Franz Schubert gilt als einer der intimsten Komponisten der Musikgeschichte. Seine Lieder erzählen von Einsamkeit, Sehnsucht und der Suche nach Zugehörigkeit – mit einer melodischen Unmittelbarkeit, die auch nach zweihundert Jahren nichts von ihrer Dringlichkeit verloren hat. Doch wie nähert man sich diesem Erbe, ohne in die Routinen einer erdrückenden Interpretationsgeschichte zu verfallen? Das italienische, in den Niederlanden lebende Duo Ebano – der Klarinettist Marco Danesi und der Pianist Paolo Gorini – beantwortet diese Frage auf seinem Album „Dear Franz“ ebenso mutig wie klug. Zum zehnjährigen Bestehen ihres Ensembles dekonstruieren sie Schuberts Winterreise, den Erlkönig und späte Klaviersonaten – und setzen sie aus einem zeitgenössischen Klangbewusstsein neu zusammen. Duduk, Toy Piano, Synthesizer und Extended Piano Techniques treffen auf Wiener Romantik.
Im Gespräch erzählt Marco Danesi, warum Schubert eigentlich ein Popmusiker war, wie ein Brief an einen toten Komponisten entstand – und warum die Geduld, Altes neu zu denken, vielleicht der wichtigste Beitrag zur Zukunft der klassischen Musik ist.
Duo Ebano und die Suche nach einem neuen Schubert
Was hat euch dazu gebracht, euch ausgerechnet zum zehnjährigen Jubiläum Franz Schubert zu widmen?
Paolo und ich lieben Schuberts Musik – so einfach ist das. Zum Jubiläum wollten wir etwas Persönliches machen, und Schubert bedeutet uns beiden viel, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Gleichzeitig gibt es von ihm kaum Werke für unsere Besetzung Klarinette und Klavier. Mit Duo Ebano haben wir immer versucht, unser Repertoire zu erweitern. Also lag es nahe, Schuberts Musik in unsere Klangwelt zu holen – und damit zugleich etwas Neues für unsere Formation zu schaffen.
Wie habt ihr die Stücke ausgewählt und zu dieser schlüssigen Dramaturgie zusammengefügt?
Unser Ausgangspunkt war das einzige Originalwerk Schuberts für unsere Besetzung: „Der Hirt auf dem Felsen“ für Klarinette, Klavier und Sopran. Von Anfang an war klar, dass dieses Stück im Zentrum des Albums stehen würde – auch dramaturgisch und chronologisch. Von dort aus wollten wir starten: bei hundert Prozent purem Schubert, unangetastet.
Dann faszinierte uns die Winterreise als übergreifende Erzählung. Wir beginnen mit „Gute Nacht“ und enden mit „Der Leiermann“, genau wie im Original. Das spiegelt auch unsere eigene Entwicklung als Duo in diesen zehn Jahren. Das Arrangement von „Gute Nacht“ war eines der ersten, das Paolo geschrieben hat – noch bevor wir überhaupt an ein Album dachten. Dass „Der Leiermann“ den Schlusspunkt setzt, ergab sich ganz organisch.
Bei den Sonaten bemerkten wir, wie organisch das Andante aus D 960 und das Andantino aus D 959 ineinandergreifen. Paolo hat diese Verbindung mit zeitgenössischer Improvisation weitergedacht und bis an Grenzen geführt. Unser Kriterium war immer: von Schubert ausgehen, sich von ihm entfernen – und zu ihm zurückkehren.
Zwischen Improvisation und komponierter Struktur
Gibt es tatsächlich improvisierte Elemente auf dem Album?
Meistens ist alles ausgeschrieben. Wirklich improvisiert sind vor allem die Momente kurz vor dem Eintritt der Melodie. Wir behalten Schuberts harmonische Struktur bei, öffnen sie aber. Je weiter die Improvisation geht, desto stärker verändert sich das Material – doch Schuberts harmonisches Fundament bleibt immer präsent.
Ihr lasst Schuberts Ideen im Zentrum, antwortet aber mit einem Klangbewusstsein von heute. Wie reflektiert ihr diese Dualität?
Wir waren als Duo und auch als Einzelkünstler immer sehr offen für zeitgenössische Musik. Diese Erfahrung wollten wir einbringen. Was uns an Schuberts Musik berührt, ist vor allem ihre Intimität – etwas zutiefst Reflektives. Ich glaube, wir müssen uns heute als Menschen und als Gesellschaft existenzielle Fragen stellen: über uns selbst und über die Entscheidungen, die wir treffen. Diese innere Befragung war zentral für unser Projekt.
Duduk, Volksmusik und globale Klangfarben
Auf dem Album erklingt sogar eine Duduk. Wie bist du zu diesem Instrument gekommen?
Das war vor drei oder vier Jahren. Ein Freund von mir, ein Oboist aus Spanien, spielte die Ghaita, ein marokkanisches Volksinstrument, eine Art Oboe. Bei einem Konzert trat auch ein großartiger Duduk-Spieler auf. Ich hörte ihn – und verliebte mich sofort in dieses Instrument.
