Die Berliner Philharmoniker spielen Sibelius und Brahms unter Herbert Blomstedt

Von Katja Zakotnik

„Die meisten Musiker sind melancholisch“, sagt Herbert Blomstedt im Interview zum Konzert mit den Berliner Philharmonikern am 10. Juni (bzw. live in der Digital Concert Hall am 12. Juni), „aber sie sind auch fröhlich, das wechselt sehr viel.“ Dieser Satz dürfte eine leichte Untertreibung dessen sein, was die meisten Musiker*innen grundsätzlich, aber gerade im letzten Jahr, vermutlich empfunden haben. So stellt sich schon vor dem Konzert die Frage: Ist es überhaupt möglich, es sich anzuhören, ohne sämtliche Taschentuch-Vorräte aufzubrauchen? Und zwar nicht nur wegen der sich entladenden Verzweiflung in der Sinfonie von Sibelius, sondern auch wegen des Wunsches nach Hoffnung, sie möge doch vorbei sein, die Zeit der Verbote und der Einschränkungen.

Herbert Blomstedt
Herbert Blomstedt – Foto: Martin Lengemann


Vielleicht ist es grundsätzlich so, dass kaum ein Werk so sehr für die Qualen des Corona-Jahres stehen kann wie eine Sinfonie von Jean Sibelius. Der Komponist selbst schrieb die Vierte in einer äußerst schwierigen Zeit, wie Herbert Blomstedt im Interview erklärt. Das betraf sowohl die politischen Spannungen (Finnland war immer noch an das Kaiserreich Russland angegliedert, eigenständig wurde das Land 1917, die Sinfonie entstand sechs Jahre davor) als auch die private Situation. In Sibelius’ Hals hatte sich ein Tumor entwickelt, „zuviele Zigaretten… und Wodka“, erläutert Herbert Blomstedt. Es musste Abstinenz folgen und auch wenn diese nicht allein verantwortlich gewesen sein konnte für das Ringen in der vierten Sinfonie, so hat man den Verzicht beim Hören doch deutlich vor Augen. Bereits das Cellosolo zu Beginn macht einem einen Knoten im Magen und so sehr die Berliner Philharmoniker die hellen Elemente wundervoll differenziert einstreuen, so sehr bringen sie immer wieder die dunkle, raue Welt hinein. Herbert Blomstedt am Dirigierpult spannt eine Welt, die einer Legende gleicht, würde sie nicht vor Ort passieren. Er vermittelt Kraft, ohne kraftvolle Bewegungen zu machen. Und er bringt die Musik in eine einzigartige Klarheit, die wohl nur solch einer Persönlichkeit entspringen kann. 

Herbert Blomstedt erklärt

Denn Blomstedts Geburtstag naht im Juli und es sind dann 94 Jahre Leben, auf die er blicken kann. Die beeindruckenden Meilensteine kann man kaum zählen. In Stockholm gab er als 27-jähriger mit dem Philharmonischen Orchester sein Debüt, seitdem dirigierte er fast alle großen Orchester. Kein Studium der Welt kann diese Erfahrung ersetzen und das ist in diesem Konzert deutlich zu hören. Nebenbei ist seine Art, ein Werk zu erklären, Gold wert (an dieser Stelle sei gesagt, dass das Interview zum Konzert in der Digital Concert Hall kostenlos angesehen werden kann), denn er beginnt wichtige musikalische Themen unmittelbar zu singen, erklärt den Tritonus und warum es genau dieser ist, der in der vierten (und übrigens auch dritten) Sinfonie von Jean Sibelius über allem schwebt.

Das Gleiche lässt sich auch über die Interpretation der dritten Sinfonie von Johannes Brahms sagen. Durch den Dirigenten fein differenziert, scheint das Orchester sich geradezu von Sibelius zu „befreien“ und spielt die Brahmsschen Themen voller Leidenschaft. Brahms in der Berliner Philharmonie zu hören ist schon wegen der wundervollen Bläser ein zu Herzen gehendes Vergnügen. In dieser Komposition lässt Brahms die Holzbläser mit kleinen Variationen seiner Themen spielen, während die Streicher die langen Linien zärtlich ziehen dürfen. Dies ist vor allem im zweiten Satz ein genussvoller Moment, sehr ähnlich wie auch in seinem Violinkonzert zum Beispiel. 

„Brahms weiß, wie er uns verzaubert“, sagt Blomstedt, „aber auch uns ein bisschen unsicher macht“. Er vergleicht Brahms‘ Musik mit dem Bild von Leonardo da Vincis Mona Lisa, bei dem man nicht wisse, ob sie eigentlich lächele – oder sei sie nur „halb glücklich“?

Unwissend, was uns erwartet

Typisch für Brahms ist, dass er mit den Auftakten spielt, oft sind diese betont anstatt der Taktbeginn. Er bewegt gerne Zweierrhythmen gegen Dreierrhythmen, was in den späten Kammermusikwerken schon mal diffizil werden kann.

Spätestens am Anfang des dritten Satzes der dritten Sinfonie kommen alle Menschen, die den Celloton lieben, auf ihre Kosten. Das schöne Thema wird von den Celli vorgestellt und im Anschluss verzweigen sich die Bläser und Streicher zu einem Liebesspiel. Doch, so sagt Herbert Blomstedt, der Schluss sei das allerschönste. Zitate aus dem ersten Satz lassen einen am Ziel fühlen. „Unsere Erfahrung ist: wir lieben es dramatisch. Aber das wirklich Schöne ist die Ruhe, wenn alles vorüber ist und wenn man glücklich ist, was man alles erlebt hat.“

In diesem Fall kann man sagen: man ist glücklich, wenn man dieses Konzert erlebt hat. Wenn man gehört hat, wie Hingabe auf Präzision gestoßen ist und man der Verzweiflung und der Hoffnung Raum geben konnte. Unwissend, was uns erwartet.

Die Mitwirkenden

BERLINER PHILHARMONIKER

HERBERT BLOMSTEDT

Das Programm

Jean Sibelius 

Symphony No. 4 in A minor, op. 63 (38 min.)

Johannes Brahms 

Symphony No. 3 in F major, op. 90 (43 min.)

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