig fügte sich mit ihrem für eine Sopranistin eher dunkeltönigen Timbre geschickt sowohl in den Saalklang als auch in das Orchester ein. Dabei beeindruckte sie mit Details, wie der Technik, die letzte Energie von Formantverläufen durch die seitlich geöffneten Mundwinkel entweichen zu lassen, wodurch sie ihrer Rolle noch mehr Beweglichkeit und Persönlichkeit verlieh. Später im Werk bewies sie immer wieder in beeindruckendem, aber angenehmem Klangvolumen wie entkoppelt ihre Gestaltungsmöglichkeiten von ihrer originalen Stimmlage sein können.

Fulminanter Schluß

Der mit ungefähr 130 Sänger*innen stark besetzte Chor fuhr bei seinem Einsatz zunächst die ihm innewohnende, symphonische Gewalt aus, blieb aber dennoch sehr agil in der Tonansprache. Nur eine noch höhere Artikulationsgenauigkeit hätte im weiteren Verlauf dem Chor noch ein ganzes Stück mehr Charakter gegeben.

Rattle kam dann zum Ende hin immer energischer in den Vortrag, und gab trotz seiner sehr gruppenübergreifenden Leitung, vor allem den Streichern die Möglichkeit ihre hohe Synchronität auszuspielen. Schliesslich führte er das gesamte Ensemble zu einem genregemäß kräftigen Oratorienfinale, wobei einige Gruppen, vor allem Chor und Bläser nochmal glänzen konnten.

Programm

Alban Berg
Konzert für Violine und Orchester »Dem Andenken eines Engels«


– Pause –

Ludwig van Beethoven
Christus am Ölberge / Oratorium für Soli, Chor und Orchester op. 85

Besetzung

London Symphony Orchestra
London Symphony Chorus
Lisa Batiashvili Violine
Elsa Dreisig Sopran
Pavol Breslik Tenor
David Soar Bass
Sir Simon Rattle Dirigent

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