Lustigerweise lebte dieser Musiker in Amsterdam und bot dort einen Einführungskurs an. Ich bin hingegangen, habe eine Duduk gekauft und angefangen zu spielen. Sie unterscheidet sich stark von der Klarinette, weil sie ein Doppelrohrblatt-Instrument ist. Technisch war es anfangs nicht leicht, zwischen beiden zu wechseln.
Öffnen solche Klangfarben Schuberts Musik in Richtung einer globaleren Perspektive?
Darüber habe ich so noch nie nachgedacht – aber ich mag die Idee. Ja, die Duduk ist weit entfernt von dem, was wir als westliche Musikkultur kennen. Gerade deshalb ist es spannend, sie mit Schubert zusammenzubringen.
Die Duduk wird vor allem in der Volksmusik eingesetzt – und Schuberts Musik ist in gewisser Weise ebenfalls Volksmusik. Sie war dazu gedacht, Menschen zusammenzubringen. Jeder konnte mitsingen. Diese Brücke ist für uns wichtig.
Warum Schubert heute wie Popmusik funktioniert
Siehst du Schubert als eine Art Popmusiker?
Vielleicht sollte ich das nicht zu laut sagen – aber ja: Ich denke wirklich, dass Schubert ein Popmusiker war. Vielleicht der perfekte Popmusiker des 19. Jahrhunderts. Seine Melodien brennen sich ins Gehirn ein und gehen nicht mehr weg. Genau wie gute Volksmusik oder gute Popmusik heute. Das melodische Material steht absolut im Zentrum.
Die menschliche Stimme in der Klarinette
Wie funktionierte die Transformation von der Singstimme zur Klarinette?
Wir haben die Lieder und ihre Texte intensiv studiert. Anfangs wollten wir ausschließlich Lieder arrangieren und eine direkte Verbindung zum Text herstellen. Aber das erwies sich als schwierig, weil der Text oft konstitutiv für die Aussage ist.
Der „Erlkönig“ funktioniert allerdings auch ohne Worte, weil diese Geschichte archetypisch bekannt ist. Die Klarinette gehört zu den Instrumenten, die der menschlichen Stimme am nächsten kommen. Den Text bringen wir auf andere Weise ein: In unseren Konzerten lesen wir einen Brief vor, den wir an Schubert geschrieben haben.
Ihr habt einen Brief an Franz Schubert geschrieben?
Ja. Wir sprechen ihn darin direkt an. Wir sagen ihm, dass seine Musik noch immer lebt, dass wir sie schätzen – und dass dieses Album unser Beitrag für ihn ist. Wir haben auch humorvolle Dinge hineingeschrieben: etwa, wie man jemandem aus der Vergangenheit die Erfindungen der Zukunft erklären würde. Im Kern geht es darum, mit dem Komponisten in einen Dialog zu treten und ihm zu sagen, warum wir seine Musik heute noch lieben.
Was glaubst du: Was würde Schubert über euer Projekt denken?
Ich hoffe, er würde es lieben. Er starb viel zu jung, aber in seinen letzten Werken sieht man eine enorme Entwicklung. Er selbst war Improvisator. Diese Offenheit gegenüber der Zukunft seiner Musik passt zu unserem Ansatz. Ich denke gern, dass er glücklich gewesen wäre.
Klassische Musik zwischen Tradition und Zukunft
Ist „Dear Franz“ auch ein Beitrag zur Zukunftsfähigkeit der klassischen Musik?
Das ist eine sehr wichtige und dringende Frage. Ich bin selbst Orchestermusiker und sehe die Herausforderungen von Konzerthäusern, ein jüngeres Publikum zu erreichen.
Wir haben in den letzten zehn Jahren viel zeitgenössische Musik gespielt und gemerkt, dass sie manchmal zu radikal ist, um breitere Schichten mitzunehmen. Bei „Dear Franz“ hören die Menschen die Musik mit ihrem Wissen um den „echten“ Schubert. Wenn man etwas Neues einführt, aber den Zugang erhält, entsteht Offenheit statt Abwehr. Unser Ansatz – von Schubert auszugehen, sich mit zeitgenössischen Klängen von ihm zu entfernen und wieder zu ihm zurückzukehren – könnte ein Modell sein, um mehr Menschen für diese Musik zu gewinnen. Es geht darum, beide Seiten eines wachsenden Grabens zu verbinden, bevor er unüberbrückbar wird.
Wie geht es weiter mit Duo Ebano?
Wir genießen erst einmal diesen Moment. Das Album ist gerade erschienen, wir spielen in dieser Saison Konzerte und planen für 2027/2028 eine längere Tour – passend zum Schubert-Jubiläumsjahr. Das war zwar nicht der Ausgangspunkt unseres Projekts, ist aber eine schöne Koinzidenz. Bevor wir uns in ein neues großes Projekt stürzen, wollen wir sehen, wie das Publikum reagiert und aus den Rückmeldungen lernen. Wir sind überzeugt: Geduld ist essenziell. Qualität ist wichtiger als Quantität. Und wenn dieses Projekt gereift ist, werden wir uns wieder selbst herausfordern.
Marco Danesi, vielen Dank für dieses Gespräch
Titelfoto © Flavio Ianniello


