WDR Sinfonieorchester, Leitung: Patrick Hahn; Ilya Gringolts (Violine), Trio Catch. Werke von Berio, Gervasoni, Ivičević, Urquiza. Kölner Philharmonie, 7.11., 19 Uhr.
Ein Rauschen verdichtet sich. Tonfolgen wandern durch alle Register, robustes Blech mischt sich mit schneidenden Trompeten. Unruhe breitet sich aus – aber zugleich gibt es so etwas wie Halt. Bei aller klanglichen Unvorhersehbarkeit bleibt Berios „Bewegung“ (1971) repetitiv, ja logisch. Ein Standard der Neuen Musik, wenn es so etwas überhaupt gibt. Das WDR Sinfonieorchester unter Patrick Hahn spielte das Stück am Freitag in der Kölner Philharmonie zum Auftakt eines Abends für den im Oktober 100 Jahre alt gewordenen Komponisten.
Einen solchen Klassiker als Opener zu setzen war kein Zufall. Berios Bewegungsstück fungierte als Sprungbrett in die Gegenwart einer jungen Komponistenszene, die sich nicht unterkriegen lässt. „Musik der Zeit“, 1951 gegründet (damals stand Igor Strawinsky am Pult!), dokumentiert das seit über siebzig Jahren. Die produktive Routine der Uraufführungen läuft nach wie vor wie geschmiert.
Bei Berio ist es die barocke Passacaglia, die er mit zeitgenössischen Mitteln neu belebt. Die Kunst liegt in der Verdichtung orchestraler Klangmischungen. Instrumentengruppen verschmelzen und trennen sich, neue Farben entstehen aus unerwarteten Kombinationen. Das Orchester lieferte einen respektablen Einstieg – auch wenn hier noch Luft nach oben war. Es wurde im Verlauf des Abends besser, dringlicher.
Alte Formen als Gefäße für neue Freiheiten – das war das verbindende Prinzip des Abends. Stefano Gervasoni zeigte es mit „TACET“ (deutsche Erstaufführung), seiner ironischen Lesart des Violinkonzerts. Die Hierarchie zwischen Solist und Orchester wird bei ihm radikal demokratisiert. Das Orchester darf sogar bei der Kadenz mitmachen, diesem heiligen Moment der traditionellen Solistenherrschaft. Ilya Gringolts an der Violine war der passende Protagonist für dieses Spiel voller bebender, unruhiger Energie. So geht Dialog auf Augenhöhe.
WDR Sinfonieorchester – von Flageolett zu dionysischem Ausbruch
Die Kölner Philharmonie verweigert sich dem rechtwinkligen Schuhkarton-Prinzip. Das Publikum im Halbrund um die runde Bühne sorgt für eine extrem plastische Ausbreitung auch komplexester Hörereignisse. Bei dieser Musik, die sich dem unmittelbaren Klangereignis widmet, hatte man das Gefühl, dass alles im eigenen Kopf stattfindet.
Mirela Ivičević ist eine kroatische Komponistin und gehört zu den jungen Wilden der Szene, die unerschöpflich aus heutigen musikalischen Möglichkeiten schöpft. Ihr Stück „Black Moon Lilith“ (2019/21) bot zunächst ätherische Klangpoesie mit ausgiebigen Flageolett-Experimenten – diese obertonreichen, fast unwirklichen Töne, bei denen man sich wunderte, welche Klänge überhaupt von Streichinstrumenten erzeugt werden können.

Aber Ivičević bleibt nicht in der Kontemplation stehen. Im weiteren Verlauf gebärdet sich die Musik wild und roh, bricht aus der ätherischen Sphäre aus in wütende elementare Kraftentfaltung. Klangliche Zuspitzungen, heftige Impulse, dramatische Dynamikkontraste zwischen äußerster Zurücknahme und explosiver Entladung – ein Stück, das seine spirituelle Dimension nicht in Ruhe münden lässt, sondern in ekstatische, fast dionysische Ausbrüche. Das Rundfunk-Sinfonieorchester meisterte auch diese Klangexkursionen mit beeindruckender Präzision.
Revolte mit Kirmes-Musik
Richtig politisch wurde es bei Mikel Urquizas Uraufführung „Un désir démesuré d’amitié“. Der Titel zielt auf ein maßloses Verlangen nach Freundschaft ab, aber dafür wird erstmal die Revolte ausgerufen. Ein regelrechtes Trommelfeuer durch Bassdrum-Gepolter entfacht einen Aufruhr, schwungvolles Schlagwerk treibt die Musik voran, Glissandi lassen keinen Stein auf dem anderen, ein ständiges Sich-Bälle-Zuspielen und Artikulieren von Weckrufen – die bei diesem baskischen Musiker, der sich auch im antifaschistischen Widerstand engagiert, immer politisch gemeint sind.
Nach elegischen Zwischentönen wurde das Ganze parodistischer. Marsch-Elemente mischten sich mit Anflügen von Kirmes-Musik. Das Trio Catch – Martin Adámek (Klarinette), Eva Boesch (Cello) und Sun-Young Nam (Klavier) – agierte raffiniert und virtuos. Die drei hatten wie in einem klassischen Tripelkonzert zu dritt eine solistische Funktion gegenüber dem Orchester. Auch hier wurde offenbar, wie aus einer alten Form ganz neues Leben erwächst, sobald sämtliche musikalischen und orchestralen Parameter aus den Komfortzonen des Formalen und Gewohnten befreit werden.
Der österreichische Dirigent Patrick Hahn hatte das etwa hundertköpfige Orchester bestens im Griff. Es ist schon ein Wunder für sich, wenn sich so viele Menschen mit physischen Instrumenten allein durch deren perfekte Beherrschung, aber noch mehr durch die Kunst des Zuhörens in einem so komplexen, unberechenbaren, klanglich oft extremen Konsens synchronisieren. Diese Faszination erschließt sich auch jedem, der sich vielleicht nicht als „Kenner“ der Neuen Musik betrachtet. Luciano Berio hätte an diesem Abend wohl seine Freude gehabt. Sein „Bewegung“ war kein nostalgischer Rückblick, sondern genau das, was der Titel verspricht – ein Motor, der die Musik in Bewegung hält, auch hundert Jahre nach seiner Geburt. Und die alten Formen – Passacaglia, Violinkonzert, Tripelkonzert – erwiesen sich einmal mehr als tragfähige Gefäße für die Freiheiten der Moderne. Demokratisiert, ironisiert, neu erfunden.
Das Konzert steht hier zum Nachhören auf dem WDR 3 Konzertplayer bereit.
Titelfoto © WDR / Simin Kianmehr


